Das Comeback der Gréco

Adieu Tristesse

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Die legendäre Chansonsängerin Juliette Gréco kehrt mit fast 85 Jahren auf die Bühne zurück

Es hätte das letzte Mal sein können. Juliette Gréco sang sich die Seele aus dem Leib. Sie kündete von Himmel und Hölle der Liebe. Sie jubelte und flehte, war mal frivol, vulgär, dann wieder verträumt, scheu, ängstlich. 82 Jahre war die Chansonsängerin und Schauspielerin in jenem Februar 2009 geworden. Aber die Spannung, die sich um die kleine Diva aufbaute, war noch immer groß genug. Der Funke sprang über. Das Publikum jubelte mit, flehte mit.

Die Französin hat sich anschließend zurückgezogen. Kleinmütige glaubten, für immer. Adieu Juliette, Bonjour Tristesse. Und waren 400 Chansons, 33 Filme, 60 Jahre Karriere nicht genug, um Adieu zu sagen, nach einem Herzinfarkt und einer Krebsoperation zumal?

Aber die Tochter einer Widerstandskämpferin hat noch nie kampflos aufgegeben. Selbst damals nicht, 1943, als die Gestapo die 15-jährige Juliette drei Wochen ins Gefängnis steckte. Traumatisiert zwar, aber erhobenen Hauptes war sie zurückgekehrt. Eine wie sie tritt nicht sang- und klanglos von der Bühne ab. Dem Chanson entsagen, hieße für sie, dem Leben entsagen. Und so ist sie auch diesmal wieder zurückgekommen. Wie so oft in ihrer wechselvollen Laufbahn diente der Rückzug allein dem Zweck, Anlauf zu nehmen, um weit hineinzuspringen ins Leben.

Ganz besonders weit soll es diesmal sein. Zu einem Dreisprung hat die Dame angesetzt, die am 7. Februar 85. Geburtstag feiert. Memoiren veröffentlichen, eine neue CD herausbringen, im Pariser Théâtre du Châtelet drei Live-Konzerte geben und das Ganze in zeitlich dichter Abfolge, darum geht es.

Sartre war hingerissen

Die ersten beiden Zwischensprünge sind geglückt. Gréco ist nicht gestürzt. Die Memoiren liegen seit Jahresbeginn in den Schaufenstern der Buchläden. All die Anekdoten, die Gréco zwar geduldig, aber wie sie gesteht, zunehmend gelangweilt, Journalisten in die Blöcke zu diktieren pflegt, sind endlich schriftlich niedergelegt.

Die Geschichte von der entscheidenden Begegnung mit Jean-Paul Sartre gehört dazu. In St. Germain-des-Prés, dem damaligen Mekka der Pariser Dichter und Vordenker, war der Existenzialphilosoph 1947 auf Gréco aufmerksam geworden. Gréco war im Nachtclub „Tabou“ auf einen Tisch gestiegen, hatte drauflos gesungen. Sartre sollte ihr Bewunderer, Förderer und Texter werden. Aber auch die Liebschaft mit dem Jazz-Trompeter Miles Davis schmückt die Erinnerungen. Nicht zu vergessen das Treffen mit Boris Vian. Der Ingenieur, Poet, Chansonnier, Autonarr, Filmschauspieler und Journalist war für Gréco vor allem der „schönste, intelligenteste und feinfühligste Psychoanalytiker, den man sich vorstellen kann“.

Anfang dieser Woche folgte die CD. Eine Huldigung an die Brücken von Paris und natürlich an die Liebe ist das Album. Das Lebensgefühl, das die Aufnahmen heraufbeschwören, mag von der Zeit überholt sein. Das betörend-tiefe Timbre der Stimme verleiht den Chansons gleichwohl eine Aura ewiger Bedeutungsschwere. Mag sein, dass das spielerische Hin und Her zwischen Singen und Sprechen, das Gréco so meisterhaft beherrscht, diesmal mehr ein Hin ist. Das gesprochene Wort dominiert. Aber die Stimme trägt wie eh und je. Marc Lavoine, der im Duett mitsingende, mitredende 49-jährige Bohemien, ist ein wunderbarer Begleiter, weder zu aufdringlich, noch zu schüchtern. Die Flöte seufzt federleicht, das Cello klagt schicksalsschwer. Und auf dem Plattencover sieht die schwarz gewandete Künstlerin aus wie immer: eine Frau in den besten Jahren, wenn nicht gar alterslos.

Keine Angst vor Alter und Tod

Nicht, dass Gréco ihr Alter leugnen wollte. Wenn sie Brücken liebt, dann als Stege, die zu anderen Menschen führen mögen, zu anderen Ufern, aber zwangläufig eben irgendwann auch ans Lebensende, in den Tod. Gréco sagt das, Gréco singt das. Aber Alter und Tod schrecken sie nicht. Sie sind ihr nicht wichtig. Ihre Krebserkrankung interessiere sie nicht, sei nur ein ärgerliches Hindernis, hat sie den Arzt wissen lassen. Was für sie zählt, ist der Augenblick, das Hier und Jetzt. „Man überschreitet sie, und das ist schön.“ Das macht für Gréco den Reiz der Brücken aus. Eine Banalität? Ein Bekenntnis? Die Französin hat das Augenblicksgefühl auf alle Fälle im Titel des Albums verewigt. „Ca se traverse et c’est beau“, heißt es.

Die größte Herausforderung steht der Rückkehrerin allerdings noch bevor: die Begegnung mit dem Publikum am 7., 8. und 9. Februar. Sie habe Angst davor, gesteht Gréco. Das will etwas heißen bei einer wie ihr. Ohne sich um das Urteil ihrer Mitmenschen zu scheren, hat sie sich zu ihrer Bisexualität bekannt. „Warum sollte ich nicht die gleiche sinnliche und intellektuelle Liebe für eine Frau empfinden können wie für einen Mann?“ hat Gréco gefragt. „Seit der Antike, seit dem Anbeginn der Welt, liebten die Frauen Frauen, also wo ist das Problem?“

Die Freiheit ist ihr heilig, die eigene wie die ihrer Mitmenschen. In der letzten Ausgabe der Wochenzeitung Journal du Dimanche warnt die Französin ihre Landsleute vor Marine Le Pen, der Präsidentschaftskandidatin und Chefin des fremdenfeindlichen Front National.

Aber so ein Live-Konzert verlangt eben nicht nur Kampfesmut, sondern auch Hingabe. Vor allem Hingabe. Körperlich eins werden mit dem Publikum, das ist für Gréco die ewig alte und stets neue Herausforderung. In den Augenblicken der Stille zumal kommt es ihr vor, als verschmelze sie mit denen, die sie mit Stimme und Gebärden in Bann geschlagen hat. „Das ist eine körperliche Beziehung“, sagt sie. „Ich gebe alles für diese dichte Stille, wir sind zwei, wir sind fast eins, das nennt man auch Liebe, das ist heilig.“

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