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Die Indie-Rockband Tocotronic

Neues Album von Tocotronic

Alles eine Frage der Dialektik

Wie immer: Tocotronic machen gute Musik, und alle hören hin. "Schall & Wahn" ist ihr neuntes Album - Es chagiert zwischen romantischen Schlieren und zur Atonalität neigendem Schrammelpunk. ( mit Video)

Von Thomas Winkler

Tocotronic sind mittlerweile so etwas wie der Papst. Oder zumindest wie Günter Grass. Soll heißen: Nicht jeder glaubt an sie, und die Menschen kaufen ihre Werke nicht immer massenhaft. Aber wenn sie den Mund aufmachen, dann hört jeder hin.

"Schall & Wahn" ist ihr neuntes Album, und es ist benannt nach einem Roman von William Faulkner, im Original "The Sound and the Fury", dessen Titel wiederum - die nächste Volte - ein Zitat aus Shakespeares "Macbeth" ist. Und damit sind wir schon mittendrin im Spiel der Bedeutungs- und Bezugsebenen, die jedes Tocotronic-Album bietet. Oder: Mittlerweile zu bieten verpflichtet ist.

Ja, Tocotronic machen Musik. Sie sind eine gute Rockband. Das beweisen sie auch wieder mit "Schall & Wahn", auf dem sie souverän ihr in fast 17 Jahren Bandhistorie angesammeltes Arsenal verwenden: Der zur Atonalität neigende Schrammelpunk der frühen Tage ist immer noch vorhanden. In anderen Songs werden romantische Schlieren gezogen, und immer wieder leben sie einen Drang zu üppigen Bläser- und Streicher-Arrangements aus. Unter der Ägide des Berliner Produzenten Moses Schneider, mit dem sie zum dritten Mal hintereinander zusammengearbeitet haben, gelingt es ihnen aber zusehends, diese Pole miteinander zu denken, während die Gitarren fein konstruiert durcheinander zischeln.

Dass auf diese Weise gute, bisweilen herausragende Rockmusik entsteht, ist allerdings Hintergrund-Rauschen zum Lärm, den Tocotronic wieder einmal machen. Zwar gibt es diesmal, wie beim Vorgänger-Album "Kapitulation", kein Manifest als Diskussionsgrundlage. Aber immerhin werden die drei zurückliegenden Alben retrospektiv zur "Berlin-Trilogie" erklärt. Eifrig werden Querverweise zu Literatur, Kunst und Philosophie aufgelistet. Und kein Interview vergeht, in dem Sänger, Texter und Gitarrist Dirk von Lowtzow die Arbeitsweise seiner Band nicht "dialektisch" nennt.

Tocotronic-Interview zu "Schall & Wahn"

Die Dialektik findet ihren Weg in Songs, die "Das Blut an meinen Händen" heißen, aber von Geigen ausgeschmückt werden. Sie legt ein sanftes Ruhekissen aus Trompeten unter "Die Folter endet nie" und lässt durch "Keine Meisterwerke mehr" übersteuerte Gitarren geistern.

Aber Dialektik, das heißt für von Lowtzow, Bassist Jan Müller, Schlagzeuger Arne Zank und Gitarrist Rick McPhail in erster Linie wohl, dass man sich nicht festlegen lassen möchte. Dass Authentizitätszwang und klassische Künstlerurheberschaft demonstrativ abgelehnt werden. Dass das Zitat Stilprinzip ist, während von Lowtzow sich konsequent weigert, zu erklären, ob sich ein Song wie "Macht es nicht selbst" als Kommentar zur Lage lesen lässt - einer Nation, die ihr Heil im Baumarkt und ihre Existenz als Powerseller bei Ebay sucht.

Das ist gar nicht so sehr eine Verweigerungshaltung, als vielmehr der Versuch, endlich jene Aufgabe loszuwerden, die von Lowtzow zu Zeiten der Hamburger Schule zugewiesen worden war: Die Stimme seiner Generation zu sein. Damals packte er die griffigsten Parolen in eingängige Melodien. Heute sind seine Melodien fast noch eingängiger, die Parolen aber lange nicht mehr so griffig. Selbst ein Song wie "Stürmt das Schloss" ist kein revolutionärer Aufruf, sondern eher ein kurze Predigt gegen Casting-Shows. Mit elektrischer Gitarrenbegleitung. Ansonsten aber schon ein wenig päpstlich.

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