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Billie Eilish live im Lido.
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Billie Eilish live im Lido.

Kulturelle Aneignung

Alles nur geklaut?

  • VonRalf Schlüter
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Haben Musikstars wie Elvis Presley und Billie Eilish bei anderen abgekupfert? Selbstverständlich! Kunst ist ohne kulturelle Aneignung nicht denkbar.

Der Grammy ist so etwas wie der Oscar der Musikwelt. Billie Eilish hat ihn gleich sieben- mal gewonnen; eine fast unwirkliche Erfolgsbilanz für eine Popsängerin, die gerade mal 19 Jahre alt ist. Die Amerikanerin verdankt ihren Ruhm einer magischen Mischung aus Musik und Image: Ihre Stimme klingt bedrohlich nahe, als hauche sie uns ihre cool-melancholischen Songs direkt ins Ohr, ihr Style kombiniert bleichen Vampirlook mit grellen Oversize-Jacken, in ihren Videos weint sie schwarze Tränen oder raubt lässig eine Shopping Mall aus. Billie Eilish hat sich selbst als bizarre Teenie-Kunstfigur erfunden. Sie allein?

In redaktionellen und sozialen Medien steht der Popstar seit dem ersten Grammy-Erfolg 2020 verstärkt in der Kritik. Es heißt, Eilish habe es als weiße irisch-stämmige Frau versäumt, in ihren Dankesreden jemanden wichtiges zu erwähnen: die afroamerikanische Popkultur, von der sie viel übernommen, um nicht zu sagen: geklaut habe. Online-Magazine wie „Juelzy“ oder „Papermag“ verweisen besonders auf ihre Sprache und ihren Style: Sie singe aus Coolness-Gründen mit „schwarzem“ Akzent („blackcent“) und ihre Übergrößen-Outfits habe sie direkt aus der afroamerikanischen Streetwear der neunziger und nuller Jahre übernommen. Der Vorwurf lautet auf Bereicherung an fremden ästhetischen Ressourcen, Fachbegriff: kulturelle Aneignung. Eilish ist nicht die einzige, der „cultural appropriation“ vorgeworfen wird. Wer dem Stichwort nachgeht, stößt auf hitzige Debatten über Stars wie Justin Bieber, Miley Cyrus und Katy Perry.

Selbst die Zugehörigkeit zu einer markierten Minderheit schützt übrigens nicht vor dem Vorwurf: Auch die Afro-Amerikanerin Beyoncé wurde schon beschuldigt, sich an der indischen Kultur zu bereichern, indem sie in einem Video als Bollywood-Star posierte.

Dass weiße Musiker sich schwarze Kultur zu eigen gemacht und damit große Erfolge gefeiert haben, wurde in Kneipengesprächen über Popgeschichte schon immer kritisch bis achselzuckend dazugesagt. Nun kommen Diskurse, die seit den neunziger Jahren in kleineren akademischen Kreisen geführt werden, in der breiten Öffentlichkeit an. Sie stellen die Frage nach dem Verhältnis von Kreation und Macht mit neuem Nachdruck.Was sollte ein weißer Mensch sich zu eigen machen, was nicht? Ist es in Ordnung, Dreadlocks zu tragen, wenn man die Kultur Jamaikas nur aus den Medien kennt? Und damit auch die Umstände, unter denen die Menschen leben, die diese Techniken als Ausdruck ihrer kulturellen Identität betrachten?

Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass die weiße Popmusik in großen Teilen auf kultureller Aneignung beruht. Ohne den Afro-Einfluss wäre Elvis Presley ein Schlagersänger ohne Biss, der Blues als Grundlage ganzer Musikrichtungen wäre unbekannt, Liebesliedern würde das spirituelle Element des Soul fehlen. Jazz, die weltweit geschätzte „Kunstmusik des 20. Jahrhunderts“, wäre nie entstanden, ebenso HipHop, die dominante, paradigmatische Musik im heutigen Pop. Das alles ist nicht neu. Nur wurde es lange nicht als Problem gesehen. Im Gegenteil: Weiße Hipster hielten es sich zugute, dass sie dem Konservatismus ihrer Elternhäuser die subversive Kraft des Swing, des Beat, des Groove entgegensetzten.

Diesen Zusammenhang hat niemand so früh und so eindringlich beschrieben wie der (weiße) Schriftsteller Norman Mailer. 1957 erschien sein Essay „The White Negro“: eine Bestandsaufnahme der weißen Nachkriegsgeneration, die nach Weltkrieg und Holocaust neue Existenzmodelle suchte und sie in Blues, Jazz und direkter Bedürfnisbefriedigung fand. All das führte dazu, dass die afro-amerikanische Kultur extrem einflussreich wurde – nicht aber deren Urheber. „Warum mögen alle afroamerikanische Kultur, aber niemand mag Afroamerikaner?“ fragt der (schwarze) Kulturwissenschaftler Greg Tate noch 2003.

Die Demütigungen, die schwarze Künstlerinnen und Künstler erlitten, sind zahlreich dokumentiert. Der Jazzmusiker Miles Davis, einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts, berichtet in seiner Autobiografie von einem Dinner zu Ehren von Ray Charles im Weißen Haus im Jahr 1987. An Davis’ Tisch schwadronierte eine Politikergattin darüber, ob man Jazzmusik denn wirklich unterstützen müsse: „Ist es denn überhaupt Kunst in ihrer reinsten Form?“ Als Davis sich gegen diese Herabwürdigung zur Wehr setzte, blaffte sie ihn an: „Was haben Sie eigentlich Wichtiges in Ihrem Leben gemacht? Warum sind Sie überhaupt hier?“ Frank Sinatra wäre eine solche Szene sicher nicht zugestoßen.

Einiges mag sich heute geändert haben; im US-amerikanischen Musikbusiness üben nicht-weiße Stars wie Beyoncé, Jay-Z, Drake oder Rihanna heute größeren künstlerischen und wirtschaftlichen Einfluss aus als je zuvor. Warum also gewinnt die Aneignungsdebatte gerade jetzt so stark an Intensität? Und worauf läuft sie am Ende hinaus?

Hinter diesem speziellen Thema zeichnet sich eine größere Verschiebung ab. Die Kunstfreiheit ist dabei, ihren Status als absoluten Wert zu verlieren; sie wird durch ethische Fragen relativiert. Das betrifft nicht nur den Pop. Im Theater wird seit der #MeToo-Debatte die Allmacht der meist männlichen Regisseure in Frage gestellt, bildende Künstler und Künstlerinnen sollen die CO2-Bilanz ihrer Rauminstallationen vorlegen. Plötzlich geraten die materiellen und sozialen Grundlagen der Kunst in den Blick. Künstler:innen müssen sich nicht mehr nur für ästhetische Entscheidungen rechtfertigen; sondern auch für ihren Umgang mit extremen Machtgefällen und Ausbeutungsverhältnissen.

So steht nun auch ein neuer Begriff von immateriellem Eigentum im Raum; einer, der nicht durch das Urheberrecht abgedeckt ist. Entscheidend ist nicht die konkrete Autorschaft, sondern die Zugehörigkeit zu jener unterdrückten Gruppe, aus der bestimmte kulturelle Elemente hervorgegangen sind.

Zuletzt sorgte die Frage, wer Amanda Gormans Amtseinführungsgedicht für Joe Biden ins Niederländische übersetzen darf, für Aufregung: Müsste die Übersetzerin nicht wie die Lyrikerin eine Person of Colour sein, weil es eben nicht nur um Worte geht, sondern um eine dahinter liegende Erfahrung? Dafür gibt es Argumente. Und andererseits: Auf was für eine Welt steuern wir zu, wenn der imaginäre Raum der Kunst mit dem realen identisch wird? Wäre es nicht eine Horrorvision, wenn am Ende für die Legitimität bestimmter kultureller Äußerungen zuerst der Nachweis der korrekten Ethnie erforderlich ist?

Ja, das wäre es. Seit jeher geht Kunst aus anderer Kunst hervor; kulturelle Aneignung ist nicht erst ein Thema, seit die Maler und Bildhauer der Renaissance die Werke der Antike nachgeahmt haben. Kunst muss immer teilbar sein, sie lebt gerade von Adaption, Anverwandlung und Variation, von Hommage, Pastiche und Zitat.

Ebenso stimmt aber, dass es der Kunst guttut, ihre eigenen Machstrukturen nicht auszublenden. Sie wird schon länger nicht mehr als etwas über den Dingen Schwebendes wahrgenommen, sondern als Teilsystem der Gesellschaft. Die afrodeutsche Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo hat im Zusammenhang mit der Gorman-Debatte angemerkt, dass es weniger darum gehe, ob eine Person of Colour besser für die Übersetzung geeignet wäre, sondern darum, dass sich zu wenige afroeuropäische Übersetzer:innen im weiß dominierten Literaturbetrieb etablieren konnten.

Vielleicht wäre es also gut, den Lichtkegel der Debatte ein wenig von der Kunst selbst weg zu lenken, hin zu Kulturbetrieb und Kulturindustrie. Dort werden Jobs, Geld und Positionen verteilt; und es werden Credits vergeben, nicht nur in Dankesreden. Dabei Gleichberechtigung herzustellen, ist keine Zumutung.

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