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Neil Young macht 2016 Werbung für sein letztes Album.

"Hitchhiker" von Neil Young

Album erscheint nach 40 Jahren

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Die Rockgeschichte weiß von vielen unveröffentlichten Platten. Jetzt erscheint mit vierzigjähriger Verspätung Neil Youngs Soloalbum "Hitchhiker".

Eigentlich sollte „Hitchhiker“ im Juli veröffentlicht werden. Dann war von August die Rede. Als neuer Termin ist jetzt der 8. September im Gespräch. Kann sein, dass es eher Oktober wird. Aber auf einen Monat mehr oder weniger kommt es nun auch nicht mehr an.

Das Album, das Neil Young in seiner produktivsten Zeit Mitte der Siebziger eingespielt hat, ist seit gut 40 Jahren überfällig. Anfangs wurde die Herausgabe von „Hitchhiker“ zurückgestellt, weil die Stimmung der Platte schon kurz nach den Sessions nicht mehr dem künstlerischen Selbstverständnis des rastlosen Songschreibers entsprach, dann kamen immer wieder neue Projekte dazwischen, so dass die Bänder schließlich im Archiv verschwanden.

Für diejenigen, die davon gehört oder gelesen hatten, zählte „Hitchhiker“ fortan zu den sogenannten Lost Albums, den verschollenen Platten, die durch die Annalen der Rockgeschichte geistern und ein Art Paralleluniversum der unerhörten Musik bilden.

Zum Kanon dieser mythischen Alben gehören Aufnahmen von den Beatles und Jimi Hendrix, von Pink Floyd und The Who, Bruce Springsteen und David Bowie, Mick Jagger und Bob Dylan. Von einigen dieser ominösen Platten sind über die Jahre immer wieder einzelne Songs publik geworden, entweder in ihrer ursprünglichen Fassung oder auch in völlig neuem Kontext.

Neil Young: viele Songs bleiben unveröffentlicht 

Manches blieb Fragment und ist heute höchstens als Studie interessant. Das lange wohl berühmteste Lost Album der Popmusikgeschichte, das 1967 von seinem Schöpfer Brian Wilson nicht vollendete Werk „Smile“ der Beach Boys, wurde vor einiger Zeit sogar komplett rekonstruiert und neu veröffentlicht. Und da zeigte sich nun, dass der Zauber des Genialischen unter der Verfügbarkeit dieser Musik doch ein wenig litt. Noch schöner als auf der heimischen Anlage hatten die Songs in der Fantasiewelt geklungen, in der sie bis dahin aufgehoben waren.

Handelt es sich bei den meisten Musikern um eine Platte hier und eine Session dort, die der Publikation harren, so wird bei Neil Young eine Art alternatives Oeuvre vermutet. Allein in den siebziger Jahren soll er zirka 175 Songs geschrieben haben, von denen bisher nur ein Bruchteil veröffentlicht wurde. In manchen Fällen kursieren sogar Tracklist und Covermotiv dieser beiseitegelegten Alben mit Titeln wie „Homegrown“, „Chrome Dreams“, „Oceanside-Countryside“, „Island In The Sun“, „Meadow Dusk“, „Times Square“ und „Toast“. Einiges ist verbürgt, vieles Spekulation. Natürlich gibt es längst auch ein paar Bootlegs.

Die zehn Songs, die nun auf dem Album „Hitchhiker“ zum ersten Mal offiziell veröffentlicht werden, hatte Neil Young in einer einzigen Nacht im August 1976 aufgenommen. Hinter ihm lag eine Japan-Tournee mit seiner Begleitband Crazy Horse, bei der das ebenfalls noch ungehobene Livealbum „Odeon-Budokan“ mitgeschnitten wurde. Er war jetzt Mitte dreißig, er war reich, berühmt und unglücklich. Seine Ehefrau, die Schauspielerin Carrie Snodgress, der er einst den wundervollen Song „A Man Needs a Maid“ gewidmet hatte, hatte sich von ihm getrennt. Alles, was ihm blieb, war die Musik.

Und wenn Musiker wie er nicht mehr weiterwissen, buchen sie ein Studio. Also bat Neil Young seinen langjährigen Partner David Briggs, mit dem er schon seit Beginn seiner Solokarriere gearbeitet hatte, einen Termin zu machen. Mit dabei war in dieser Nacht in den Indigo Ranch Studios von Malibu noch der Schauspieler Dean Stockwell, ein Freund aus alten Tagen.

Im zweiten Band seiner Erinnerungen „Special Deluxe“ schreibt Neil Young: „Ich blieb die ganze Nacht mit David dort und nahm neun Akustiksongs auf, bis wir ein Band hatten, das ich ,Hitchhiker‘ nannte. Es war ein vollendetes Werk, obwohl ich dabei ziemlich angedröhnt war, das kann man deutlich heraushören.“ Er habe die Lieder hintereinander weggespielt und höchstens mal Pause gemacht, „um Gras, Bier oder Koks“ nachzutanken.

Wie ein Scan seines Gehirns 

Selbst wenn fast alle Songs im Laufe der Zeit durch andere Alben („Rust Never Sleeps“, „American Stars‘n’Bars“, „Decade“) bekannt werden sollten, sind die Originale von „Hitchhiker“ mehr als gewöhnliche Demos, man erlebt hier solche Klassiker wie „Powderfinger“ oder „Pocahontas“ im Augenblick ihres Entstehens. Wie der Produzent David Briggs später einmal sagte, habe Young diese Stücke quasi bei laufender Bandmaschine geschrieben. Der Titelsong „Hitchhiker“ war 2010 dann endlich auf der LP „Le Noise“ erschienen, in einer elektrifizierten Version. Die Urfassung gibt es seit kurzem als Single. Young beschreibt in dem Lied seine Drogenbiografie, nackt und schmerzvoll, voller Angst und Paranoia. Die elf Strophen klingen wie ein zeilenweiser Scan seines Gehirns. Am Ende imaginiert er sich in die Welt der Inka und Azteken.

Irgendwann einmal sollen alle seine Songs in einer Online-Datei vorliegen, so lautet der Plan des großen Archivars Neil Young. Die unveröffentlichten Alben werde man dann in einer Zeitleiste anwählen können. An solch einer historisch-kritischen Ausgabe seines Werkes arbeitet er nun schon sein halbes Leben. Bisher ist ihm immer eine neue Idee in die Quere gekommen.

Bei anderen Künstlern sind die Dinge etwas überschaubarer. Von den Beatles beispielsweise, deren Schaffen in der „Anthology 1-3 “ vorbildlich dokumentiert ist, sollte es 1969 ein Album mit dem Titel „Get Back“ geben. Die Band wollte nach so ausgefeilten Produktionen wie „Sgt. Pepper“ wieder zurück zum schlichten Rocksound. Sie baute ihr Equipment in einem Filmstudio auf und spielte 85 Stunden Material ein, das, auf Albumlänge gebracht, am Ende doch nicht in der gewollten Form erschien, sondern von dem Superproduzenten Phil Spector aufpoliert wurde. Die Platte erschien dann unter dem Namen „Let It Be“. Als Rehabilitation kam viele Jahre später die LP „Let It Be Naked“ ohne Geigen und Orchester heraus.

Es kann viele Gründe dafür geben, warum ein Album nicht in der geplanten Form erscheint – oder auch gar nicht. Nicht immer ist die Plattenfirma schuld, wie etwa bei David Bowies „Toy“ von 2002, dessen Veröffentlichung ein Rechtsstreit verhinderte. Bob Dylan war 1992 mit den sogenannten „Bromberg-Sessions“ unzufrieden, so dass er diese Aufnahmen traditioneller Songs bis heute nicht freigegeben hat. „The Who“ arbeiteten 1972 an ihrem Werk „Rock Is Dead – Long Live Rock!“, als dem Bandleader Pete Townsend schwante, dass ihr Publikum genug von solcher Selbstbespiegelung hatte. Sie begruben das Projekt und retteten ein paar Songs für ihr Album „Quadrophenia“. Jimi Hendrix hingegen kam gar nicht mehr dazu, sich mit den Skizzen für sein geplantes Album „Black Gold“ zu beschäftigen, die er 1970 mit der Akustikgitarre aufgenommen hatte. Er ist kurz danach gestorben.

Ohne Chance, je veröffentlicht zu werden, ist sicherlich Pink Floyds Soundcollage „Household Objects“ von 1974, für die die Band Haushaltgeräte wie Handmixer und Bohrmaschinen zum Klingen brachte. Die singenden Weingläser haben es ja immerhin bis ins Intro von „Shine On You Crazy Diamond“ gebracht.

Bruce Springsteen zählt zu jenen Künstlern, deren Werk in den letzten Jahren mit Sondereditionen akribisch aufgearbeitet wurde. Doch auch bei ihm gibt es Lücken. So soll sein Album „Nebraska“, 1982 als Soloplatte veröffentlicht, auch in einer Fassung mit der E Street Band existieren. Live waren Songs wie „Atlantic City“ oder „Johnny 99“ schon in dieser Form zu hören.

Ein Evergreen in jeder Liste von unveröffentlichten Alben ist auch Mick Jaggers Soloplatte, die er 1992 mit den Red Devils aus Los Angeles eingespielt hat. Produziert wurde das reine Bluesalbum damals von Rick Rubin. Er hat mal gesagt, dass es „irgendwann“ erscheinen soll. Das ist immerhin besser als nie.

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