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Alain Altinoglu mit dem HR-Sinfonieorchester. 

Alte Oper Frankfurt

Alain Altinoglu mit dem HR-Sinfonieorchester: Musik zum Greifen

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Das HR-Sinfonieorchester lässt die Handschrift seines künftigen Chefs Alain Altinoglu erkennen.

Der Ton des HR-Sinfonieorchesters könnte sich ändern, wenn Alain Altinoglu die Leitung des Klangkörpers übernimmt. Designiert als Chef ist der armenischstämmige Franzose bereits und einem großen Publikum seit dem letzten Sommer-Konzert, das der Hessische Rundfunk alljährlich auf der Weseler Werft veranstaltet, auch schon bekannt.

Aber erst jetzt, beim Abonnementskonzert der HR-Sinfoniker in der Alten Oper Frankfurt, fernab vom Open-Air-Event, war der 45-Jährige in seinem Profil als Orchesterleiter und Interpret genauer zu erfassen. Mit einem Programm, das zu diesem möglichen neuen Ton gut passen würde. Französische Klanglichkeit der bewegten Oberflächen – das aber nicht allein in der erwartbaren impressiven, sphärischen und luftigen Art, sondern auch in einer massiven, gewichtigen, ja gewaltigen Fasson.

Momentan stehen die Musiker des famosen, auch jetzt wieder seine Qualität eindrücklich unter Beweis stellenden Orchesters noch unter der Leitung Andrés Orozco-Estradas. Ein sehr beweglicher, dichter und vollgriffiger Orchesterklang mit einem Faible für effiziente Profilsetzungen ist dem Kolumbianer eigen, der sich immer mehr in detailreiche, feinsinnig ausformulierte Regionen der Artikulation hineinentwickelt hat.

Jetzt zeigte vor allem das erste und letzte Stück des Abends unter Altinoglu etwas von der Handschrift des neuen Chefs: Pascal Dusapins „Uncut“ und Maurice Ravels 2. Suite aus „Daphnis et Chloé“. Bei Letzterem fiel eine enorme haptische Qualität auf. Und das nicht allein bei der abschließenden Danse générale, wo die Konvulsionen des riesenhaften Orchesterapparats das leicht nahelegen. Besonders in leiseren, im flirrenden Holzbläsersatz bewegten und durch die Streicher beleuchteten Partien war eine Klangmorphologie zu erleben, die fesselte. Aufwölbungen, Dichteveränderungen, Pulsationen und ein ständiger Grund-Umschwung, der im Auf- und Abschaukeln die Prozesse dramatisierte und aus der impressiven Bild-Welt eine Interaktion machte. Musik als rein körperliche Präsenz.

Klangskulptur in Bewegung

Eine Korrespondenzerfahrung zum Beginn des Konzerts, wo Dusapins letztes Werk einer Reihe von Orchesterstücken erklang, das der heute 65-Jährige 2008 erstellte. Eine riesige Klangskulptur, die in ständigen akkordischen Umschichtungen von oft massivsten Blech- und Schlagzeug-Ballungen dräuende Gewalt besaß. Dies mit gärender und sich wälzender körperlicher Anmutung. Dunkel strahlende Akkordik, die vertraut und unvertraut zugleich wirkte. Dabei farbig mit energetischer Ladung wie bei Ravel, nur eben nicht hell und tänzerisch, sondern taumelnd. Altinoglu hatte das alles wunderbar im Griff.

Zurückhaltender war der Einsatz in Camille Saint-Saëns a-Moll-Cellokonzert mit einem sehr lyrisch gestimmten, auf entfachenderen Gestus verzichtenden Gautier Capuçon. Mit vier Orchesterauszügen aus Nikolaj Rimskij-Korsakows „Der goldene Hahn“ kam in der französischen Klangküche noch eine Art russisches Vorecho impressionistischer Stimmfarben zum Zuge.

Justin Bieber, trauriger Superstar, bringt mit seinem neuen Album „Changes“ die ganze Misere der Musik auf den Punkt: Alles muss raus.

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