Alexandre Tharaud

Als wär’s eine Sinfonie von Rachmaninow

  • vonBernhard Uske
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88 Tasten, die die Welt der großen Musik bedeuten können: Alexandre Tharaud in der Alten Oper.

Seit dem Beginn des massentauglichen Konzertwesens im 19. Jahrhundert war das Klavier der Orchesterersatzstoff, mit dem man sich die gesamte, selten im Konzert einmal zu erlebende musikalische Literatur zu Gemüte führen konnte. Selber spielend, zwei- oder vierhändig, saß man vor den 88 Tasten, die die Welt der großen Musik bedeuten konnten. Transkribiert natürlich für das Instrument, das man, in Analogie zu der Stubentiger genannten Hauskatze, ein Stubenorchester nennen konnte. Erstaunlich, das unter den konzertanten Einschränkungen der Gegenwart sich kaum einer dieser Funktion des Flügels besinnt und etwa sämtliche Beethoven-Sinfonien spielt, die Franz Liszt für das Klavier transkribierte, oder die Bach-Übersetzungen Ferruccio Busonis.

An das heimische Klangmöbel in solcher Funktion erinnerte der Auftritt Alexandre Tharauds im Mozart-Saal der Alten Oper Frankfurt, wo der 52-jährige Franzose eine Fasson des Klavierspiels bot, die tatsächlich als orchestraler Ersatzstoff wirkte.

Bei Sergej Rachmaninow war sie bei dessen Fünf Fantasiestücken op.3 besonders treffend. Die in den Tonmassen gebundene Expressivität bot Tharaud in fast aufschlagender, dem Tastendonner nahekommender Manier. Nicht mit der Wucht alter Pranken-Artistik, aber doch mit einer Vollgriffigkeit, die sich viele hier schamhaft verkneifen würden. Exhibitionen, wie man sie von den Rachmaninow-Sinfonien kennt.

Zu Beginn hatte Tharaud sein Instrument als veritablen Klangmultiplikator genutzt, indem er Werke der cembalistischen Ära auf dem großen Flügel spielte: vier Sonaten von Domenico Scarlatti, dem italienisch-spanischen Eckpunkt jenes klavieristischen Dreiecks, deren andere Punkte François Couperin und Johann Sebastian Bach sind. Clara Haskil hatte mit ihren legendären Scarlatti-Interpretationen auf dem Pianoforte 1951 Furore gemacht und die vom silbrigen Zirpenton befreite Gestaltungskraft Scarlattis in die Nähe eines klassisch-romantischen Ausdrucks gebracht. Tharaud knüpfte hier an, legte aber viel Wert auf die bizarren, ins Schrille und tektonisch fast Absonderliche gehenden Momente dieser Musik.

Von Maurice Ravel erklangen „Miroirs“ – „Spiegel“, wo die Sätze mit „Nachtfalter“, „Traurige Vögel“, „Das Tal der Glocken“, „Ein Boot auf dem Meer“ und „Morgenständchen eines Narren“ betitelt sind. Musik als Verwandlerin von Visuellem in Gestisches. Tonkörper in ballettförmigen Posituren. Manchmal klang dabei in der unversonnenen pianistisch-orchestralen Haltung Tharauds, der beherrscht spielt, nicht nur ein exzentrischerer Rachmaninow, sondern auch ein reservierterer Sacre-Strawinsky an.

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