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Der alte Mann und die junge Liebe

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Neil Young, konzertierend.
Neil Young, konzertierend. © REUTERS

„Storytone“, das neue Album von Neil Young, gibt es einmal mit und einmal ohne Orchesteropulenz. Ohne ist besser.

Von Frank Junghänel

Auf seinem im Mai erschienenen Album „A Letter Home“ spricht Neil Young eingangs kurz mit seiner verstorbenen Mutter („Hi, Mom“), um ihr außer über das Wetter auch mitzuteilen, dass es für ihn noch einiges auf Erden zu tun gebe, ehe sie sich irgendwann wiedersähen. Danach singt er einige schöne Lieder fremder Künstler, die in einer Art Telefonzelle aus dem Jahr 1947 mitgeschnitten wurden, weshalb sie für heutige Ohren schier unhörbar sind. Auf seiner Herbstplatte macht er nun das Gegenteil: Für „Storytone“ hat er ein Orchester engagiert, das maximalen Wohlklang garantiert.

Es ist nicht das erste Mal, dass bei ihm kräftig gegeigt und trompetet wird, auf der LP „Harvest“ von 1972 sind mit „A Man Needs a Maid“ und „There’s a World“ zwei Kompositionen, die von dem genialen Arrangeur Jack Nitzsche für das London Symphony Orchestra bearbeitet wurden.

Im Unterschied sind die Aufnahmen diesmal weniger kunstvoll als kitschig ausgefallen, was aber zu verschmerzen ist, da es auf der sogenannten Deluxe-Edition alle zehn Songs in ihren nackten Versionen zu hören gibt. Ein Luxus, den man sich leisten sollte, zudem die Doppel-CD kaum teurer ist als die vergeigte. Letztlich ist es Geschmackssache, vieles aber spricht dafür, die Demos zu favorisieren und die Orchesterfassung als Bonus zu betrachten.

Wie er seiner Mom sagte

Wie er neulich seiner Mom sagte, hat Neil Young noch einiges vor im Leben. Jüngst trennte er sich, nach 36 Jahren, von seiner Ehefrau Pegi, um sich der Schauspielerin Daryl Hannah zuzuwenden. So ist man versucht, aus den neuen Liedern Trennungsschmerz und Neubeginn herauszuhören, etwa bei dem Stück, das den Titel „I’m Glad I Found You“ trägt. Wie sich der alte Mann noch einmal den Fährnissen einer jungen Liebe aussetzen möchte, das ist durchaus berührend und frei von öligem Sentiment. Nachtragend ist er aber auch, in dem Song „Like You Used To Do“ singt er die gemeine Zeile: „I got my problems, but they mostly show up with you.“

Intime Songs wie „Glimmer“, „When I Watch You Sleeping“ und „Plastic Flowers“, zu Gitarre, Klavier und Mundharmonika vorgetragen, ziehen sich durch Youngs Schaffen. Von Zeit zu Zeit bilden sie einen akustischen Kontrapunkt zu den Hauptwerken mit seiner Band Crazy Horse. Landeten sie zuletzt meist irgendwo als Anhängsel, gibt es solche besinnlichen Weisen zum ersten Mal seit der Platte „Silver & Gold“ vor 15 Jahren wieder in Albumlänge.

Natürlich darf wie immer bei Neil Young ein Totalausfall nicht fehlen. Diesmal ist es die Ökonummer „Who’s Gonna Stand Up“, in der er ein dreistrophiges Sofortprogramm entwirft, in das man gern sofort einstimmen möchte, wenn es nicht gleich wieder um die Rettung der ganzen Welt ginge.

Neil Young: Storytone (Reprise/Warner).

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