1. Startseite
  2. Kultur
  3. Musik

Akkordeonmusik in Höchst: Die flatternde Hand

Erstellt:

Von: Stefan Michalzik

Kommentare

Der Akkordeonist Jean-Louis Matinier im Gewölbe in Frankfurt-Höchst.

Der französische Akkordeonist Jean-Louis Matinier ist ein Musiker mit einem weiten Horizont. Er hat klassische Musik studiert und ist markant hervorgetreten unter anderem in den Ensembles von Anour Brahem, Louis Sclavis, Renaud Garcia-Fons und Michael Riessler, allesamt Vertreter eines europäisch geprägten Begriffs von Jazz mit Offenheit für folkloristische Musiktraditionen. Lange Zeit hat er zudem in der Tourband der großen Chansonsängerin Juliette Gréco gespielt. Spät erst, mit vierzig Jahren, hat er sein Debüt als Leader gegeben; zuletzt hat er „Rivages“ (2020) eingespielt, ein grandioses Album im Duo mit dem Gitarristen Kevin Seddiki.

Bis in tiefste Tonbereiche

Im mit Blick auf Atmosphäre wie Akustik singulären Rahmen des Tonnengewölbes im Zollhaus nahe des Schlossplatzes im Frankfurter Stadtteil Höchst hat Jean-Louis Matinier eines seiner seltenen Solokonzerte gegeben. Es ist zu sprechen von einer schillernd transidiomatischen improvisatorischen Musik. In einer phänomenalen Art lotet Matinier das Potenzial seines Instruments, des Knopfakkordeons aus. Ein ganzes Orchester birgt es in sich, in dieser Hinsicht spielt es in einer Liga mit dem Klavier und der Orgel. Mit der orchestralen Dimension spielt Matinier in zeitgenössischen Klangfarben und passagenweise freier Tonalität. Das geht bis in die tiefsten Tonbereiche.

Dann wieder flattert die linke, die tongebende Luft produzierende Hand, mit dem Resultat von Zittertönen. Es werden Techniken der musikalischen Avantgarden der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgegriffen. Beispielweise kehrt Matinier das Geräusch der Knöpfe mit einem perkussiven Effekt hervor – und plötzlich ist da ein geradezu funkiger Groove.

Kein fauler Zauber

Da ist einesteils die Abstraktion, das Akkordeon wird zur Wunderkiste mit Schwebungen und dynamischen Abstufungen in rhythmisch prägnanten Mustern und Ostinati. Und dann tun sich plötzlich Melodien auf, im Sinne der von Bartók geprägten imaginären Folklore, einem Begriff, mit dem die Musikerinitiative Association à la Recherche d’un Folklore Imaginaire aus Lyon in den siebziger Jahren eine Tradition im französischen Jazz begründete. Spiritualität und Intellektualität kommen bei Jean-Louis Matinier überein. Es geht ein Zauber aus von seiner Musik, und es ist kein fauler.

Wie Jürgen Wiesner, der Initiator dieser Konzertreihe im Grenzbereich zwischen Improvisierter und Neuer Musik mitteilt, erhält der Verein Höchster Schlossplatz 1 kein Fördergeld mehr vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst (weiterhin aber von der Stadt). Das erscheint ob eines seit Jahrzehnten kontinuierlich exzellenten Programms mit international namhaften Musikern revisionsbedürftig. Vom Ministerium war eine allgemein gehaltene Auskunft dahingehend zu erhalten, dass aus einer Förderung wegen der Konkurrenz aller Anträge und vor dem Hintergrund der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel kein Automatismus für kommende Förderungen erwachse.

Auch interessant

Kommentare