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Die Hochzeit des Figaro.

Oper

Alles halb so wild

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Mozarts Weisheit nimmt Gestalt an im grandiosen Wiesbadener Ensemble für „Die Hochzeit des Figaro“.

Das Staatstheater Wiesbaden startet mit zwei schlanken, aber ausgewachsenen Opernabenden auf zwei Beaumarchais-Komödien in die Spielzeit, Rossinis „Barbier von Sevilla“ (FR. v. 7.9.) und Mozarts „Hochzeit des Figaro“. Horváths inzwischen abgesagtes Schauspiel „Figaro lässt sich scheiden“ hätte auf der Studiobühne das „Figaro-Triple“ komplett gemacht. Spät hat das Staatstheater – sofern es sich von außen beurteilen lässt – seinen Spielplan und Vorverkauf der Corona-Situation angepasst. Schwer zu sagen, wie der ursprüngliche Dreier-Plan aufgegangen wäre.

Die beiden Möglichkeiten

Das verbliebene Operndoppel, natürlich ohnehin das Zentrum des Projekts, spielt jetzt jedenfalls keineswegs den inneren und äußeren Zusammenhalt der beiden Werke aus, die sich für Verbindungslinien in Sachen Kostüme, Bühne – beide Male von Gisbert Jäkel, nun aber die üblichen Schlossräume – und Figuren geeignet hätte. Stattdessen zeigt sich der kuriose Fall, dass die beiden Inszenierungen die unterschiedlichsten Arten dokumentieren, mit der gegenwärtigen Theaterausnahmesituation umzugehen.

Während der FR-Kritiker den „Barbier“ von Tilo Nest als vergnügte Feier der neuen Gattung Opera corona würdigte (Abstandsregeln werden dort offenbar ostentativ eingehalten und gewitzt thematisiert), bietet der „Figaro“ von Intendant Uwe Eric Laufenberg Gelegenheit sich vorzustellen, es wäre alles, wie es immer war. Selbst ein kleiner froher Chor darf auf die Bühne drängen. Dafür gibt es nach Angaben des Theaters Coronatests, lesen wir im „Wiesbadener Kurier“. Gleichwohl hat selbst die Gestaltung des Schlussbeifalls Symbolkraft. Dass man im Theater etwas über den Menschen lernen kann, hört nicht auf, wenn sich der Vorhang wieder schließt.

Ganz am Anfang des „Figaro“ aber doch ein Verbindungsstück: Im Zimmer der Figaros läuft ein „Tom und Jerry“-Film. Tom singt die Auftrittsarie des Barbiers, Jerry sabotiert ihn. Es gibt also noch ein paar Takte Rossini, bevor Konrad Junghänel, Dirigent beider Abende, die Mozart-Ouvertüre spielen lässt. Selbst diese Musik klingt in der sparsamen Besetzung noch lichter und luzider als sonst, die Sängerinnen und Sänger danken es mit einer selten so fein gehörten, detaillierten, Ton und Text in perfekte, humorvolle Übereinstimmung bringenden Darbietung (wieso darf eigentlich Richard Wagner das Alleinrecht für das „Gesamtkunstwerk“ beanspruchen).

Es wird zudem nicht nur vorzüglich gesungen, die Darstellerinnen und Darsteller sehen auch fabelhaft aus dabei (geschmackvolle Kostüme: Jessica Karge): Konstantin Krimmel als auch stimmlich jugendlich frischer Titelheld und seine Susanna, Anna El-Kashem mit ihrem golden leuchtenden Sopran; Graf Almaviva, der vehemente Benjamin Russell mit Problemhaar à la Boris Johnson und die Gräfin, Slávka Zámecníková, deren lyrisch-melancholisches Timbre gerade recht kommt, wenn man sich an süßen Frauenstimmen sattgehört hat. An „Tom und Jerry“ erinnert der Auftritt von Heather Engebretson als makelloser, erotisierender Cherubino. Das vorläufige Trio infernale Franziska Gottwald, Erik Biegel und Wolf Matthias Friedrich als Marcellina, Basilio und Bartolo ist keck und arg genug. Über der konventionellen, aber lebendigen Aufführung liegen jedoch insgesamt eine unaufdringliche Selbstironie und eine weise Sanftmut, die hier draußen auch schön wären. Dass die derzeit üblichen Kürzungen keine Rolle spielten – drei Stunden, 40 Minuten inclusive Pause –, ist kein Gewinn. Vor dem absolut reizenden Finale tun sich Längen auf, ganz wie immer.

Staatstheater Wiesbaden: 12., 16., 18., 20., 25. September, 23. Oktober. www.staatstheater-wiesbaden.de

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