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Allein mit Gespenstern

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Von: Olaf Velte

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Durch die Schönheit der Gestalt bricht das Gerippe der Vergeblichkeit – gnadenlos und immer aufs Neue: Mark Lanegans dunkles Album „Phantom Radio“

Zwischen „Ugly Sunday“ und „Seventh Day“ liegt ein Vierteljahrhundert. Seit der ersten Solo-Einspielung hat sich thematisch nicht viel verändert – Mark Lanegan erzählt weiterhin seine dunkel gefärbten Geschichten vom Überleben, von Einsamkeit, Schuld und trügerischer Hoffnung. „Walking the floor with the ghosts all alone“, heißt es gleich zum Auftakt des Albums „Phantom Radio“.

Dass sich die Stimmung bis zum Ende nicht wesentlich aufhellt, kann den Lanegan-Kenner nicht erschüttern. Sonnig beschienen war sie nie, die Laufbahn des mittlerweile 50-jährigen Sängers, dessen unverwechselbares Knurren vielen Kollaborationen die entscheidende Würze gegeben hat. Den Queens of the Stone Age hat er seine Stimme vorangestellt, mit Isobel Campbell – „It is his classic, effortless American voice that I love“ – eine Reihe beachtenswerter Songs eingespielt.

Glanztaten sind die beiden Sammlungen der Soulsavers, auf denen sich Lanegan durch zwei der großartigsten Nummern seiner Karriere singt: Sowohl das Gospel-nahe „Revival“ als auch „All the way down“ sind Aufforderungen, deren Verlockungen kaum zu widerstehen ist.

Er ist nicht pflegeleicht

Ähnliches findet sich auf dem neuen „Phantom Radio“ nicht. Oftmals verweist der Sound mit seinen Elektronik-Fundamenten ins Zeitalter des New Wave, die meisten Passagen entbehren einer glühenden Dringlichkeit. Wer mit dem Mann – beileibe kein pflegeleichter Zeitgenosse: Viele der alten Weggenossen, so ist zu hören, wechseln die Straßenseite, wenn Lanegan in Sicht kommt – musikalisch bekannt werden möchte, ist jedoch gut bedient.

Für den Sänger, der ständig auf dem Sprung scheint, hat alles 1985 in Ellensburg/Washington begonnen – wer dort in jenen Jahren ein U2-Button durch die Gegend trug, musste verdientermaßen mit einer Tracht Prügel rechnen. Drogen- und Gefängnis-erprobt, rettete sich Lanegan zu den Screaming Trees, eine der übersehenen Bands der unseligen Grunge-Ära. Damals beispiellos, hat die Kombination aus Cream-Wucht und Punk-Energie an Schlagkraft nichts eingebüßt. Der Psychedelia-gehärtete Rock füllt zwei Hände voll fulminanter Alben – nach schweren internen Auseinandersetzungen ertönt zur Jahrtausendwende der letzte Hammerschlag. Noch immer gilt, was die große Clara Drechsler auf unvergleichliche Weise im Dezember 1988 über die Screaming Trees geschrieben hat: „Absofuckinglutelygreatseufz.“

Feile und Sandpapier

Großen Verdienst an diesem Seufz haben Mark Lanegans Stimmbänder: Ohrenzeugen können seit jeher tief in die Verweis-Kiste greifen, bringen Feile und Sandpapier, Tabak und Schnaps in Anschlag. Wie auch immer – in seinen besten Momenten erinnert der Leidgeprüfte (mit dem jedoch niemand Mitleid habe sollte) an einen irregeleiteten Preacherman, der keine frohen Botschaften in der Satteltasche transportiert. „Ich sehe die Dinge auf gespenstische Art“, hat er schon in einem frühen Interview gesagt.

Drei Mal darf Gastsängerin Shelley Brien im „Phantom Radio“ ans Mikrofon. Ihr Einsatz ist ein Beweis, wie gut das Reibeisen Lanegan im Duett funktionieren kann. Doch auch das Weibliche ist dem Sänger nicht geheuer: Eine Frau Welt ziert das Album-Cover, Blüten in Knochenhänden haltend. Durch die Schönheit der Gestalt bricht das Gerippe der Vergeblichkeit – gnadenlos und immer aufs Neue.

Mark Lanegan Band: Phantom Radio. Vagrant Records.

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