Erik Truffaz in Rüsselsheim

Aber doch abgegriffene Posen

Der große Jazztrompeter Erik Truffaz spielt mit seinem Quartett in Rüsselsheim zahmer als früher.

Von Tim Gorbauch

Man muss sich Erik Truffaz inzwischen wie eine Gestalt aus einem alten Film François Truffauts oder Aki Kaurismäkis vorstellen. Ein hagerer, schmaler Mann, in dessen Gesicht das Leben markante Furchen hinterlassen hat, jungenhaft zugleich, mit wachem Blick, aber doch auch scheuen, melancholischen Augen. Seit Jahrzehnten gehört Truffaz zu den interessantesten Trompetern seiner Generation, mit einem ganz eigenen, luftig-verhangenen Ton, den er immer wieder in ein anderes Umfeld setzte, wie es ihn seit je reizte, den Jazz mit verschiedensten Musiken zu konfrontieren.

In Rüsselsheim, wo die Jazz-Fabrik seit einer Ewigkeit vorbildliche Programmarbeit leistet, steht Truffaz nun mit seinem Quartett auf der Hinterbühne des Theaters und schaut kurz auch auf sein eigenes Frühwerk zurück. Er spielt „Yuri’s Choice“, 1998 auf Truffaz’ spektakulärem Album „The Dawn“ erschienen, das den Kurzschluss suchte zwischen Jazz, HipHop und Drum’n’Bass. Noch heute ein irrsinniges Stück Musik, kantig, treibend, voller Sogkraft und zugleich mit einer inwendigen Größe, wie es in solchen Kontexten sonst vielleicht nur Nils-Petter Molvaer gelang. Man weiß sofort wieder, wieso Truffaz damals als einer der Großen seiner Zunft gehandelt wurde, als neuer Miles Davis, so mühelos wie er den Cool Jazz der 50er Jahre mit der aktuellen Musik verband, wie stilsicher er die Tradition ins Jetzt überführte.

Erik Truffaz, 1960 in der französischen Schweiz geboren, hat das immer wieder versucht. Er hat mit Weltmusik experimentiert, auf seinem neuesten Album, „Doni Doni“, setzt er den Jazz ins Spannungsfeld des malischen Blues.

Und doch spürt man in Rüsselsheim bald, dass seiner Musik nicht mehr die gleiche Sprengkraft inne wohnt, dass sie zahmer geworden ist, weicher, auch routinierter. Natürlich wird sie von einem unglaublich gelassenen Flow getragen, natürlich ist der Ton Truffaz’, gedämpft oder frei, von einer seltenen, schillernden Tiefe. Aber zugleich erlaubt sich sein Quartett auch seltsam abgegriffene Posen.

Benoît Corboz etwa, der im Jahr 2010 das Gründungsmitglied Patrick Müller ersetzte, hat vor allem am Keyboard einen etwas aufdringlichen Hang zu endlos ausgestellten, arg das eigene Können auskostenden Soli. Ein muckerhafter Gestus legt sich da über die Musik, den ganz erst die Zugabe vertreiben kann. Erik Truffaz, ohne elektronische Verstärkung, komplett nackt quasi, nur vom Klavier begleitet. Ein großer Moment.

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