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Johnny Cash, hier 1983 in Lahti, Finnland.

Johnny Cash

Aber die Bäume sind noch jung

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Was bleibt: Das neue Album „Forever Words“ befasst sich mit Johnny Cashs Nachlass.

Bald ist es fünfzehn Jahre her, da Johnny Cash die Welt verlassen hat. Als tiefgläubiger Mensch wird er am Ende seinen Frieden gefunden haben, das ist jedenfalls zu hoffen. Wenige Wochen vor seinem Tod am 12. September 2003, seine Frau June war kurz zuvor gestorben, schrieb er acht Zeilen handschriftlich in sein kleines Notizbuch, das er in jener Zeit stets bei sich trug. Es ist seinem alten Kompagnon Kris Kristofferson vorbehalten, sie heute zu rezitieren: „You tell me that I must perish / Like the flowers that I cherish / Nothing remaining of my name / Nothing remembered of my fame.“ Du sagst mir, dass ich sterben werde / wie die Blumen, die ich liebe / Nichts wird von meinem Namen bleiben / Nichts an meinen Ruhm erinnern.

Es ist das wehmütige Fazit ein Mannes, der mit seiner Musik und seiner Lebensgeschichte ein halbes Jahrhundert lang Menschen überall auf der Welt berühren konnte. Aber das ist nicht sein letztes Wort. Das Poem schließt mit einer Hoffnung, die sich mit diesem neuen Album auf eine wunderbare Weise erfüllt: „But the trees that I planted / Still are young / The songs I sang / Will still be sung.“ Die Bäume, die ich pflanzte sind noch jung / Und die Songs, die ich sang werden weiter gesungen werden. Willie Nelson, sein Bruder im Geiste, pickt dazu auf der alten Gitarre die Melodie eines der ersten Cash-Hits, dem ewigen „I Still Miss Someone“ von 1959. So tragen die Akkorde der Jugend die Gedanken des sterbenden Mannes. Ein großer Tribut an einen großen Künstler – gesegnete zwei Minuten.

Zeilen, die an dieser Stelle einmal so ausführlich besprochen werden, da sich das Album „Forever Words“ schließlich mit Gedichten, Texten und Versen beschäftigt, die sich im Nachlass des wohl bedeutendsten Countrysängers befunden haben. Mehr als 2000 Blätter hat dessen Sohn John Carter Cash gesichtet, 200 in die engere Wahl gezogen und etliche davon bereits in Buchform publiziert. Doch Worte eines Sängers, so erklärte es der in der Erbepflege sehr beflissene Sohn jüngst in einem Interview, wollen nun mal gesungen werden. Also bat er verwandte und befreundete Künstler, die überkommenen Texte zu vertonen. Die Idee dahinter ist nicht neu, auf diese Weise sind auch schon wiedergefundene Worte von Woody Guthrie („Mermaid Avenue“) und Bob Dylan („Lost On The River“) zum Leben erweckt worden.

Auch im Falle von Johnny Cash geht das künstlerische Kalkül auf. Das Album versammelt 16 Songs, bei denen sich die Interpreten die Vorlagen auf jeweils sehr individuelle Weise zu eigen machen. Das stilistische Spektrum reicht von Bluegrass (Alison Krauss), Folksong (Jewel), HipHop-Jazz (Robert Glasper), Elektroblues (T Bone Burnett), Americana (The Jayhawks) bis zu Kammermusik (Elvis Costello).

Herausragend sind jene Lieder, die Cash persönlich nahe kommen. So nimmt sich Chris Cornell der düsteren Bestandsaufnahme „You Never Knew My Mind“ (Du hast mich nie verstanden) an, die Cash 1967 bei der Scheidung von seiner Frau Vivian geschrieben hat. Wie Cash litt Cornell an Depressionen. Im vorigen Jahr brachte er sich um. Tief berührend auch „The Walking Wounded“, ein Lamento über Vietnamveteranen, das Rosanne Cash auf diesem Album mit all ihrer töchterlichen Autorität interpretiert.

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