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Wer Berlin kennt, nimmt es nicht mehr so ernst und blickt milde herab.

Berlin

Da müssen wir ran

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Nach der DAU-Hysterie: Die Hauptstadt sucht professionelle Hilfe ? ein Therapiegespräch in und mit Berlin.

Bevor wir das alte Jahr hinter uns lassen und uns für das neue öffnen können, müssen wir die Scham beiseiteschieben und uns dem hysterischen Ausbruch widmen, der Berlin in diesem Herbst ereilt hat. Gut, die Stadt war durch den Volksbühnenstreit ohnehin schon nervlich aufgerieben, aber was dann in sie fuhr, als das Mauerkunstprojekt DAU an die Öffentlichkeit kam, sollte Anlass genug sein, doch einmal professionelle psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Bevor die Ereignisse gänzlich in ein schuldbefrachtetes Schweigen sinken, erinnern wir noch einmal kurz an die Heimsuchung: Der russische Regisseur Ilya Khrzhanovsky plante ein Areal um das Kronprinzenpalais mit originalgetreuen Berliner Mauersegmenten abzugrenzen und einen immersiven Veranstaltungsort zu schaffen, einen exterritorialen künstlerischen Kleinstaat, zu dem nur Zugang erhalten sollte, wer ein Visum beantragt und hierfür seine persönlichen Daten mitteilt (die nicht der Wahrheit entsprechen mussten). Smarte Geräte, die mit diesen Daten gefüttert werden sollten, hätten den Besucher durch ein individuell auf ihn zugeschnittenes Programm geführt.

Neben namhaften Performancekünstlern und Musikern sollten die DAU-Filme das Zentrum dieses Programmes bilden: dreizehn Kinofilme und diverse Serien, zusammengeschnitten aus über 700 Stunden ziemlich finsteren Materials. Aufgenommen wurde es in einem abgeschlossenen Set bei Charkiw, wo zweieinhalb Jahre lang bis zu vierhundert Menschen lebten, unter Bedingungen, die die Sowjetunion zwischen 1938 und 1968 simulierten.

Dies allein hätte Berlin vielleicht seelisch noch verkraftet, dazu kamen aber die Umstände, dass das Kunstprojekt lange geheim gehalten wurde, der Regisseur die Öffentlichkeit mied, dass es von einem russischen Unternehmer finanziert wurde, der schon einmal mit Putin auf einem Bild zu sehen war – und dass es auf den Bürgersteigen Unter den Linden ohnehin eng genug ist. Es folgten unschöne, offensichtlich pathologische Dissonanzen, die erst abschwollen, als die zuständigen Behörden das Projekt wegen Sicherheitsbedenken ablehnten.

Weil man eine ganze Stadt nicht auf eine Couch gelegt kriegt, wird sie hier von Siggi, einem Mann Mitte dreißig, personifiziert. Siggi Berlin guckt, nachdem er die Praxis pünktlich erreicht und dem Therapeuten die Hand geschüttelt hat, unsicher auf das Möbelstück, das den gemütlichen Raum dominiert und legt sich nach einem aufmunternden Kopfnicken des Therapeuten nieder. Dieser nimmt am Kopfende Platz, so dass Herr Berlin ihn nicht sehen kann. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es sich bei dem Therapeuten um diese Zeitung handelt und die ärztlichen Schweigepflicht mithin aufgehoben ist.

Herr Berlin, was geht Ihnen gerade durch den Kopf?
Nüscht.

Nun, wir haben den Befund, die Kasse übernimmt die Kosten, es ist Ihre Stunde und Ihr Raum.
Ich wusste nicht, dass ich was tun muss.

Keiner wird Sie zu etwas zwingen. Sie sind aus freien Stücken hier, wenn ich Sie daran erinnern darf. Im Vorgespräch schilderten Sie mir Ihr Befinden. Ich möchte Ihnen jetzt keine Diagnose um die Ohren hauen, aber ich denke, Sie haben da ein hübsches narzisstisches Syndrom ausgebildet. Antriebslosigkeit angesichts größerer Aufgaben und Herausforderungen...
Wenn Sie jetzt mit dem Flughafen anfangen, werde ich diese gemütliche Praxis sofort verlassen.

...gepaart mit einem unkontrollierbaren Hang zum Aktionismus, Überanstrengung und zu einer freizeitlichen Verausgabung, der möglicherweise Drogenmissbrauch zugrunde liegt. Hm?
(Siggi Berlin schweigt.)

Außerdem hätten wir noch die vielgestaltigen Neurosen, die aus Ihrer langjährigen, nicht verarbeiteten Gespaltenheit resultieren. Wie auch Ihre interessante Klaustrophobie-Spielart: Das Missbehagen vor Wänden und anderen Vertikalitäten, insbesondere Mauern.
Ja, gut, verstanden, hören Sie bitte auf. Können Sie das nicht einfach als Burn-out verbuchen und mir eine Kur verschreiben?

Wir benutzen diesen Modebegriff nicht so gern. Also: Wann kam es zu Ihrer letzten hysterischen Attacke?
Bei dieser DAU-Geschichte.

Geht es ein bisschen genauer?
Dieser Russe wollte die Mauer wieder aufbauen! Am falschen Ort!

Ein Russe, sagen Sie?
Was soll denn dieser Ton?

Ach, nichts. Vielleicht haben Sie aus sowjetischen Zeiten auch einen Vater-Sohn-Konflikt verschleppt, aber das gilt vermutlich für Ihre Ost-Seite.
Es hat in der Tat einige, wie sagt man, Übersprungshandlungen ausgelöst, als ich hörte, dass ein Russe am Werk ist. Und auch noch alles mit den Millionen eines Oligarchen bezahlen wollte. Das geht bei mir ganz automatisch: Russe, Oligarch, Putinfreund, Diktatur und früher oder später: Gulag.

Und dann kommt es zu unreflektierten Überreaktionen?
Wer mich kennt, nimmt das inzwischen wohl nicht mehr so ernst. Aber gerade deswegen bin ich immer öfter geneigt, mehr als nötig auf die Kacke zu hauen.

Haben Sie wirklich von „Schändung“, „Banalisierung“ und „gigantischer Zelebrierung des Bösen“ gesprochen? Sie wussten doch noch gar nicht, was genau geplant ist. Sie haben sogar mit Maueropfern argumentiert, oder? Es ist doch nur Kunst!
Nur Kunst? Wirklich? Das ist ja das, was einen so verunsichert: Warum muss dieser Künstler alle Rahmen sprengen und Fiktion und Leben vermischen? Die einen nennen es die Zukunft der Kunst. Aber man braucht sich ja nicht zu wundern, dass man nicht mehr durchsieht, wenn man nicht weiß, was echt und was fake ist.

Fürchten Sie, wegen dieser Vermischung wahnsinnig zu werden?
Ich? Wohl eher der Khrzhanovsky. Um ihm klarzumachen, wo der Spaß aufhört, habe ich in einem offenen Brief von ihm verlangt, dass er sich bei Putin für Oleg Senzow und Kirill Serebrennikow einsetzen soll. Und konnte mir diese Pointe nicht verkneifen: dass er dann die Knasterfahrung am eigenen Leib machen kann. Aber das ist nur meine eine Seite. Ich will doch auch dabei sein, wenn hier so großkunstmäßig die Post abgeht, kommt ja nicht jeden Tag ein Genie vorbei. Und so ringen dann meine beiden Seiten miteinander …

Sie müssen diese Widersprüche seelisch integrieren, sonst drohen handfeste dissoziative Störungen …
Da kann man aber keine Kompromisse machen! Zur Freiheit der Kunst gehört es doch wohl auch, mit den Symbolen der Diktatur spielen zu dürfen und keine Rücksicht nehmen zu müssen auf die Befindlichkeiten von irgendwelchen DDR-Veteranen oder Alt-68ern, die Angst haben, dass man ihnen ihre Geschichte wegnimmt. Mir egal, ob die aus dem Osten oder Westen sind.

Lassen Sie es ruhig raus! Aber schauen Sie dabei auf Ihre inneren Widerstände! Haben Sie Schuldgefühle?
Nie.

Schließlich hat etwas in Ihnen das Kunstprojekt verhindert.
Nein, nein. Dafür kann ich nichts. Das hat nicht mit mir zu tun, das waren die Behörden. Da habe ich überhaupt keinen Einfluss.

Scheint mir eine Strategie zu sein, Verantwortung zu delegieren. Keine Gewissensbisse?
Null. Wenn diese Künstler keine Rettungswege planen können und mit dem Sicherheitskonzept nicht um die Ecke kommen, dann habe ich keine Schuld. Basta.

Aufgeatmet haben Sie aber doch, als die Verkehrslenkungsbehörde in aller Deutlichkeit Nein sagte?
Klar. Nicht nur ich, sondern alle irgendwie Beeinträchtigten und auch alle Beteiligten – wenn auch die meisten von denen eher heimlich. Schließlich bedeutete das Ganze einen Haufen Arbeit! Und die Filme sollen ziemlich heftig sein. Ich habe mich umgehend beruhigt, als die Nichtgenehmigung ausgesprochen wurde.

Verdächtig, diese Ruhe, finden Sie nicht? Ihnen ist doch klar, dass Sie jetzt vielleicht diesen äußeren Reiz los sind, aber die tieferen Ursachen für Ihre Neurosen sind damit nicht verschwunden. Ich befürchte, dass sie jederzeit wieder aufbrechen werden.
Auf jeden Fall.

Genauso wie Ihre Komplexe.
Was für Komplexe? Jetzt kommen Sie kurz vor Ende der Stunde mit so einem Thema? Komplexe habe ich doch überhaupt nicht nötig.

Sie wissen schon, dass das DAU-Projekt mit den Filmen nun in Paris und dann in London zur Weltpremiere kommt?
Paris und London? Was soll das? Wollen Sie damit sagen, dass ich eine Provinzstadt bin? So halb schon im sibirischen Wind? Ja? Mit den Füßen in den Masurischen Sümpfen? Der Fernsehturm ist 44 Meter höher als der Garderobenständer von diesem Eiffel.

Oha. Über phallische Kompensationsstrategien sprechen wir vielleicht lieber beim nächsten Mal.
Da gibt’s nichts zu kompensieren. Meiner ist einfach höher!

Protokoll: Ulrich Seidler

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