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Alle sind zu ihnen gepilgert

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Von: Stefan Michalzik

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Die marokkanischen Master Musicians um Bachir Attar in den USA (vor Trump).
Die marokkanischen Master Musicians um Bachir Attar in den USA (vor Trump). © AFP

Die Master Musicians of Jajouka in der Frankfurter Brotfabrik - wohltuend rein.

Es ist eine umwerfende Wucht. In der Art eines Sogs, dem man sich schwerlich zu entziehen vermag. Gleißend ist der grelle Klang der einer Schalmei ähnlichen Doppelrohrblatt-Tröte Ghaita. Die von Bachir Attar, dem Kopf von The Master Musicians of Jajouka, gespielten Melodielinien winden sich in ornamentalen Verschlingungen, drei weitere Ghaitaspieler besorgen ein ostinates Geflecht. Eines der einer Regel der 55-taktigen Form gehorchenden Stücke dauert zehn bis zwanzig Minuten, jedenfalls in der für das hiesige Ohr aufbereiteten Darreichung, traditionell bis zu mehreren Stunden. Es braucht immer etliche Zeit, bis zur Mitte ungefähr, bis die drei Perkussionisten mit ihren polyrhythmischen Rhythmen auf den Kelch- und Doppelfelltrommeln einstimmen.

The Master Musicians of Jajouka sind ein Mythos, die Frankfurter Brotfabrik ist jedoch erstaunlich mäßig besucht gewesen. Diese ursprünglich der Anrufung des Hirtengotts Pan dienende Ritualmusik aus dem marokkanische Rifgebirge wird – das soll urkundlich belegt sein – seit dem 14. Jahrhundert von den Spielern Generation um Generation mündlich weitergegeben. In den fünfziger Jahren sind die Beatpoeten William S. Burroughs und Timothy Leary in das kleine Bergdorf Jajouka gepilgert, 1968 dann Brian Jones von den Rolling Stones, unter seiner Regie entstand das legendäre 1971 veröffentlichte Album „The Pipes of Jajouka“. Immer wieder haben sie mit Musikern aus dem Norden zusammengearbeitet, von Ornette Coleman und John Zorn über Bill Laswell bis zu Grateful Dead und Sonic Youth. Deborah Harry, Patti Smith, Elliott Sharp – die Liste ist endlos.

Dazu kommt kehliger Gesang

In manchen Stücken spielt Bashir Attar die Langhalslaute Gimbri, begleitet von der auf dem Knie gespielten Violine. Bisweilen kommt ein kehliger Sologesang mit antwortendem Chor dazu. Repetitive Kontinuität und Veränderung – in der gleichen Art sind die Strukturen im musikalischen Minimalismus von Steve Reich aufgebaut, der sich bekanntlich auf ethnomusikalische Quellen bezieht.

In zweifelhafter Erinnerung ist der Auftritt auf dem Deutschen Jazzfestival in Frankfurt im Jahr 2014, bei dem The Master Musicians of Jajouka in einem Projekt des Schlagzeugers Billy Martin unter anderem zusammen mit dem Gitarristen Marc Ribot einer bollywood-indischen Popsängerin und einem scratchenden DJ sowie John Medeski an der Orgel zu hören gewesen sind; Nord und Süd waren dabei nicht ernstlich zusammengekommen. Diesmal indes in der Reinform – ein grandioses Konzert, im übrigen im Habitus wohltuend frei von der Vorspiegelung eines folkloristischen Idylls.

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