Just Music Wiesbaden

Was alles möglich ist

  • schließen

Das wieder einmal außergewöhnliche 14. Just Music Beyond Jazz Festival in Wiesbaden.

Eine halbe Stunde lang bläst Franz Hautzinger keinen einzigen Ton auf seiner Trompete, er choreografiert vielmehr das Ein- und Ausatmen, das er mit Mikrofonen, die ganz nah vor ihm stehen, räumlich abnimmt. Neben ihm zirpt und flüstert Isabelle Duthoit, die eigentlich eine klassisch ausgebildete Klarinettistin ist, doch wie Hautzinger hat auch sie alle traditionellen Pfade längst hinter sich gelassen und nutzt nun vor allem ihre Stimme als Instrument. Es ist fantastische Musik, die die beiden erfinden, ein Ballett aus Luft, wahnsinnig konsequent und wahnsinnig üppig zugleich. Hinter den sieben Bergen der Konvention öffnet sich ein ganz neues Klanguniversum, für das es keinen Namen gibt und auch nicht geben muss.

Das Just Music Beyond Jazz Festival in Wiesbaden gibt solcher Musik seit vielen Jahren eine Bühne. Was hier an zwei aufeinanderfolgenden Tagen mit je drei Sets zu hören ist, muss man sich Jahr für Jahr wie eine Wundertüte vorstellen. Niemand weiß, was genau kommt, wahrscheinlich nicht einmal die beiden Kuratoren Raimund Knösche und Uwe Oberg selbst.

Das Just Music Festival ist ein über viele Jahre hart erarbeiteter Raum, in dem Freiheit möglich ist. Mal ist dabei ein dickes Band zum Jazz und seiner Geschichte spürbar, mal nur noch ein loser Faden. Das ist aber im Grunde nicht wichtig. Viel entscheidender als die Frage, ob das noch Jazz ist oder doch way beyond, ist die Haltung, mit der hier musiziert wird. „Die Musik muss etwas wollen“, so brachte Uwe Oberg vor Jahren einmal die Just-Music-Idee auf den Punkt.

Auch bei der 14. Ausgabe im Kulturforum Wiesbaden kann man wieder darüber staunen, was alles möglich ist. Extrempositionen wie die von Nicola Hein, der in seinem knapp 50-minütigen Solo seine E-Gitarre nurmehr als Ausgangspunkt nimmt für ein radikales, letztlich aber auch hermetisches Ausloten elektronischer Verfremdungen und Rückkopplungen.

Charmantes wie die virtuose, schlaue, hellsichtige und vor allem irrwitzig farbenfrohe Jonglage mit den Bausteinen der Geschichte von Jan Klares 2000-Sextett. Der brachiale, im Postrock beheimatete und von Martin Brandlmayr am Schlagzeug unwiderstehlich angetriebene Sound des Wiener Trios Radian. Oder die genau konstruierte, mit musikalischem Wissen fast überladene Musik von Philipp Groppers Philm.

Ganz zu Beginn erinnert Kurator und Musiker Oberg selbst daran, wo Just Music ursprünglich einmal herkam: aus der Idee des freien, improvisierten Jazz. Gemeinsam mit dem Bassisten Joe Fonda und der Schlagzeugerin Lucía Martinez geht er ohne große Verabredungen auf die Bühne, alles entsteht im Moment. Es dauert etwas, bis die drei sich finden, bis sie sich von den musikalischen Formeln befreien, die auch der freie Jazz kennt. Dann aber entfaltet sich vor uns eine hoch komplexe Musik, deren Wesen die Lust am Spiel, die Lust am Finden und Erfinden ist.

Sie schaffen eine Präsenz ohne Lautstärke, ohne Kraft. Ihr freies Triospiel kann sich dabei in alle Richtungen hin entwickeln, am eindrucksvollsten aber ist es, wenn Uwe Oberg sich ins Klavierinnere beugt, Joe Fonda ganz nah am Steg den Ton zum Brechen bringt und Lucía Martinez den Beat quasi pointillistisch definiert. Wenn sie ganz freie, offene Klangfelder nach möglichen Verflechtungen absuchen. Und der Musik selbst beim Werden zuhören.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion