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Dan Auerbach von den Black Keys am Sonnabend bei ihrem Berliner Konzert.

Black Keys

Die allerletzte Gitarrenrock-Band auf der Welt

Restaurativ, aber nicht nostalgisch: Die Black Keys triumphieren bei ihrem Konzert in der Arena Berlin.

Von Markus Schneider

Rock ist nicht tot, er riecht nur komisch. Wer sich die aktuelle Entwicklung der Popmusik mit ein wenig Teilnahme anhört, kommt kaum um diesen selbst nicht gerade frischen Kalauer herum. Auch der letzte Blutaustausch liegt schon wieder gute zehn Jahre zurück. Damals sah es dank den Strokes und den White Stripes für einen Moment so aus, als könne man den digitalen Zeiten vielleicht doch trotzig mit ein paar verschrammten Gitarren begegnen.

Zumindest für anderthalb mitunter grandiose Stunden belebten die Black Keys am Sonnabend in der Arena diese natürlich auch etwas reaktionäre Sehnsucht. Interessanterweise gehört das Bluesrock-Duo aus dem Sänger und Gitarristen Dan Auerbach und dem Drummer Pat Carney als Bandjahrgang 2001 einerseits noch zu den Protagonisten des letzten kurzen Revivals; andererseits kommt den Black Keys als leichten Nachzüglern der damals so genannten "The"-Bands die Gnade der späten Entdeckung zugute. Obwohl sie im Dezember schon ihr siebtes Album "El Camino" veröffentlicht haben, wirken sie wie eine Band, die gerade erst anfängt.

Das liegt auch daran, dass sie sich scheinbar noch nicht ganz wohlfühlen in den neuen großen Hallen wie der ausverkauften 7000er-Arena, die ihnen der Erfolg ihres vorletzten Albums "Brothers" bescherte. Ziemlich überraschend landeten sie mit der Single "Tighten Up" einen rotierenden Radiohit, in dessen Fahrwasser sich das Album ein paar Millionen Mal verkaufte und Anfang letzten Jahres entsprechend mit drei Grammys in den Supermainstream geweiht wurde. Auch "El Camino" tauchte gerade als einsames Rockrelikt hochplatziert in den meisten Jahrescharts auf.

Im Mittelteil lässt die Konzentration nach

Während sie ihre Auftritte bisher nur zwischendurch mit Begleitmusikern verdichteten, verstärken sie sich nun von Beginn an sicherheitshalber mit Bass und Orgel. Für ihre hart rumpelnden Duette reservieren sie nur noch einen überschaubaren Mittelteil, in dem prompt die Konzentration im Publikum nachlässt. Doch auch zu viert hat man oft den Eindruck, die weitläufige Halle sei für die quietschenden Garagensounds der Band auf Dauer etwas zu groß. So entschlossen und sehr unwiderstehlich sie sich ihr Publikum mit dem großartig bollernden Einstieg "Howlin’ For You", dem zweiten Hit von "Brothers", am Kragen packen, so wirken sie in den weniger drängenden, bröseligeren Songs manchmal doch ein bisschen verlassen.

Dazu sollte man jedoch wissen, dass sich ihr Schaffen in zwei Perioden teilen lässt. Der erste wird von einem dröhnenden, dreckigen und scheinbar ganz in der Vergangenheit wurzelnden Blues geprägt, den sich Auerbach als Teenager auf Ausflügen mit seinem Vater ins Mississippi-Delta erarbeitete. Entsprechend nahm man die Black Keys im Schatten der ähnlich restaurativen White Stripes zunächst als recht erfrischende, letztlich aber nur epigonale Bluesrock-Romantiker wahr.

Der Bruch kam, als die beiden sich 2008 mit Brian Burton alias Danger Mouse einen Produzenten ins Studio holten, dessen Markenzeichen darin besteht, HipHop-Beats auf brillante Weise mit Sixties-Patina zu überziehen. Erstaunlicher als diese Verbindung war nur, dass sie sich weniger stilistisch, sondern eher katalytisch auswirkte. Laut Auerbach waren die Black Keys schon zu Beginn nicht nur von Bluesmusikern wie Howlin’ Wolf angetrieben, sondern hätten auch stets die repetitiven Beats und Muster des Wu-Tang-Clan im Hinterkopf gehört - mit dem sie auch zwischendurch als Blakroc vor drei Jahren ein Album einspielten.

Tatsächlich kann man das nun auch live als höchst untraditionelle Dynamik in den älteren Stücken ahnen. Auch wenn sie sich bis in den rauen Gesang an den R’n’B der späten 50er anlehnen, suchen sie eher ein prachtvoll zähes Zentrum, als sich linear zu entfalten. Bei den Black Keys gibt es, anders als bei White, kein nostalgisches Reinheitsgebot, auch wenn sie sich von greisem Equipment verstärken lassen. Im Studio spielen sie zwar live, aber sie layern und schneiden, sortieren und reduzieren. Ihr Blueseinfluss hat nichts mit Traditionspflege zu tun, sondern mit einer Bastardisierung, wie man sie von psychedelischen Bluesalben wie Howlin’ Wolfs "Electric Wolf", kennt.

Rock-Musik - erstaunlich gegenwärtig

Von Danger Mouse freigelegt, drängt seither aus dem brutzelnden, krachledern rummsenden Sound immer stärker der schöne, euphorische Druck wie aus alten Stax-Aufnahmen ins Bild, wo er sich mit psychedelischer Lautstärke, walzenden Glamrockriffs nach Art Marc Bolans und Rhythmen wie aus Gary Glitters Schminkkasten mischt.

Es sind daher vor allem die Songs der letzten beiden Alben, die im Konzert die nostalgischen Bedenken fast ganz verscheuchen. Geschoben von einem dicken Hintern aus Bass und wabernder Brother-Jack-McDuff-Orgel, getragen von Auerbachs breitschwänzig verzerrten Gitarrenriffs und von Carneys schicker, orchestraler Wucht wirkt die Musik erstaunlich gegenwärtig. Schwer von der Geschichte gegerbt, aber davon ganz unbeeindruckt behauptet sie eine unmittelbare, physische Gegenwart - und derart aufgepumpt, das lehrt der Auftritt, kann man Rockmusik schon auch vermissen.

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