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Der amerikanische Jazz-Gitarrist Bill Frisell beim Moerser Musikfestival.

39. Moerser Musikfestival

Alles wieder offen

Den sechssaitigen Reigen eröffnete der Norweger Terje Rypdal: Das Moersfestival ist seit jeher ein Seismograph für neue Stimmungen im Jazz: Der 39. Jahrgang über Pfingsten stand ganz im Zeichen der Gitarre. Von Wolf Kampmann

Von Wolf Kampmann

Die elektrische Gitarre. Mit John McLaughlin löste sie einst das Tenorsaxofon als innovatives Hauptinstrument des Jazz ab. Auf einer dreißigjährigen Klangreise steigerte sie ihre Expressivität mit Marc Ribot und Bill Frisell in den Exzess. Um die Jahrtausendwende musste sie ihre Kompetenzen an Turntables und herkömmliche Klangerzeuger abgeben und rückte in die zweite Reihe zurück. Doch zehn Jahre später ist sie wieder da: Das Moersfestival ist seit jeher ein feiner Seismograph für neue Stimmungen im Jazz. Der 39. Jahrgang stand somit über Pfingsten ganz im Zeichen der Gitarre.

Den sechssaitigen Reigen eröffnete der Norweger Terje Rypdal, der schon als abgeschrieben galt. Alkohol und Krankheit hatten den einstigen Klangmagier ins Abseits gezwungen. Mit einem gewaltigen Kraftakt verschafft er sich nun wieder Gehör. Gemeinsam mit der Bergen Big Band und dem dänischen Trompeter Palle Mikkelborg erzählte er unter dem Motto "Crime Scene" einen packenden Hörkrimi. Schlagzeuger Paolo Vinaccia blendete Sequenzen aus alten Filmen unter anderem von Clint Eastwood ein, die Hörner grundierten die Story in bester Manier des Film Noir, doch das Gesamtgefüge klang wie eine Hommage an den elektrischen Miles Davis. Rypdal schaute voraus, indem er mit beiden Händen in die Vergangenheit griff.

Von Krankheit gezeichnet war auch Noise-Legende Arto Lindsay, der charmant zwischen No Wave und brasilianischem Chanson changierte. Sein Auftritt wirkte wie ein Befreiungsschlag. Lindsay und seine prominent besetzte Band spielten voll auf Risiko, die Songs drohten ständig, zwischen Kitsch und Lärm den Boden zu verlieren, doch der charismatische Performer fing sie immer wieder souverän auf. Seine Gitarre traktierte der passionierte Autodidakt mit spontanen Attacken, die sich jeder harmonischen oder melodischen Erwartung verweigerten.

Bill Frisell trat gleich mit zwei Projekten auf. Sein neues Trio mit Geiger Eyvind Kang und Schlagzeuger Rudy Royston rief mit gewagten Noise-Ostinati die Wurzeln des Gitarristen im urbanen New Yorker Downtown-Jazz in Erinnerung. Lange hat man den scheuen Gitarrenstar nicht mehr so exaltiert rocken gehört. Ganz anders dagegen im Duo mit dem norwegischen Trompeter Arve Henriksen. Seit fünf Jahren hatten Reiner Michalke, künstlerischer Leiter des Festivals, und der Norweger auf dieses Treffen hingearbeitet. Es wurde betont, dass die beiden nicht nur nie zuvor zusammen gespielt, sondern nicht einmal geprobt hatten. Etwas mehr Abstimmung hätte dem Set jedoch gut getan. Die beiden stillen Klangträumer verloren sich in sphärischem Geplänkel und Banalitäten, um nur selten substantielle Momente zu finden.

Den Schlussakkord setzte Fred Frith mit seiner neuen Band Cosa Brava. Der melodische Reichtum des Quintetts war überwältigend, doch Frith und Kollegen brauchten lange, bis ihre Maschinerie in Gang kam. Nach zehnjähriger Beschäftigung mit Kammermusik muss Frith den Rocker in sich erst wieder zulassen, um unbeschwert nach vorn spielen zu können.

Der unüberhörbare Gitarrenschwerpunkt war als solcher nicht geplant, sondern ergab sich aus der allgemeinen Gemengelage des Jazz. So ist es Michalke auch nicht als Versäumnis anzukreiden, dass neue, kreative Stimmen auf der Gitarre wie etwa die New Yorkerin Mary Halvorson oder der Norweger Stian Westerhus fehlten.

Bezeichnend war jedoch, dass die großen Höhepunkte des viertägigen Fests ohne Gitarre auskamen. Etwa das Oktett des Saxofonisten und Komponisten Steve Lehman, das auf höchstem Niveau Prinzipien und Hörgewohnheiten aus der elektronischen Musik in einen akustischen Kontext zurück übersetzte. Mit Drummer Tyshawn Sorey, Trompeter Jonathan Finlayson oder Posaunist Tim Albright stellte Lehman zudem einige Jazzkoryphäen der Zukunft vor. Der fast 70-jährige Altmeister Peter Brötzmann bestätigte seinen Ruf als Berserker, überraschte jedoch in seinem elfköpfigen Chicago Tentet auch mit ungewohntem Konstruktivismus. Vor allem die Saxofonisten Ken Vandermark und Mats Gustafsson machten aus dem Set einen Tsunami spontaner Architektur. Ungewohnt poetische Töne ließen Brötzmann, Vandermark und Gustaffson mit ihrem gemeinsamen Trio Sonore in der Stadtkirche vernehmen. Die drei Holzbläser verschmolzen zu einer Orgel und trugen der Feierlichkeit des Raumes mit Gänsehautfaktor Rechnung.

Wollte man nach vier Tagen Moers ein künstlerisches Fazit ziehen, so könnte es lauten: Alles wieder offen. Neue Trends zeichnen sich ab, ob sie sich auf Dauer durchsetzen, bleibt abzuwarten. Was auf die künstlerische Substanz des Programms zutrifft, ist leider auch für das Festival selbst kennzeichnend. Niemand will und kann sich zur Zukunft äußern. Der Dissens zwischen Stadt und künstlerischer Leitung gehört schon zur Moers-Folklore. Der alljährliche Schlagabtausch mit der Lokalpolitik war für Festival-Gründer Burkhard Hennen lästige Normalität, jetzt ist auch sein Nachfolger Reiner Michalke in der Wirklichkeit angekommen. Die Verhandlungen über eine Vertragsverlängerung stehen aus, und Michalke machte deutlich, dass für ihn auch ein Leben ohne Pfingstfestival denkbar wäre.

Eine Alternative hat die veranstaltende Moers Kultur GmbH erklärtermaßen nicht. Teile der politischen Elite von Moers hoffen auf eine Abschaffung des Festivals, auch von zeitweiliger Aussetzung oder Streichung des vierten Tages ist die Rede. Die Zukunft eines der wichtigsten europäischen Umschlagplätze für innovative Musik ist stark gefährdet.

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