Hauptsache, ihre Musik ist scharf: AnnenMayKantereit. 	Martin Lamberty
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Hauptsache, ihre Musik ist scharf: AnnenMayKantereit. Martin Lamberty

AnnenMayKantereit

„12“: So wird’s nie wieder sein

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Ein düsteres und mutiges Corona-Album der Kölner Band AnnenMayKantereit: „12“.

Es lohnt sich immer, Henning May zuzuhören, egal ob er einem Interview aufwühlend offen über sein Leben spricht (und irgendwie auch über unser Leben) oder ein Lied singt. Zurzeit singt er wieder mit seiner Band AnnenMayKantereit aus fast allen Lautsprechern und Ohrstöpseln. Das dritte Album des Kölner Manchmal-Trios-manchmal-Quartetts heißt „12“. Warum es so heißt, wird sich hoffentlich bis zum Ende dieses Textes klären. Noch ist es ein Rätsel.

Das dritte Album ist ein Album, das gar nicht in dieser Form geplant war. Anders, ganz anders als die beiden goldverkauften Vorgänger, langsamer, leiser, düsterer. Kein grooviges „Ich glaub ich geh heut nicht mehr tanzen“, sondern: „So wie’s war, so wird es nie wieder sein.“ Zehn Mal hintereinander. Und im überübernächsten Lied gleich noch weitere zehn Mal.

Es ist ein Corona-Album, entstanden im sogenannten ersten Lockdown. Die immer noch junge Band will im Februar gerade zu ihrer größten Tournee aufbrechen, unter anderem mit zwei Gigs in Moskau, da heißt es: halt. Mittags verlassen die Musiker auf Anraten der Behörden eine für den Abend fertig aufgebaute Bühne in der Schweiz, reisen zurück nach Deutschland, geben Anfang März in Chemnitz ein letztes Konzert.

Dann das: „Die Kneipen schließen, die Kinos auch. Und im Schauspielhaus fällt der letzte Vorhang aus“, singt Henning May mit dieser Stimme eines freundlichen Bären, die überhaupt nicht zu seiner sachten Gestalt passt und genau deshalb Markenzeichen der Band wurde. „Die Nachrichten rennen dem Algorithmus hinterher. Wenn in Moria die Zelte brennen, dann sieht das niemand mehr.“ Mutig. „Die Gelder fließen, die Tränen auch. Woher sie plötzlich kommen, weiß niemand so genau.“ Ziemlich mutig. „Ich glaub, Corona ist berühmter als der Mauerfall und Jesus zusammen. Dabei hat es grad erst angefangen.“

Mutig, weil: Es ist ja nicht Rockstar-cool, die Dinge derart konkret auszusingen. Es ist eher so Udo-Lindenberg-cool. Und genau deshalb ist es richtig und ehrlich und mutig.

Es rauscht und knistert schon mal auf dem Album, wenn man ganz genau hinhört. Vogelgezwitscher. Meist sparsam instrumentiert, viel Klavier. „Insgesamt ist das neue Album sehr von den Wochen geprägt, in denen es entstanden ist“, schreibt Henning May. „Per Video-Call. Per Telefon. Per Mail und in Chatverläufen.“ Gitarrist Christopher Annen spielte Parts im Proberaum, Schlagzeuger Severin Kantereit im Homestudio, May „an einem desinfizierten Klavier“. Täglich tauschten sie sich über Ideen aus, schickten einander Versatzstücke, sprachen darüber, wo das unfertige Lied hinwill.

Zum Schluss die gemeinsame Arbeit am Resultat. „Wir haben uns oft für die Momente entschieden“, schildert May, „für die spontanen Handy-Aufnahmen, für die Versprecher, das Räuspern, das Vogelzwitschern oder knarzende Klavierstühle. Hoffentlich kann man erahnen, was wir damit gern unterstreichen wollten.“ Irgendwann sagt Kantereit: „Das fühlt sich wie ein Album an.“ Es wird ein unangekündigtes Album, über Nacht ist es plötzlich da, auf den Streaming-Portalen, ohne die bereits veröffentlichten Vor-Corona-Singles „Ausgehen“ oder „Ozean“.

Ein Panoptikum der Corona-Gefühle ist es, vom frühen Schock zu den Lockerungen im Sommer. In „Aufgeregt“ treffen sich die Menschen wieder, endlich, nach all dem Abstand. Und dann im Herbst doch wieder Ernüchterung: „Der Traum ist immer nur geliehen.“ Bassist Malte Huck, seit 2014 vierter Mann ohne Erwähnung im Bandnamen, verlässt im September die Gruppe, er muss erst mal zu sich zurückfinden. „Wenn ich mich selbst veränder, fühlt es sich so an, als würd ich mich selbst besiegen“, singt Henning May. „Weil ich merke, was ich tun kann, anstatt mich selber zu belügen.“

Auch die Morde von Hanau kommen vor, das Plastikmeer, brennende Bücher. „Vielleicht schreib ich irgendwann über den Weltuntergang“, überlegt May in „Die letzte Ballade“, aber er weiß: „Ich werde singen, auch wenn es niemanden mehr interessiert.“

Die Band möchte gern, dass die 16 Tracks in der Reihenfolge des Albums gehört werden, das ergibt auch Sinn. Und was bedeutet nun „12“? Danach habe noch gar niemand gefragt, sagt die Agentur. Und findet heraus: Der Titel bezieht sich darauf, dass es nicht mehr fünf vor zwölf ist, sondern eben: zwölf. Das wirkt umso stärker, wenn man sich erst mal eine Weile den Kopf darüber zerbrochen hat.

AnnenMayKantereit: 12. Irrsinn Tonträger. Jetzt als Download oder Stream, ab 27. November auch auf CD und Vinyl.

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