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Viele Lernwillige trafen sich zum Großprojekt "The Great Learning".

"The Great Learning" Alte Oper

Anarchische Balance

Wo sich mit frohem Mut viele Frankfurter trafen: Cornelius Cardews musikalisches Lernvergnügen in der Alten Oper.

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Es begann auf dem Opernplatz fast wie bei der Basler Fasnacht. Überall verteilt kleine Musikergruppen, Kinder darunter, zumeist acht Vokalisten und ein Schlagzeuger. Dumpf peitschende Trommelgeräusche und uriges Singen. Publikum und Passanten mischten sich unter die Musikanten, flanierten von einer Gruppe zur anderen. Weniger gruslige als archaische Klangeindrücke, mit denen die Besucher dann auch ins Haus gelockt wurden und in den Großen Saal.

Hier vollzog sich, angeführt vom Dirigenten Titus Engel, der erste Abschnitt der siebenteiligen Komposition „The Great Learning“ von Cornelius Cardew, ein breitflächiges Tableau für Sprechchöre mit wunderlichen Blasmusikeinlagen und, von den Galerien aus, einer raffinierten Interpunktion aus gegeneinander geschlagenen Steinen; ein Effekt wie von besonders zarten Kastagnetten oder brutzelnden Bratpfannen. Dazu entwickelte Anna Linß auf der Orgel eine flexible, klangfarblich reich schattierte akustische Folie.

Angeregt von Konfuzius-Texten

Die Großkomposition „The Great Learning“ wurde angeregt von Konfuzius-Texten, die im Verlauf der Aufführung auch (auf Englisch) rezitiert werden. Der britische Autor (er kam 1981 bei einem Straßenunfall um), zeitweise Mitarbeiter von Stockhausen und auch von John Cage beeinflusst, verbindet mit dieser Konzeption ein musikalisches mit einem sozialen Experiment. In die teils genau notierte, teils aus Graphiken oder Spielanweisungen bestehende Komposition fließen also zahlreiche Zufälligkeiten ein. Diese anarchischen Elemente so in Balance zu halten, dass ein plausibler Zusammenhang entsteht, erfordert bei der Realisierung eine beträchtliche Organisationsleistung.

Zumal die Kernidee des Stückes darauf hinausläuft, eine möglichst große Zahl von Mitwirkenden zusammenzuführen, Profis und Laien, und irgendwie sollte sich auch das anwesende Publikum (oft mitten unter den Musikern sitzend oder gehend) in die Aktionen einbezogen fühlen und am „Lernprozess“ teilnehmen.

Dieser Aspekt war es wohl auch, der das ungewöhnliche Vorhaben für die derzeitige Programmatik der Frankfurter Alten Oper attraktiv machte. Mit dem Cardew-Projekt war auch zu „lernen“, wie der herkömmliche Konzertrahmen lustvoll aufzubrechen, andere Formen der Musikvermittlung und -teilnahme möglich wären. Und die bis in entferntere Winkel klingend belebte Konzertinstitution konnte sich auch für die nicht mit ihr Vertrauten als interessantes Erkundungsgelände darstellen.

Ein schlankes Mammut

Eine neunstündige Aufführung ergäben die nacheinander exekutierten Werkteile („Paragraphen“ genannt). Die Frankfurter Wiedergabe, ein schlankes Mammut, ergab gerade mal drei Stunden. Eine angenehme Länge, die dem zahlreichen und sichtlich animierten Publikum das Durchhalten leicht machte. Mit der zeitsparenden Simultanaufführung der Paragraphen 3-6 entstand auch so etwas wie eine hierarchisierende Gliederung, die quasi-kammermusikalische Ereignisse von den „Plenum“-Sektionen abhob. In Mozartsaal oder Mangelsdorff-Foyer herrschte also Nähe zu den Akteuren, während beim „Musica a piazza“-Anfang (§ 2) oder den Rahmenauftritten im Großen Saal (§ 1 und § 7) pauschalere Eindrücke zustandekamen.

Insgesamt waren rund 350 Mitwirkende aufgeboten, vor allem Choristen und Schlagzeuger. Von Laien-Sangeskollektiven bis zu ambitionierten Kammer- und Motettenchören war sozusagen die gesamte Region an diesem vom mit avancierten Vorhaben vertrauten Regisseur Matthias Rebstock koordinierten Ereignis beteiligt.

Auch für Schönheitssucher

Auch Schönheitssucher kamen auf ihre Kosten. Es gab zauberhafte Mini-Pointen wie den Gongspieler, der, nachdem ihm ein anderer den Metallteller wegreißt und scheppernd auf den Boden schmeißt, unbeirrbar in der Bewegung mit dem imaginären Gong festhält (§ 5). Oder die neuartige Langstrecken-Hörerfahrung, dass (§ 7) sich ein nicht fixiertes hundertstimmiges Singen kaum dissonant, sondern in glockig-obertöniger „Harmonie“ zusammenfindet, die nur mit Willenskraft durch einzelne Störfeuer „dissonant“ zu attackieren ist.

Mindestens zwei große musikalische Augenblicke waren zu erleben: das unendlich langsame Verklingen der Orgel im ersten Teil und das in Wellen sich nähernde Eindringen des vielstimmigen Gesangsstroms beim Abschluss im Großen Saal. Elementarerfahrungen, von „modernem“ Kunstverstand wieder zugänglich gemacht. Und von vielen Menschen (für andere Menschen) unter minimalem „Maschinen“-Aufwand zum Klingen gebracht. Eine geglückte, beglückende Veranstaltung.

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