Alanis Morissette, Alternative-Rock-Queen der 90er Jahre.
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Alanis Morissette, Alternative-Rock-Queen der 90er Jahre.

Comeback-Album

Alanis Morissette: Von Gabeln und Weggabelungen

  • vonPhilipp Kause
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Alanis Morissette und ihre mitteilsame und vielschichtige Comeback-CD „Such Pretty Forks in the Road“.

Um die Alternative-Rock-Queen der 90er Jahre schien es still geworden zu sein: Immerhin auf 2012 datiert die letzte Veröffentlichung. Erwartungen an eine neue Platte können daher gar nicht hoch genug klettern, schon weil man beim Albumtitel „Such Pretty Forks In The Road“ unweigerlich an Alanis Morissettes größten Hit „Ironic“ denkt, wegen des Worts „fork“ (Gabel). Schlüsselzeile des Ironie-Songs war seinerzeit „It’s like ten thousand spoons when all you need is a knife.“ 10 000 Löffel, wenn du ein Messer brauchst, Ironie des Schicksals.

Damit brannte sich Alanis 1995/96 ein, mitsamt dem Album „Jagged Little Pill“ und dessen vielen tollen Songs wie „Head Over Feet“ und „Oughta Know“. Besagte dritte CD der Kanadierin turnte fast zwei Jahre lang durch die deutschen Album-Top 100. Danach schafften „Supposed Former Infatuation Junkie“ und weitere Alanis-CDs es ganz an die Spitze. Jenes „Junkie“-Album befasste sich mit Philosophie, Weisheiten aus Hinduismus und Buddhismus, die Morissette auf einer Reise aufschnappte.

Alanis Morissette: Schöne, komplexe Harmonien

Heute geht es nicht um Gabeln, aber um „So schöne Weggabelungen“, was Innehalten, Reflexion, Suche nach dem richtigen Leben bedeutet. Musikalisch nimmt die Singer-Songwriterin diese neuen Weggabelungen allesamt mit Bravour. Alle elf Songs strahlen vor schönen, komplexen Harmonien. Intime Balladen, schwere Themen, lyrische Bekenntnisse überwiegen. Rock taucht etwas seltener auf. In insgesamt sechs klavierlastigen, emotionalen, sanften Stücken zeigt sich die Song-Dramatikerin expressiv in der Stimme, lakonisch, lapidar in der Wortwahl. In „Diagnosis“ analysiert sie ihre postnatalen Depressionen, die sich bei drei Geburten wiederholten.

Sie aß viel, trank viel, zog sich zurück. „I’ve not left the house in a while“, wie sie singt. Zu „Reasons I Drink“ kursiert das bunte, offensive und makaber überzeichnete Video über eine Alkoholismus-Selbsthilfegruppe. Streicher kombiniert Morissette mit einem unnachgiebig stampfenden Schlagzeug. Der Opener „Smiling“ wirkt dagegen so, wie man die Rockerin kennt, liefert Americana-Momente mit Kehlkopfüberschlag. Doch manch allzu dicke Streicher-Ausstattung wie in „Reckoning“ verlangt hohe Konzentration beim Hören ab.

Alanis Morissette: Als Gott vor der Kamera

Die mitteilsame Sängerin trägt ja auch vielschichtiges Gepäck mit sich: Sie verbrachte einen Teil ihrer Kindheit im Schwarzwald, teils in Kanada, wuchs also ein bisschen bi-kulturell auf, startete früh ins Business, mit 16, setzte sich enormem Druck ihrer Ex-Plattenfirma MCA aus, wurde magersüchtig, stieg dann zum Weltstar auf dem von Madonna mitgegründeten Label Maverick auf, spielte Gott im Kinofilm „Dogma“, gleichwohl sie die Bibel „weitgehend patriarchalisch“ findet, ihr „viele sexistische Kommentare“ ankreidet.

2006 sprach Alanis einen Dokumentarfilm über die Klimaerwärmung ein („The Great Warming“), trat als Rocksängerin beim Montreux Jazz-Festival auf, wurde von ihrem spielsüchtigen Manager in 116 Einzel-Transfers um Millionen Dollar betrogen, was sie ihm nie verzieh, und sie wurde spät Mutter, zuletzt vergangenen Sommer mit 45.

Morissettes Musik beweist ihre Relevanz Lied für Lied

Dass sie das Leben aus vielen Blickwinkeln erfuhr, spiegelt sich nun in sehr differenzierten Songs, von denen besonders das ausdrucksstarke „Her“ und das warme, hymnische „Ablaze“ empfohlen seien, ebenso das implodierend spannende „Nemesis“. Hier räumt sie mit dem Schicksal auf, textet szenisch, anschaulich, in perkussives Arrangement gehüllt. „Change, you are my Nemesis / transition, I hold my breath (...) I’m filled with despair, anticipation and dread / this metamorphosis / closed the door and opened a window“, also „Veränderung, du bist meine Rachegöttin / Übergang, ich halte meinen Atem an, (...) bin erfüllt von Verzweiflung, Erwartung und Furcht / Diese Umwandlung hat eine Tür geschlossen und ein Fenster geöffnet.“

„Losing the Plot“ handelt in einem berührenden und lärmreich gesteigerten Vortrag mit neblig wirkenden Synth-Sounds und krachendem Schlagzeug von Träumen, Versprechungen und der geringen Bedeutung eines einzelnen Menschen auf der Welt, während Morissettes Musik ihre eigene Relevanz Song um Song beweist.

Philipp Kause

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