+
Martin Roth, hier im Dresdner Albertinum, ist seit fünf Jahren Museumsdirektor in London. Jetzt hat er gekündigt.

Brexit

Museumschef Roth kündigt wegen Brexit

  • schließen

„Es ist Zeit zu gehen“: Martin Roth, der höchst erfolgreiche deutsche Direktor des Victoria&Albert-Museums in London, kehrt der Insel nach dem Brexit-Votum der Briten den Rücken.

Wer Martin Roth in den Tagen nach Großbritanniens EU-Abstimmung zuhörte, merkte dem Leiter des Victoria&Albert-Museums (V&A) an, worüber der 61-Jährige auch in sympathischer Offenheit sprach: Die tiefe persönliche Verstörung, ja das Entsetzen über eine Entscheidung, die sich nach Roths Überzeugung „in etwas Größeres einfügt“.

Nicht umsonst wurde der Brexit von vielen Populisten und Rechtsaußen in Europa bejubelt. Großmachtträume, nackter Nationalismus, lügenhafte Statistiken, „und hinterher war alles gar nicht so gemeint“ – das läuft allem zuwider, wofür der Weltbürger mit dem unverfälschten Stuttgarter Idiom steht.

Nun zieht Roth die Konsequenz und kündigt in London. Die Situation in Europa brauche „gerade mehr als nur gute Ausstellungen“, sagte er am Sonntag der FR: „Es ist Zeit zu gehen. Leider.“ Der erfolgreiche Kultur-Manager, zuvor Generaldirektor der Kunstsammlungen in Dresden, legt Wert auf die Feststellung, er sei nicht auf Jobsuche. Im kommenden Jahr, das wusste man schon, wird er ehrenamtlicher Präsident des deutschen Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa). Die Anfragen anderer Kulturinstitutionen, in Deutschland und anderswo, dürften nicht lang auf sich warten lassen.

Roth verlässt das nach der britischen Königin Victoria (1837-1901) und ihrem deutschen Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg-Gotha benannte Haus in glänzendem Zustand. Im Juli wurde das V&A zum „Museum des Jahres“ gewählt, die Finanzierung ist auf Jahre gesichert, die Planungen für eine Dependance im Londoner Osten sind weit fortgeschritten.

Vor allem aber haben die V&A-Mitarbeiter aus 28 Nationen in den fünf Jahren unter ihrem deutschen Direktor den Ruhm des wuchtigen Kastens in South Kensington gemehrt.

Höhepunkte waren die David Bowie-Retrospektive vor drei Jahren und die Schau zu Ehren des Modedesigners Alexander McQueen 2015. Derzeit läuft eine Ausstellung über wegweisende Ingenieurskunst, zuvor war Unterwäsche aus vier Jahrhunderten zu sehen. Da ist die Bandbreite des Museums beschrieben, das einer von Roths Vorgängern als „extrem aufnahmefähige Handtasche“ bezeichnete.

Schon vor dem Brexit waren Roth an seinem Gastland Negativaspekte wie die Klassengesellschaft aufgefallen, die allzu viele Briten achselzuckend hinnehmen. Amüsiert berichtete Roth aus seiner Frühzeit am V&A: Er habe sich über die Grußlosigkeit gewundert, mit der viele Mitarbeiter an ihm vorbeigeschlichen seien. Bis dem Deutschen dämmerte: Die Leute trauten sich nicht, ihn zu grüßen.

Das hat sich geändert, wie vieles Andere auch. Das kulturell interessierte London wird Roths kritische Kreativität vermissen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion