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Stolpert im Buch durchs Bild: Bobby Gillespie, hier mit dem zeitweiligen Primal-Scream-Bassisten Gary „Mani“ Mounfield.
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Stolpert im Buch durchs Bild: Bobby Gillespie, hier mit dem zeitweiligen Primal-Scream-Bassisten Gary „Mani“ Mounfield.

Pop-Geschichte

Alan McGee „Randale, Raves und Ruhm“: Vor der Klangmauer

  • Olaf Velte
    VonOlaf Velte
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Alan McGee und sein Label Creation: Eine Geschichte von Tumult, Drogenwahnwitz und großartiger Musik.

Während eine dreiviertel Million Britischer Pfund zur Rettung des Unternehmens gebraucht werden und befreundete Plattenfirmen vor dem Ruin stehen, entern drei bahnbrechende Tonträger den Musikmarkt. In Großbritannien klingt das Jahr 1991 mit „Loveless“, „Screamadelica“ und „Bandwagonesque“ furios aus.

Unter dem Dach von Creation Records – Heimstatt der verantwortlichen Bands My Bloody Valentine, Primal Scream und Teenage Fanclub – ist trotz aller Euphorie spürbar, wie nahe das Ende der geliebten Unabhängigkeit ist. Schon im Jahr darauf steigt der Sony-Konzern mit 2,5 Millionen Pfund ein, übernimmt 49 Prozent der Anteile und verändert unaufhaltsam die freigeistige Betriebskultur.

In „Randale, Raves und Ruhm“ ist jetzt nachzulesen, wie die 15-jährige Existenz von Creation über die Bühne gegangen ist, wie „Chaos zu Cash“ gemacht und großkotzige Aggressivität in Schübe von Kreativität überführt wird. Was aus „Tagen des Vinyls“ und ohne das Beisein digitaler Büroorganisation erwächst, endet unweigerlich mit jenem „schokoladenbraunen Rolls Royce“, der Noel Gallagher zum Geschenk gemacht wird. Der immense Siegeszug seiner Band Oasis wird hier als „der letzte Nagel im Sarg des alten Creation-Labels“ bezeichnet.

Autor der auf 340 Seiten dargebotenen Rock-Historie ist Alan McGee, Mitgründer der 1983/84 in London aus der Taufe gehobenen Musikfirma, zugleich Entdecker und Manager einflussreicher Gruppen, Antreiber, Despot, Wahnsinniger. Kurzum: Eine dieser Geschichten, die sich ins Legendäre verselbständigen, aus dem „Geist des Punk“ geboren und mit den Melodien „des psychedelischen Pop der 1960er“ angereichert werden.

Das Buch:

Alan McGee: Randale, Raves und Ruhm. A. d. Engl. v. Michael Kellner. Matthes & Seitz, Berlin 2021. 358 S., 24 Euro.

Vor acht Jahren ist das Buch im Original erschienen, nun legt Matthes & Seitz eine Übersetzung von Michael Kellner vor, die von schnörkelloser Gelenkigkeit ist und sich nicht scheut, dem „Wall of Sound“ eine „Klangmauer“ entgegenzustellen. Ihm ist es nicht anzulasten, dass das Register kaum Hilfe bietet – immerhin liegt zwischen Verweis und entsprechender Seite eine Welt von acht Seiten.

Doch wer lässt sich den Genuss vermiesen, wenn sich Anekdote zu Anekdote gesellt, Respektlosigkeit mit Einfühlungsvermögen paart, sich die britische Pop-Branche nochmals zu nie erwarteter Größe aufplustert? Zuerst aber gründelt der im September 1960 geborene Maniac McGee ganz unten, in Glasgow, wo die Wiege steht mitsamt ständig rauchender Mutter, Autoschlosser-Vater und Geschwistern. Als Bowie-Fan ist ihm das Außenseitertum schon vorgegeben, die Schule bloß „ein Überlebenskurs im Vermeiden von Tritten gegen den Kopf“. Unvergessliche Figur im figurenreichen Ensemble ist schließlich Oma Barr, die flott Pillen schluckt und mit dem Schuh-Absatz derb nach allen Seiten austeilt. Wie nebenbei das Resümee: „Im Haus gab es einfach nicht genug Liebe für drei Kinder.“

Dass der Rock’n’Roll zu den Grundnahrungsmitteln zählt, ist mittlerweile fester Glaubensbestandteil der romantischen Moderne. Mit Creation kommen die zuweilen verpönten Elektrogitarren wieder in ihr Recht, das Rotzig-Abgelederte, die selbstmörderische Feierlaune. Der erste Satz von „Riots, Raves and Running a Label“ lässt bereits auf die Abbruchkante blicken: „Wenn man drogenabhängig ist, hat man keinen Jetlag.“ Und auf allerlei Drogen geeicht sind fast alle Mitwirkenden. Während großartige Musik in Szene gesetzt, zelebriert und vermarktet werden muss, kräftigen Speed, Acid und Ecstasy, Kokain und Heroin, Champagner und Wodka. Rauschhaft breiten sich Rave, Shoegazing, Britpop aus, neue Genres, neue Mixturen.

Bobby Gillespie stolpert als abgewrackter Mick Jagger durchs Bild, die Reid-Brüder von The Jesus and Mary Chain („eine Punkversion der Bay City Rollers“) absolvieren 15-minütige Anarcho-Konzerte, der wunderbare Pete Astor hat ebenso seine Auftritte wie Revoluzzer Kevin Shields mit seinem „schrägen Zeug“.

Nur konsequent, dass McGee zu dem hitparadenträchtigen „synthetischen Girl-Group-Pop“ irgendwann etwas beisteuert: im Handumdrehen werden drei ansehnliche Mädchen im Plattenladen gekapert, in Lederjacken gesteckt und zu der Aufnahme von „Chernobyl Baby“ überredet. – In großen Teilen sind diese Schilderungen reif für die Verfilmung – was anscheinend auch geschehen ist, jedoch seiner Deutschland-Premiere noch harrt.

Heute gönnt sich Alan McGee als wohlhabender Schnösel ein Refugium in Wales, trägt einen Tweed-Hut und bekennt sich zur „Chaosmagie“. Dann doch lieber nochmals die kurzlebigen, aber umso kostbareren Ride auflegen: „Going Blank Again“ ist die Platte der Stunde.

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