Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow

Von „Abba“ bis „Zeit“

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Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow liest und macht Musik im Frankfurter Mousonturm.

Das ein oder andere Mal kommt ihn ein feixendes Lachen an. Beinahe scheint er in der Bühnenlaune eines Entertainers zu sein. Gesten dandyesk ironischer Distanz zu dieser Rolle ist ein Dirk von Lowtzow sich und seinem Publikum natürlich schuldig. Der seit etlichen Jahren in Berlin lebende Sänger und Songschreiber der 1993 gegründeten und einst unter der Zuschreibung „Hamburger Schule“ oder auch „Diskurspop“ gehandelten Band Tocotronic ist mit seinem literarischen Debüt, dem Erzählungsband „Aus dem Dachsbau“ unterwegs. Wie bei Musikern gebräuchlich, garniert er die Lesung im Frankfurter Mousonturm mit Songs. Sich auf der akustischen Gitarre begleitend, trägt der Neuromantiker mit dem ergrauten Haarschopf – gerade 48 Jahre alt geworden – unter anderem eine in ihrem Wagemut hinreißende Version von Henry Mancinis „Moon River“ vor. Ein paar Tocotronic-Evergreens singt er auch. Im ungewohnten Singer/Songwriter-Gewand – das hat seinen Reiz.

Der 180 Seiten schmale Band ist, wie auch das im vergangenen Jahr veröffentlichte Tocotronic-Album „Die Unendlichkeit“, autobiografisch motiviert. Allerdings nicht im Sinne einer linearen Erzählung, sondern punktuell und episodisch. Die Prosa- und Lyriktexte – hinzu kommen Fotografien und Comiczeichnungen aus der Jugend – sind den Titeln nach alphabetisch geordnet. Oder, wie von Lowtzow es sagt, enzyklopädisch. Jedenfalls reicht das Alphabet von „Abba“ bis „Zeit“, und es ergibt sich ein eindrückliches Bild von einer Sozialisation mit prägenden Erlebnissen etwa durch die Musik von Hüsker Dü, und – auch wenn der Wunsch, Schauspieler zu werden, sich als Irrweg entpuppt – Gert Voss in Thomas Bernhards „Ritter, Dene, Voss“. Eine wichtige Rolle spielen Erinnerungen an das tiefgehende Verhältnis zu dem früh an einem Hirntumor verstorbenen Freund Alexander, mit dem Lowtzow seine ersten Bands gründete, bevor er vom heimatlichen Offenburg nach Hamburg ging, wo er beim Jurastudium – Ausbildungsziel: RAF-Anwalt – Jan Müller und Arne Zank kennenlernte, mit denen er Tocotronic gründete. Man kommt dem Erzähler sehr nahe, es geht dabei nicht um Selbstbeschau, vielmehr um eine Beschäftigung mit der Existenz, um Orte der Zuflucht und den unbedingten Willen zu einem Leben nach eigener – um nicht zu sagen: dissidenter – Art.

Es gibt – Stichwort: Neoromantik – phantastische Momente und surrealistische, in einer Reihe davon spielen Tierwesen eine Rolle. Erzählt ist das ganz ausgezeichnet, enden tut es in der Regel lakonisch. Die Sicht ist die des Melancholikers, vieles ist dabei ausgesprochen humorvoll. Zum Glück nicht in jener wohlfeil pittoresken Art, die das Kennzeichen vieler Jugenderinnerungen ist. In ungezwungener Weise ist das sehr stilsicher, fern eines abbildplatten Realismus.

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