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Alexander von Schlippenbach.

Alexander von Schlippenbach

Kompositionen, die gewachsen sind

  • vonHans-Jürgen Linke
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„Slow Pieces For Aki“: Alexander von Schlippenbachs behutsame Klaviererzählung.

Alexander von Schlippenbachs Solo-Album „Slow Pieces for Aki“ ist eine Suite aus 21 Kompositionen, die von etwas erzählen, von dem man sich wünscht, es möge immer weiter gehen. Vielleicht nicht für immer und ewig, aber bitte doch länger als diese eine CD. Natürlich klappt das nicht, das wäre ja Unsinn und viel zu viel verlangt, eher ein Märchen als eine satisfaktionsfähige Erzählung. Trotzdem: schade, dass die Musik dann doch zu Ende ist, so plötzlich, wie sie begonnen hat.

Es sind die klar formulierten initialen Einfälle, es ist dieser tastende, aber nie suchende Gestus der Durchführungsarbeit, die diskret beharrlichen, variierenden Akkord-Findungen und -Wiederkehren, die Sorgsamkeit in der Anschlagskultur, die Strenge und Ökonomie der Erzählweise bei einem von scheinbar keiner äußerlichen Regel begrenzten Tonvorrat, die dieser Musik Schlippenbachs eine eigentümliche Transzendenz verleihen. Und die gerät einfach mit der technisch bedingten Begrenztheit einer CD in Konflikt.

Es ist erst die fünfte Solo-Einspielung Alexander von Schlippenbachs. Die Kompositionen sind seiner Lebenspartnerin Aki Takase, der Pianistin und Komponistin, gewidmet. Ihr Gestus setzt diese Musik weit ab vom Free Jazz, der sonst Schlippenbachs Welt ist. Free Jazz ist normalerweise etwas lauter, spontaner und interaktiver. In der Regel muss ein Gruppen-Gestus konstituiert werden, das geht meist nicht ohne heftigere Reaktionen aufeinander – auch wenn Schlippenbachs langlebiges Trio mit Evan Parker und Paul Lytton oder Paul Lovens im Laufe all der Jahre ein Stadium erreicht hat, in die gegenseitigen Verständigung längst ohne dynamischen Druck und ohne größere Beschleunigungsvorgänge auskommt.

Das Album:

Alexander von Schllippenbach: Slow Pieces For Aki. Intakt Records.

Schlippenbach hat über mehrere Jahre an den Kompositionen für dieses Album gearbeitet, sie sind möglicherweise mehr gewachsen als geschrieben worden. Und es scheint fast, als sei der gute alte Free Jazz nur mehr als subtiler Rest vorhanden – etwa in zwei Stücken, die jeweils den Blues im Titel führen, ohne dass dessen schematisches formales Substrat auf den ersten Blick erkennbar würde.

Im Übrigen lehnt sich diese Musik, wenn denn schon Vorbilder namhaft gemacht werden sollen, erstens an Schlippenbachs eigene „Twelve Tone Tales“ an, die 2006 beim gleichen Label erschienen sind, und darüber hinaus und weiter in die Musikgeschichte zurückgreifend an Arnold Schönbergs „Sechs kleine Klavierstücke“. Was nicht nur in die westeuropäische, sondern auch in die persönliche Musikgeschichte zurück reicht.

Immerhin war Schlippenbach, bevor er zur stilprägenden Persönlichkeit des deutschen Free Jazz wurde, Kompositionsschüler bei Bernd Alois Zimmermann. Und nichts von diesen damals virulenten kompositorischen Impulsen, zu denen auch immer die Dodekaphonie gehörte, wurde endgültig bei den Akten abgeheftet, sondern war stets Reservoir und Begleitung der eigenen Arbeit.

Leise und langsam

Und da sind wir nun: bei einer reduktionistischen Klaviererzählung, die voller Leben und Intensität steckt – also doch immer noch voller Free Jazz, auch wenn er leise und langsam geworden ist. Eine Erzählung, die viel Aufmerksamkeit und ein wenig Zeit von ihrem Hörer erwartet und die vielleicht den Wunsch mit-gestaltet, dass sie für lange Zeit Bestand haben möge.

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