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Alben der Frauen-Trios Thick und Berries: Maschinen wie wir

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Von: Olaf Velte

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Die drei Berries.
Die drei Berries. Foto: Caetano Candal Sato © Caetano Candal Sato

Zweimal Punk-Pop-Power, zeitgemäß: Neuheiten der Frauen-Trios Berries und Thick.

Mit Zierrat gibt sich Holly Carter nicht ab. Mag einer dieser Songs noch so tastend und suchend beginnen, kracht nach einem Dutzend Sekunden doch die elektrische Wucht ihrer weißen Fender-Axt hinein. Und gebietet sich lange genug Einhalt, um die stimmliche Gegenwart ihrer beiden Mitschwestern Lauren Cooper und Lucie Hartmann auf die Vorderbühne zu lassen. Momente des süßen Glücks – umgehend abgelöst von einer Drums-Bass-Gitarre-Druckwelle. Nenn es Punk mit Melodie, nenn es Dorn und Blüte.

Drei junge Frauen, jetzt in London beheimatet, ein Debüt namens „How We Function“ präsentierend. Sie nennen sich Berries, sind Früchtchen inmitten stacheligen Rankwerks. Schon die erste Nummer des aus krachigen, schnell durchgebratzten Stücken formierten Albums ist beispielhaft und hitverdächtig zugleich. „We are machines / It’s how we function“ – ein Refrain, der sich über Wochen in den Hirnwindungen festkrallt, den Homo sapiens des 21. Jahrhunderts definiert. Garagenpop wurde so etwas im alten Säkulum getauft.

Schnelligkeit beherrscht hier die Szenerie, ein treibendes, gleißendes Element erinnerungsseliger Jugendlichkeit. Das britische Trio beruft sich – und jeder Verweis hat seine Gültigkeit! – auf Sleater-Kinney (die bereits gecovert wurden) und auf The Breeders (laute Gitarren im Verbund mit textlicher Schärfe). Zu nennen sind unbedingt noch die 1979 in Seattle angetretenen und eine Punkrockpop-Zwischenwelt begründenden Fastbacks oder, aus jüngster Zeit, Sonia Sturino und ihre Weakened Friends.

Bei den Berries ist die Zeit jedenfalls knapp, in drei Minuten muss alles durchdekliniert sein. Wave-Schnipsel und Hardrock-Schmier und Girlie-Schmelz werfen sie aus dem Handgelenk in einen Maschinenraum, den sie selbst bestens beschreiben: „Energetic riff driven rock with a dash of hair“. Nicht umsonst ist eine der zwölf Nummern „Wall Of Noise“ überschrieben, wird zum Ausklang „Energy is wasted / on the little things you hate“ gesungen.

Aus ähnlichem Holz gedrechselt sind Gitarristin Nikki Sisti, Bassistin Kate Black und Schlagzeugerin Shari Page. Sie singen wunderbar zusammen, lassen melodisches Perlen und großes Bratzertum in eins gleiten, rufen längst vergessene Bands der die US-90er durchfurchende Do-it-yourself-Branche vors Gehör. Vor acht Jahren angetreten, legen Thick mit „Happy Now“ ihr nunmehr zweites Tonwerk vor.

Die Alben:

Berries: How We Function. Xtra Mile Recordings.

Thick: Happy Now. Epitaph/Indigo.

Selbstermächtigung mittels Rockmusik ist für das Brooklyn-Trio existenziell. In „Wants & Needs“, einem dieser klassischen Powerpop-Freiräumer, heißt es „When I fail / I do it fast / I’ve got nothing left in this engine“. Sistis Elektrische ist die Motorsäge, mit der Hemm- und Hindernisse aus dem Weg gesäbelt werden, stets gestützt von den famosen Rhythmus-Geberinnen Page und Black. Ausgerufen wird eine schonungslose Jetzt-oder-nie-Bereitschaft.

Humorlos ist das nicht

„Her Chapstick“ und „Montreal“ sollten fortan zu jeder vernünftigen Nachtunterhaltung gehören, hinführend zu der Dämmerung von „Something Went Wrong“ und dem mitleidlos-zornigen Eingeständnis „I’ll never wish you well / this is fucking goodbye“. – Humorlos ist das nicht, keinesfalls ist es hoffnungslos. Wütend, standhaft und voller Mut aber.

Thick und Berries, „Happy Now“ und „How We Function“: Musik des Jahres 2022, tatsächlich dem Seichten die Stirn bietend, nochmals kraftvoll hinlangend. Der Zeit gemäß.

Die drei von Thick.
Die drei von Thick. Foto: Jessica Gurewitz © Jessica Gurewitz

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