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Andris Nelsons, Yefim Bronfman: Das Zarte, das aus der Kraft kommt

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Von: Judith von Sternburg

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Andris Nelsons im Streichermeer. Tibor Pluto/Alte Oper
Andris Nelsons im Streichermeer. Tibor Pluto/Alte Oper © Tibor-Florestan Pluto

Die Münchner Philharmoniker mit Andris Nelsons und Yefim Bronfman

Es gibt zwar ein bisschen Aufregung über abgesagte russische Konzertstücke und Opern. Aber man sollte nicht aus dem Blick verlieren, dass das Ausnahmen sind. Und an sich wird dadurch vor allem deutlich, was für eine Rolle das russische Repertoire in der E-Musik spielt – und wie beeindruckend es ist, dass es einmal die E-Musik, überhaupt die sogenannte Hochkultur ist, die zu einem Ort einer spannenden Auseinandersetzung wird.

Ohnehin kann das Frankfurter Konzertpublikum unterdessen von einem russischen Programm zum nächsten jagen, so dass man sich nicht direkt Sorge um die Präsenz russischer Kultur machen muss. Freilich traten die Münchner Philharmoniker nun ohne den seines Chefamtes enthobenen Valery Gergiev an, dafür mit Andris Nelsons als genialem Ersatz und perfektem Pendant zum Solisten des Abends, Yefim Bronfman. Sergej Rachmaninows 3. Klavierkonzert ist im Solopart das mit den besonders vielen, den allermeisten Noten, dessen Schwierigkeitsgrad also quantifizierbar ist, aber Bronfmans erstaunliches Spiel ist weit entfernt von einem sportlichen Hochleistungsakt. Der große schwere Mensch mit den großen schweren Händen rührt auf der Klaviatur und holt Zärtlichkeit und Melancholie heraus. Eine Musik, die völlig entspannt wirkt, obwohl Stürme wogen und die Tempi hoch sind und sich der Pianist große dramatische Bögen spannt. Ohne Prätention und fast ohne große Gesten ist das ein (entsprechend bejubeltes) Bravourstück, eine völlig in Musik übergegangene Virtuosität.

Unaufdringlichkeit in höchster Leidenschaft ist insgesamt eine Devise. Nelsons führt das hochsensible Orchester durch eine zurückhaltende, aber intensive Begleitung. Keinem scheint hier etwas zu entgehen – Blickkontakt wird ebenfalls gehalten –, und dass auch Nelsons ein eher massiver Mann ist, macht seinen leichtfüßigen und äußerst dezenten Tanz auf dem Pult besonders schön. Das Zarteste entwächst aus dem Kraftvollsten: ein in der Musik zwar vertrautes, aber nicht immer so gut zu sehendes Phänomen.

Auch die 5. Sinfonie von Sergej Prokofjew ist nicht schroff, aber doch widerständig. Das tänzerisch Leichte vermag rasch umzuschlagen ins Aggressive – natürlich lernt man aus der Musik ständig etwas fürs Leben hier draußen –, dann auch ins Gewalttätige und schließlich im Allegro giocoso mit seinem Schlagzeuggedonner ins Knallige. In einer Prokofjew-Sinfonie ist Eskalation aber ausschließlich ein Vorzug.

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