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Erika Haase hat Schumanns Klavieretüden eingespielt.

CDs mit raren Werken

Alte und neue Fingerbrecherchen

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Früher stand in jeder halbwegs (bildungs)bürgerlichen Wohnung ein Klavier. Bei der Menge an Kompositionen, die deshalb entstanden, fällt auch ein großer Teil dem Vergessen anheim: Hier einmal CDs mit raren Werken.

Früher stand in jeder halbwegs (bildungs)bürgerlichen Wohnung ein Klavier, und so ist es kein Wunder, dass für dieses Instrument bis ins 20. Jahrhundert hinein mehr komponiert wurde als für jede andere Besetzung. Die Programme heutiger Solo-Klavierabende spiegeln davon nur mehr wenig wider; sie führen oft nur bekannte Schlachtrösser vor.

Schumanns "Symphonischen Etüden" begegnet man noch gelegentlich, doch Erika Haase spielt davon auch die fünf vom Autor aussortierten Variationen, die nicht minder fesselnd und gestaltenreich sind als die kanonisierten. Eine der beiden CDs gilt weniger geläufigen Schumannwerken wie den Studien und Etüden nach Paganini und den Studien für Pedalflügel, welch letztere Debussy für zwei Klaviere bearbeitete.

Neues zum Schusterfleck

Hier beteiligt sich Erika Haases Kollegin Carmen Piazzini, gleichfalls (Wahl-)Darmstädterin. Im luzid-bedachtsamen, immer wieder zu kontrolliert virtuoser Spielfreude auflaufenden Klavierstil lassen sie die gemeinsame Schule des schwedischen Pianisten Hans Leygraf erkennen. Auch Carmen Piazzini hat eine Doppel-CD mit markantem Programm vorgelegt. Ihre besondere Attraktion sind die Diabelli-Variationen - nun ja, die von Beethoven, aber sie werden sozusagen als 50-minütige Zugabe mitgeliefert und figurieren als Pendant zu den ganz neuen von Franz Hummel (dem Komponisten des König-Ludwig-Musicals), der sich das starke Stück erlaubte, das Beethoven´sche Hämmern und Klopfen an dem derb-jämmerlichen "Schusterfleck" Diabellis in seiner Parade von ebenfalls 33 Kabinettstückchen mit teils fingerbrechender Akrobatik noch zu übertrumpfen. Beethovens seltsame Krönung des Zyklus mit einer (quasi altmodischen) Fuge und menuett-artiger Arie imitiert Hummel klugerweise nicht; sein Abschluss eines jazzoiden Teufelstanzes entspricht einer kompositorischen Haltung, die sich mehr mit Alleskönnerschaft als mit dialektischem Tiefsinn an Vergangenes erinnert.

Der Name Ignaz Brüll mag für einen Musiker frappierend zünftig erscheinen, und doch ist es um seinen Träger, den aus Mähren stammenden Komponisten und Brahms-Freund, der bis zu seinem Tode 1907 vorwiegend in Wien lebte und wirkte, still geworden. So sind es nahezu Klavier-Geheimnisse, die die Thüringer Pianisten Alexandra Oehler auf einer randvollen CD dem Vergessen entreißt. Einiges Kleinformatige überschreitet kaum den romantisch-poetischen Dunstkreis salonhaft-gepflegter Schumann- und Grieg-Inspiration. Die Sonate d-Moll indes (und fast auch noch die Suite Nr.2) hat doch so etwas wie expressives Löwenformat. Bewundernswert die subtil ausbalancierten formalen Proportionen der Sonate: der komprimierte, leise verklingende Kopfsatz, die vergrößerte Spannung des gewichtigen Finales, eingeschlossen charaktervolle Mittelsätze. Auch klavieristisch argumentiert Alexandra Oehler überzeugend.

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