Nick Cave „The Skeleton Tree“

Am Abgrund

„Die Welt ist, wie sie war, und ich bin ein völlig anderer.“ In einem ergreifenden Film zum neuen Album „The Skeleton Tree“ reflektiert Nick Cave den Tod seines Sohnes.

Von Frank Junghänel

Ich glaube, ich verliere meine Stimme“, sagt Nick Cave in den ersten Minuten, als er sich bemüht, am Studioklavier seinen Song „Jesus Alone“ einzusingen. Er tastet nach den Akkorden, die er ein ums andere Mal nicht trifft. „Ich verliere meine Stimme, meine Urteilskraft, meine Erinnerung. Fuck.“

Es gab tatsächlich Leute, die sich Popcorn mitgenommen hatten zu dieser Kinovorführung des Films „One More Time With Feeling“, mit dem Nick Cave sein neues Album bewirbt. Das war etwas irritierend, denn das Werk würde von Trauer und Verlust handeln, so stand es auf der Einladung.

„The Skeleton Tree“ ist am gestrigen Freitag erschienen und am Abend zuvor war in ausgewählten Lichtspieltheatern exklusiv das begleitende Bilddokument zu sehen, in noch ausgewählteren Häusern wie etwa dem Berliner Cinestar sogar in 3D. Und so kam es, dass die Zuschauer mit diesen Spaßbrillen auf der Nase einem künstlerischen Ereignis entgegensahen, das sie in den Höllenschlund der menschlichen Existenz führen sollte.

Nick Cave hatte mitten in den Aufnahmen zu dieser Platte seinen 15-jährigen Sohn Arthur verloren. Der Junge war im Juli 2015 an den Kreideklippen von Brighton zu Tode gestürzt, ganz in der Nähe des familiären Wohnsitzes. Cave entschloss sich, gemeinsam mit den Musikern seiner Begleitband the Bad Seeds die Arbeit im Studio fortzusetzen, soweit man von Fortsetzen überhaupt reden kann, wenn das Leben von einem Moment auf den anderen einen Riss bekommt.

Der „katastrophale Moment“

Nun ist dieses Album fertig, das um den „katastrophalen Moment“ kreist, wie Cave den Unfall nennt, er muss es in die Öffentlichkeit entlassen. Weil er über seine Befindlichkeit nicht mit Journalisten reden wollte und konnte, bat er den befreundeten australischen Regisseur Andrew Dominik, das Projekt zu befördern.

Ursprünglich sei es geplant gewesen, die Lieder im Studio aufzuführen und zu dokumentieren, wie Dominik in einem Interview erzählt. Was man so zu Promotionzwecken macht. Ein Ansatz, der sich nach Minuten zerschlagen habe. Der Film sei jetzt weitgehend improvisiert.

Das sieht man zu Beginn, wenn sich Caves engster künstlerischer Partner, der Instrumentalist Warren Ellis, ziemlich erregt weigert, vor der Kamera Auskunft zu geben. „Ich werde nicht sagen, was ich gesehen oder gehört habe, das ist privat. Ich habe nie über Nicks persönliches Leben gesprochen.“ Sein Gesicht verschwindet in der Unschärfe. Das Bild ist symptomatisch für den gescheiterten Versuch, eine Außensicht auf den Künstler zu gewinnen.

Dann begegnet einem Nick Cave im Fond einer Limousine, offenbar auf dem Weg zum Studio. Er spricht über den Verlust des Narrativen in seinen Texten, er glaube nicht mehr an Geschichten, die alles zusammenhalten. Er klingt dabei gleichermaßen reflektiert wie desinteressiert und wenn er im Schwarz-Weiß-Bild auf dem Rücksitz fabuliert, wirkt das wie eine Hommage an D.A. Pennebakers Dylan-Dokument „Dont Look Back“.

Auch dieser Ansatz führt ins Leere. Es funktioniert nur über die Musik. Sieben der acht neuen Songs werden in dem Film gespielt. Es sind traurige Lieder, natürlich, vorgetragen am Piano, von Warren Ellis’ Soundscapes dissonant unterlegt oder von seiner Violine in melodische Höhen getragen. Mit einer Stimme aus dem Off beschreibt Cave den künstlerischen Prozess und nun hat auch die räumliche Darstellung ihren Sinn. So eng ihre Zusammenarbeit ist, am Ende steht jeder allein da.

Intimer Augenblick der Verzweiflung

Das 3D-Format erlaubt es, diese Isolation erfahrbar zu machen. Ein Gefühl, für das Nick Cave schließlich auch Worte findet. Ohne danach gefragt worden zu sein, beginnt er plötzlich, von dem „Event“ zu sprechen, dem Ereignis. Er erzählt, wie er sich angesichts seines toten Sohne verloren habe. „Die Welt ist, wie sie war, und ich bin ein völlig anderer.“

Er nehme sich als eine unbekannte Person wahr, sagt er, die ihren Gefühlen nicht mehr trauen könne. „Warum sitze ich hier und rede über diese Dinge in eine Kamera?“ Das ist ein intimer Augenblick der Verzweiflung.

Der Film reicht da längst über sein werbendes Anliegen hinaus. In Szenen aus dem Privathaus der Familie kommt seine Frau zu Wort, die Designerin Susie Bick, eine scheue Person. Sie spricht darüber, wie sie „nach allem, was passiert ist“, in die Arbeit geflüchtet sei. „Kreativität erwachse aus Schmerz“, habe Cave sie ermutigt. Zuvor hatte derselbe für sich konstatiert: „Trauer ist etwas, das den kreativen Prozess zerstört.“

Zum Schluss fährt die Kamera auf die Kreidefelsen von Brighton zu. Sie macht am Abgrund halt, der mit Bändchen markiert ist, die Arthurs Freunde dort hinterlassen haben. Der Blick geht nicht in die Tiefe, er schweift hinaus aufs Meer. Trauer ist auch etwas, das vergehen wird, so unvorstellbar das sein mag.

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