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„Anatolische Grenzüberschreitungen“ in der Alten Oper Frankfurt: Neigung zum Schönen

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Von: Stefan Michalzik

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Die Reihe „Musiken der Welt“ in der Alten Oper Frankfurt, diesmal mit „Anatolischen Grenzüberschreitungen“.

Wegen seiner geographischen Lage ist Anatolien historisch ein Ort der Passagen und der kulturellen Vermischung, der geschichtliche Hintergrund freilich geprägt von imperialer Unterwerfung und Versklavung. Im Osmanischen Reich, das sich zum Zeitpunkt seiner weitesten Expansion im 17. Jahrhundert vom Balkan über Anatolien und den Kaukasus, den Nahen Osten und die arabische Halbinsel bis in den Maghreb erstreckte, wurden ethnische Minderheiten wie Aleviten, Armenier, Jesiden und Kurden diskriminiert und verfolgt – und die 1923 gegründete Türkei schreibt den Übelstand bekanntlich teils bis in die Gegenwart fort. Eine Symbolik der Versöhnung und Verständigung schwingt mit, wenn zwei Musiker unterschiedlicher ethnischer Herkunft aus der Region zusammen auf einer Bühne stehen.

Der armenische Duduk-Virtuose Vardan Hovanissian und der türkische Saz-Spieler Emre Gültekin waren das erste von zwei Duos beim Saisonauftakt der Weltmusik-Reihe der Frankfurter Alten Oper – wie im Programmheft betont „am Vorabend“ des 100. Jahrestags des Türkei-Abkommens von Lausanne 2023. „Anatolische Grenzüberschreitungen“ hieß der Abend.

Von ausgeprägt kontemplativem Charakter ist Hovanissian/Gültekins zeitgenössische Überschreibung von Volksmusik mit ihren Klage- und Sehnsuchtsgesängen wie auch Schemen von Tanzmelodien auf dem oboenähnlichen kaukasisch-armenischen Doppelrohrblattinstrument und der türkischen Langhalslaute. Überwiegend blieb es instrumental, gelegentlich sang Gültekin in Anknüpfung an die Musik der bis ins Mittelalter zurückreichenden Tradition der Asik, der Barden dieser Region. Das neigt sehr zum Schönen, meidet aber zuverlässig gerade noch die Kitschgrenze.

Der Drang ins Offene

Spielerischer, mit einem ausgeprägteren Drang ins Offene der Ansatz des Gespanns um den katalanischstämmigen französischen Bassisten Renaud Garcia-Fons und Derya Türkan an der in der höfisch-klassischen osmanischen Musik verwurzelten, birnenförmigen dreisaitigen Kniegeige Kemençe. Garcia-Fons und Türkan schlagen einen Bogen zwischen dem arabischen Tonsystem Maquam, indischem Raga und andalusischem Flamenco – der ja seinerseits Wurzeln in der indischen Musik hat. Zuweilen swingt die Musik dieses Duos elegant. Türkan treibt die Nähe des Klangs der Kemençe zur menschlichen Stimme auf die Spitze. Garcia-Fons löst sein Instrument von der rhythmisch dienenden Rolle ab; er spielt viel mit dem Bogen, den er federnd handhabt, mit einem Hang zum Perkussiven. Mit den Mitteln der Elektronik geht er diesmal zurückhaltend um.

Das ist alles griffig, mit pointiert gebundenen Schlüssen beispielsweise – und doch bewegt es sich in improvisatorischer Umtriebigkeit fernab „weltmusikalischer“ Klischees.

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