Neue CD

Alfred Harth: „Kirschblüten mit verstecktem Sprengstoff“ – Sternbild Revolverschütze

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Alfred Harth hat mit einem Quartett „Kirschblüten mit verstecktem Sprengstoff“ aufgenommen.

Am Anfang steht „Das Kunstwerk“. Ergänzend zu dem Titel des ersten Stücks steht auf der Cover-Rückseite in der Danksagungsliste der Name des Philosophen G. W. F. Hegel („for inspiring some track titles“), und Alfred Harth erläutert in einem kleinen, leicht kryptischen Begleittext die Cover-Grafik, der eine eigene Skizze zugrunde liegt.

Es geht also um komplexere und nachdrücklich in einen weiten Denkraum hinein ragende Bezüge und Gedanken. Und es geht um Echtzeit-Musik, die für eine längere Zukunft (und einen weiten Denkraum) gespeichert ist auf der CD „Kirschblüten mit verstecktem Sprengstoff“. Alfred Harth, der ehemals in Frankfurt ansässige Jazz-Musiker, der seit vielen Jahren von seiner Homebase in Seoul aus international arbeitet, hat mit einem Quartett ein Konzert aufgenommen. Das mitgeschnittene Live-Ereignis fand im Oktober 2018 in Moskau mit Unterstützung des dortigen Goethe-Instituts statt und war, wie man hören kann, ein vielförmiges, inhaltlich multiples und energetisch überaus intensives Ereignis.

Die acht Stücke der CD sind dramaturgisch gegliedert und gruppieren sich zu einer freigeistigen Suite. Es geht bei dieser Musik weniger um Tonfolgen und um Rhythmen, es geht vielmehr eher um Klang und dessen Farben, um dramatische Perioden und deren Abgrenzbarkeit, um verausgabte, addierte, multiplizierte, aber auch subtrahierte und dividierte (also geteilte) Energie. Klang-Konstellationen und Verdichtungen entstehen, Assoziationsspiele werden angerissen und durchgespielt. Hereingerufene Vokalisen (Stimme: Alfred Harth) bestehen manchmal aus erkennbar bedeutungstragenden Silben („freedom“), manchmal sind sie schwerer erkennbar und/oder fremdsprachig.

Der Musik ist anzumerken, dass die vier Musiker pausenlos aufeinander hören, aber sich ungern unterbrechen – also nur, wenn es der situativen Fortschreitung dient, wie bei einer holprigen (Schlagwerk: Jörg Fischer) Fahrt von vier Planwagen im gemeinsamen Treck durch die weglose Prärie. Marcel Daemgen, Synthesizer, lässt nicht nur Harmonien klangvoll davon oder herbei schwirren, sondern begründet immer wieder auch die Musik in schwindelnder Tiefe. Nicola Hein, Gitarre, betätigt sich als stürmischer, drangvoller Klang-Experimentator, und Alfred Harths Saxophonspiel ist von einer langatmigen Nervosität geprägt.

Der Revolver, der die Cover-Grafik dominiert, ist nicht kriegerisch gemeint. Das Schussloch, das er verursacht hat, befindet sich in einer Figur, die sich sehr schnell bewegt und durchlässig ist. Eine skizzenhafte Sternenkonstellation könnte auf das Sternbild des Schützen anspielen. So dass der Titel des Albums auf eine Dialektik verweist, die weder die Kirschblüten noch den Sprengstoff einfach in Ruhe lassen will. Die Musik des Quartetts ist so widerspruchsgesättigt wie dieser Titel: hellhörig und energiegeladen, laut und sensibel, erdig und kosmisch. Aber versteckt wird hier nichts. Und das titelgebende Stück mit seinen asiatischen Klangcharakteren ist pure Programmmusik.

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