Oper Frankfurt

Acht Hörner in der Oper: Und wie sie Bewegung auslösen

  • vonBernhard Uske
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Ein famoser Abend der acht Hörner in Frankfurts Oper.

Als Ferruccio Busoni 1916 seine Programmschrift zur Auflösung der Grenzen des herkömmlichen abendländischen Instrumental-Inventars schrieb, um auf unbetretenes, unbekanntes Klanggelände Neuer Musik zu kommen, hatte er auch die Klangklischees der Hörner im Visier: „...der vibrierende Überschwang des Violoncellos, der zögernde Ansatz des Horns, die befangene Kurzatmigkeit der Oboe, die Prahlkraft der Klarinette.“

Momentan bietet sich im Saal des Frankfurter Opernhauses im Rahmen der corona-tauglichen „Kammermusik auf der Bühne“-Abende Gelegenheit, die Thesen eines der sprachmächtigsten Väter der Avantgarde, die dieser in seinem „Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst“ aufstellte, zu überprüfen. Nicht nur sind typische Spielerhaltungen des gründerzeitlichen Musikbetriebs längst passé, ohne dass die Instrumente verschwinden mussten, noch hat sich der Sättigungsekel klein gebliebener musikalischer Kreise als nennenswert für Umstürze im gesamt-musikalischen Bereich erwiesen.

Instrumente, die verwandeln

Jetzt, beim Abend der acht Opern-Hörner konnte man sehr schön erleben, wie allein schon ein harmloses Arrangement die vertrauten Klangbewegungen in Bezug auf ein für ganz andere Instrumente geschriebenes Werk transformiert. Trans-instrumentelle, trans-emotive, trans-formative Prozesse konnte man erleben, mit denen Busonis Diktum gar nicht gerechnet hat. Spielen acht Hörner, wie die des Opern- und Museumsorchesters, Teile von Georges Bizets Carmen-Suite oder „Nimrod“, die neunte Variation aus Edward Elgars „Enigma-Variationen“: sofort bilden sich klangliche und affektive Legierungen, die mehr Bewegung auslösen können als ein Warten auf das ganz Andere, Unerhörte.

Der Hörner-Abend unter dem Motto „Idylle und Lebenslust“ begann mit einem wunderbar gelöst gegebenen Werk Rudolf Hubers (1879-1960) gleichen Titels. Jene Sorte Musik, die noch bis in die 60er Jahre gehobene Kurkapellen und andere „Leichte Muse“-Ensembles im Programm hatten. Das missing link zwischen einer mit viel und mit wenig Fallhöhe ausgestatteten Klangkunst.

Dass ein „Best of“ des Wagnerschen „Lohengrin“ allein schon durch die Bettung in den Klang des seelenvollsten Blechblasinstrumenten-Chors den romantisch-nazarenischen Nimbus der Oper ins Grandiose steigert, machte die Begeisterung des Publikums deutlich. Das Horn als die schwer zu beschreibende Synthese aus Seele und Heros und gewissermaßen die Violine der Blechblasfamilie – das kam auch in der Zugabe, dem „Abendsegen“ aus „Hänsel und Gretel“, zur Geltung. Selbst im rokokohaften Plauderton Mozarts kann dieser erhaben-weiche und auch markant setzende Ton zu ungewohnter transgressiver Neubestimmung führen, wie das gehörnte F-Dur-Divertimento KV 213 im Arrangement Clemens Gottfrieds für vier Instrumentalisten zeigte.

Zur tönenden Seelenschwingung des Abends trug entscheidend der Dirigent bei: Opern-Studienleiter Takeshi Moriuchi, der schon öfters mit besonderen artikulatorischen Qualitäten aufgefallen ist. Jetzt konnte er den famosen Musikern zu einer gesteigerten Gestaltungsmoduliertheit verhelfen.

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