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Einwanderinnen auf Ellis Island, 1908.

Gesellschaft

Multikulti muss schon sein

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Vielfalt ist keine Utopie, sondern der Status Quo. Demokratie und sozialer Fortschritt scheitern nicht an den Zuwanderern. Sie scheitern an den Eingeborenen - auch in Deutschland.

Mitten im Ersten Weltkrieg erschien im Juli 1916 in der amerikanischen Zeitschrift „The Atlantic“ ein Artikel von Randolph Bourne (1886-1918), der mit dem Satz begann, dass wohl nichts, was im Zusammenhang mit dem Krieg geschah – die USA erklärten erst am 6. April 1917 dem Deutschen Reich den Krieg – die amerikanische Öffentlichkeit so sehr besorgte, wie „das Scheitern des Schmelztiegels“. Es hatte sich nämlich herausgestellt, dass die Einwanderer keineswegs ihre Herkunftsidentitäten eingeschmolzen hatten und heute nichts mehr waren als Bürger der USA. Es war vielmehr so, dass die neuen Bürger der USA starke Bindungen an ihre alte Heimat pflegten. Die Einwanderer aus Deutschland und Österreich sahen diese Länder im Recht, die aus England und Russland zeigten sich loyal gegenüber ihren Herkunftsländern.

Der linke Randolph Bourne hatte seinen Artikel, den man heute im Internet kostenlos nachlesen kann, überschrieben mit „Trans-National America“. Er betrachtete die Tatsache, dass die kulturellen Identitäten der Einwanderer sich in der neuen Heimat nicht restlos aufgelöst, ja dass sie oft sich sogar verstärkt hatten, nicht als ein Zeichen der Schwäche. Es machte für Bourne die neue Qualität der USA aus, dass sie die Besonderheiten der Gruppen unterschiedlicher Herkunft bewahrte und für die Entwicklung Amerikas zu nutzen verstand. Niemand kam in die USA, schrieb Bourne, „um in einem amerikanischen Schmelztiegel assimiliert zu werden. Sie kamen nicht, um sich der Kultur der amerikanischen Indianer anzupassen.“ Sie kamen nach Amerika in der Hoffnung, dort das Leben führen zu können, das sie sich erträumten. „Amerikanisierung“ kann nicht die Anpassung an die Werte und Überzeugungen der Nachfolger der Pilgrim Fathers bedeuten.

„Dieser Englisch-Amerikanische Konservativismus war bei uns das Haupthindernis für den sozialen Fortschritt. Wir brauchten diese neuen Völker – die Deutschen und die Skandinavier, die Turbulenzen der Slawen und Hunnen – um uns vor unserer Stagnation zu bewahren.“ Bourne schreibt, es gebe keine Völker, die geborene Demokraten seien, und keine, die definitiv keine Demokraten werden könnten. Man habe es gerade nicht mit statischen Faktoren, sondern mit sehr fluiden und dynamischen Entwicklungen zu tun. Die älteren Einwanderer als genuine Amerikaner zu betrachten, die späteren dagegen als eine schwerhörige, widerspenstige Masse, führe nur zu Missverständnissen und Bitterkeit. Falsch sei auch die Behauptung, so Bourne, den früheren Immigranten sei es um die Freiheit, den neueren dagegen um Geld gegangen.

Es ist ganz falsch, so Bourne, die amerikanische Tradition, die amerikanische Identität in der Vergangenheit zu suchen. Sie liegt in der Zukunft. Sie wird das Produkt der verschiedenen Kulturen sein, die in den USA sich entwickeln. Nicht die Hervorbringung einer alle beherrschenden Leitkultur. Der Kampf der Kulturen findet in den USA friedlich statt. In den Köpfen der Amerikaner. Das Scheitern des Schmelztiegels bedeutet gerade nicht das Ende des großen amerikanischen Experiments Demokratie, sondern das beginnt erst jetzt. Amerikas Zukunft liegt nicht in der Ausbildung eines den europäischen Vorbildern nachgebauten Nationalismus, sondern der Amerikanismus wird – schon aufgrund der unterschiedlichen Herkunft der Bewohner des Landes – ein Internationalismus sein.

Einhundert Jahre später wissen wir, wie die Geschichte weiterging. Zum Beispiel, dass die scheinbar so zerstrittenen US-Bürger schon ein halbes Jahr später alle gemeinsam in den Krieg zogen auf der Seite der Engländer. Auch die deutschstämmigen Immigranten. Und wir reiben uns bei der Lektüre von Bournes Artikel die Augen, weil für die nationale Identität der USA ganz deutlich weder die Indianer noch die Schwarzen noch die Japaner eine Rolle spielen. Der Kampf der Kulturen, den er beobachtet, ist im Wesentlichen der zwischen englischen auf der einen und deutschen und skandinavischen Traditionen auf der anderen Seite.

In Bournes Artikel spielt die Frage nach einer eigenen amerikanischen Kultur eine wichtige Rolle. Es gibt keine große amerikanische Novellistik oder kein großes Theater, konstatiert er.

Aber es gibt Lyrik und Essays, die nicht mehr europäischen Vorbildern folgen, sondern bereits eine eigene Qualität haben. Wie immer man diese Sicht auf Hermann Melville, Henry James und Edith Wharton beurteilen mag, so bleibt doch: Selbst wenn Bourne die Kinder und Kindeskinder der aus Afrika verschleppten schwarzen Sklaven nicht übersehen hätte, so wäre er wahrscheinlich niemals auf die Idee gekommen, dass deren Musik einmal die Welt erobern würde. Als eines der bedeutendsten Kulturgüter des 20. Jahrhunderts, als einer der erfolgreichsten Exportartikel der USA.

Das Wort „multikulturell“ kommt in Bournes Aufsatz nicht vor. Dennoch gilt „Trans-National America“ als einer der wichtigsten frühen Texte zur Möglichkeit, ja der Realität einer multikulturellen Gesellschaft. Die Fehleinschätzungen und Irrtümer liegen auf der Hand. Die USA sind heute noch weniger ein Schmelztiegel als vor einhundert Jahren, gleichzeitig aber gibt es in nur wenigen Ländern einen derartig kurios hochgezüchteten Nationalstolz wie dort. Das eine scheint der Begleiter des anderen zu sein. Mal mit-, mal gegeneinander.

Seinen ersten Auftritt hat der Begriff „multikulturell“ in den USA. Im Zweiten Weltkrieg. Es handelt sich um Edward F. Haskells Roman „Lance: A Story about Multicultural Man“. Wie Bournes Artikel, so erschien auch Haskells Buch kurz vor dem Eintritt der USA in den Krieg. Haskells Buch handelt von Leuten wie ihm, die in verschiedenen Ländern aufwuchsen, die sich keiner einzelnen nationalen Identität restlos anschließen können, weil verschiedenste Kulturen sie geprägt haben. „Wir Kinder des großen Zeitalters des Transports und der Kommunikation haben Kontakte mit vielen Sprachen, vielen Glaubensrichtungen und Nationen. Wir sind multikulturell.“ Haskells Multikulturalismus war 1941 in seinen Augen Sache einer Minderheit. Vor zwanzig Jahren, im Jahre 1997, eröffentlichte Nathan Glazer seinen Klassiker „We are all multicultural now“. Auch die, die es nicht wahrhaben wollten, die dagegen ankämpften, waren multikulturell geworden. Ihr Geschmack hatte sich internationalisiert, ihre Kleidung, ihre Ansichten.

Angesichts der Wahlergebnisse des vergangenen Sonntags stelle ich fest, was Bourne 1916 schon sagte: Demokratie und sozialer Fortschritt scheitern nicht an den Zuwanderern. Sie scheitern an den Eingeborenen. Die größte Bedrohung kommt nicht von den Aus-, sondern von den Inländern. Im Oktober 2010 erklärte Angela Merkel auf dem Deutschlandtag der Jungen Union: „Der Ansatz für Multikulti ist gescheitert, absolut gescheitert.“

Die Früchte dieser Ansicht haben wir Sonntagabend geerntet. Der Versuch eines nichts als deutschen Deutschlands ist ebenso wahnsinnig wie der eines nichts als französischen Frankreichs. Oder Ungarns, oder, oder, oder. Das „Zeitalter von Transport und Kommunikation“ erlaubt und zwingt uns alle, miteinander auszukommen. Dort wo wir sind.

Wir kennen die Alternative zu Multikulti: Massenmord. Multikulti und Integration widersprechen einander. Aber sie gehören zusammen. Das ist mit vielem so. Männer und Frauen zum Beispiel. Oder alt und jung. Die Möglichkeit, kulturelle Traditionen zu pflegen heißt nicht, dass jede von ihnen auch bei uns gepflegt werden darf. Prügel- und Todesstrafe, Folter und Frauenverachtung prägten Jahrhunderte abendländischer Geschichte. Wir haben uns abgesetzt von ihr und andere Wege eingeschlagen.

Es dauerte lange, bis wenigstens größere Teile der Bundesrepublikaner den Zivilisationsstand des Grundgesetzes akzeptierten. Das betrachtend, haben wir keinen Grund, auf die herabzublicken, die aus Oppach oder aus Ostanatolien kommen. Wenn sie nicht mitmachen, wird es bald keine Demokratie mehr in Deutschland geben. Jede Gesellschaft besteht aus Parallelgesellschaften. Die Aufgabe der Politik ist nicht, sie abzuschaffen. Das geht nicht. Die Politik muss den Einzelnen die Möglichkeit schaffen, aus der einen in andere Nischen zu kommen. Multikulti ist das eine, die freie Entfaltung des Einzelnen ist das andere. Beides ist erforderlich. Die Burka ist dazu da, die Frau aus dem Straßenbild verschwinden zu lassen. Natürlich widerspricht das dem Geist des Grundgesetzes. Aber dem widersprach auch, dass eine Frau die Genehmigung ihres Ehemannes brauchte, wenn sie arbeiten gehen wollte. Das entsprechende Gesetz aber wurde in der Bundesrepublik erst 1977 abgeschafft.

Die neuen Bevölkerungen werden vieles noch einmal hin und her diskutieren, was wir für endlich überholt hielten. Dabei wird es Allianzen zwischen radikalen Muslimen und Positionen der AfD geben. Multikulti ist keine Utopie, keine Lösung, sondern der Status quo. Wir schließen davor noch immer die Augen. Vielleicht weil wir ahnen, wie verwirrend der Anblick wäre. Ein wenig Hilfe schafft ein Buch aus dem Jahre 1992: „Heimat Babylon – Das Wagnis der multikulturellen Demokratie“ von Daniel Cohn-Bendit und Thomas Schmid.

Es zeigt uns auch, wie viel Zeit wir in völlig unsinnigen Abwehrkämpfen bereits verloren haben. Ohne Ausländerwahlrecht zum Beispiel wird es in Deutschland keine Demokratie geben. Es würde aktuell sicher nicht zur Beruhigung der Lage beitragen, aber langfristig würde es mehr für die Integration tun als sämtliche Integrationskurse. Wir werden ohne Multikulti nicht herauskommen aus unserer sozialen und politischen Stagnation. Das gilt natürlich auch für die anderen europäischen Staaten.

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