George Benjamin im 1822-Neujahrskonzert.  
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George Benjamin im 1822-Neujahrskonzert.

1822-Neujahrskonzert

1822 in der Alten Oper: Grübeleien über Zeit

  • vonBernhard Uske
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Das 1822-Neujahrskonzert in Frankfurts Alter Oper bringt auch Neue Musik.

Ein bisschen angestrengt darf es schon sein – ein Neujahrskonzert in Frankfurts Alter Oper, wo man seit einiger Zeit Anschluss an die konzertanten Jahres-Begrüßungsformen etablierter Kultur-Metropolen zu finden sucht. „1822-Neujahrskonzert“ ist so gesehen ein guter Titel, der mit dem Sponsor auch so etwas wie lange Tradition meint. Die ist, um ein Alleinstellungsmerkmal zu gewinnen, in Frankfurt mit entschiedener Normabweichung, was klassische Neujahrskonzertprogramme anbetrifft, verbunden: keine Strauss-Walzer, -Polkas oder Ländler – nicht einmal bei den Zugaben.

Dafür im ersten Teil des Abends Neue Musik, die heuer bis in die allerjüngste Gegenwart reichte. Und, bei dem 2014/15 komponierten „Dream of the Song“, vom Dirigenten des Konzerts, dem 60-jährigen George Benjamin stammte. Der renommierte britische Künstler dirigierte die traditionell das Frankfurter Neujahrskonzert ausrichtende Junge Deutsche Philharmonie, die vor der Pause noch Igor Strawinskys Bläsersinfonien und György Ligetis „Clocks and Clouds“ von 1972/73 spielte.

Letztes ein interessantes Konglomerat aus repetitiven, uhrwerkshaften Klangimpulsen, die sich sukzessive untereinander verschieben, um in wolkenartige Formationen überzugehen. Derweil flächige, luftige (auch choraliter gesungene) Klangbildungen sich zu Sprechklang-Granulat entwickeln. Ein trefflicher Jahresausblick: ordnendes Kalkül, das sich ins Verschwimmende, fast planlos Wirkende zersetzt. Und aus dem, bevor alles zur dämmernden Ruhe kommt, sich heftigere Gemengelagen ausprägen.

Ähnlich anspielungsreich vermochte auch Paul Dukas’ „Der Zauberlehrling“ zu wirken: der dilettierende Lehrling, der der entfesselten Fluten nicht mehr Herr wird und der Hilfe eines Meisters bedarf, um das Chaos abzuwehren. Bei Maurice Ravels 2. „Daphnis et Cloé“-Suite wiederum ist das mit dem „Zauberlehrling“-Zentralmotiv identische Motiv des Danse générale des Komponisten eine große Apotheose, die alles zusammenzwingt.

Weniger mit neujährlichem Beziehungsreichtum versehen war Strawinskys fesselndes Klangritual von 1920 auf den Tod Claude Debussys, wo der Komponist des „Sacre du Printemps“ seine Neo-Atavismen sich mit harmonischen Floskeln des verehrten Toten zu zeremoniöser Gestalt verschmelzen lässt. Benjamins eigene Kreation, subtile Vertonungen von jüdischer Poesie aus dem Andalusien des 11. Jahrhunderts sowie Federico Garcia Lorcas, passten mit ihren „Grübeleien über Zeit, Vergangenheit und Tod“ (G. Benjamin) sehr gut dazu, wenngleich sich der seraphische Ton im Einsatz von Countertenor und weiblichen Chorstimmen von Strawinskys stoischer und herber Setzung deutlich unterschied.

Hervorragend waren die Leistungen der Musiker, allen voran des englischen Countertenors Tim Mead, der den ziehenden Vokallinien in schönster Sopranität ohne bleckende Spitzen entsprach. Im Verein mit den Stimmen des SWR Vokalensembles, das schon bei Ligeti die schlierenartigen Fließformen schön leuchten ließ. Die Junge Deutsche Philharmonie, im Streicher-Tutti fast vollständig weiblich besetzt, glänzte in allen Instrumentalgattungen.

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