Musik

„Für immer“ von Christopher Seiler und Bernhard Speer: Ins Sentimentale und wieder heraus

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Alpen-Hip-Hop und mehr: Christopher Seilers und Bernhard Speers drittes Album. 

Die Jungs legen Wert auf Rhythmus, das gilt auch für den Wechsel zwischen Studioaufenthalten und Liveauftritten. Nach dem ersten eher einer Laune entsprungenen Album „Ham kummst“ im Jahr 2015 folgte kaum zwei Jahre später das deutlich gereifte „Und Weida?“, auf dem der Schauspieler Christopher Seiler und der Filmemacher Bernhard Speer auf unangestrengte Weise ernst machten mit ihrer Zweitkarriere als Musiker. Seither gelten Seiler und Speer als ambitionierte Vertreter des zuletzt wieder stärker wahrgenommenen Austro-Pop, ohne dabei in die Genre-Falle zu geraten.

Jetzt also schon wieder etwas Neues? Das dritte Album „Für immer“ führt zunächst mit dem an Falco erinnernden „Herr Inspektor“ ein wenig in die Irre. Das deutlich in eine Art Alpen-HipHop tendierende Stück deutet den Ehrgeiz an, die musikalischen Möglichkeiten zu erweitern. Bloß nicht festgelegt werden. Tatsächlich aber liegen die Stärken auch diesmal wieder in den in Balladenform vorgetragenen melancholisch-morbiden Einsichten über verpasste Gelegenheiten und ein viel zu schnell dahinrasendes Leben. Auch junge Leute müssen irgendwann entdecken, dass sie plötzlich alt geworden sind.

Tief im Einsamkeitsgesang

Es gehört zum Wesen des Austro-Pop, das entschlossene Abbiegen ins Sentimentale nicht zu scheuen. Mundart gerät schnell in einen Heimat-Kitsch-Verdacht. Zur Kunst kann das werden, wenn man schadlos wieder herausfindet. Seiler und Speer greifen tief in die Tasten des Einsamkeits- und „Weißt du noch?“-Gesangs, zum Beispiel in „Oid Wean“, „Weust a Mensch bist“ und „Ala Bin“, aber wer zu diesem Zeitpunkt noch zuhört, der nimmt das gemeinsame Stück mit Wolfgang Ambros, dem Gründervater des Austro-Pop, als Hommage, wenn sie darin einer verstorbenen Freundin nachtrauern. („I wö so oft dei oide Numma“). Ein bisschen wird auch über die Familienbande gespielt. Sohn Matthias Ambros spielt bei Seiler und Speer Schlagzeug.

Das Cover zeigt eine verwitterte Bank am Wegesrand, und Seiler und Speer haben darauf erneut ein paar schön klingende Songs abgelegt, die ihre musikalische Herkunft nicht leugnen, ohne dabei gestrig zu wirken. Und so erfreut man sich der Geräusche, die vom Umgreifen auf dem Gitarrenhals herrühren, was immer auch zum Ausdruck bringt, dass es sich um handgemachte Musik handelt. Dabei ist „Für immer“ in den Arrangements durchaus abwechslungsreich und vielschichtig, manchmal orchestral. Und wenn Seiler und Speer in „Principessa“ vor einer bindungsgestörten femme fatale warnen, dann scheint da ein männliches Distanzierungsbedürfnis als Muster auf, aus dem Bob Dylan („Like a Rolling Stone“) und Peter Sarstedt („Where Do You Go To (My Lovely)?“) einst große Songschreiberkunst gemacht haben. Seiler und Speer sind da zweifellos etwas bescheidener, aber ihr drittes Album insistiert mit erstaunlicher Beharrlichkeit.

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