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Papst Johannes XXIII. eröffnet 1962 im Petersdom das Konzil.
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Papst Johannes XXIII. eröffnet 1962 im Petersdom das Konzil.

Zweites Vatikanisches Konzil

Die Mühen der Tradition

  • Joachim Frank
    VonJoachim Frank
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Vor genau 50 Jahren ging nach dreijährigen Beratungen in Rom das Zweite Vatikanische Konzil zu Ende. Die Kirche versucht trotz ihrer Rücksicht auf Traditionalisten, die Zeichen der Zeit zu deuten.

Ein Modedesigner, bekannt für klassische Modelle, bringt angesichts bedrohlicher Umsatzverluste eine Kollektion auf den Markt, die auf einmal ganz anders ist als alles Bisherige: neue Stoffe, moderne Schnitte, ungewohnte Accessoires. Zur Beruhigung der konservativen Kundschaft aber sagt er: „Alles bleibt, wie es ist. Röcke und Anzüge habe ich schließlich schon immer gemacht.“

So ungefähr hat die Führung der katholischen Kirche über Jahrzehnte die Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils zu verkaufen versucht, das an diesem Dienstag vor 50 Jahren nach dreijährigen Beratungen in Rom feierlich zu Ende ging.

Zwar war es das erklärte Ziel des „Konzilspapstes“ Johannes XXIII. und der innerkirchlichen Reformer, die Fenster der Kirche zur modernen Welt aufzustoßen und Frischluft in das alte Gemäuer zu lassen. Doch nichts ist im Selbstbild des kirchlichen Lehramtes so gefährlich wie der Bruch mit der Tradition. So kam für die Kirche eine Revision des Urteils gegen Galileo Galilei, in dessen Weltsicht die Erde um die Sonne kreist, deshalb jahrhundertelang nicht in Frage, weil sie damit einen eigenen Irrtum hätte zugeben müssen. Jeder Widerspruch zu bisherigen Wahrheiten galt und gilt konservativen Kritikern als Selbstuntergrabung der kirchlichen Autorität. Dagegen behaupteten die Päpste Johannes Paul II. (1987 bis 2005) und besonders Benedikt XVI. (2005 bis 2013) unentwegt die „Kontinuität“ des Konzils zur überlieferten Lehre und Praxis der Kirche.

Dabei sind die Abkehr von zentralen Thesen und deren Neubestimmung ebenso unbestreitbar wie ein Wandel im Selbstverständnis der Kirche und in ihrem Bezug auf die moderne Gesellschaft. Johannes XXIII. brachte den Perspektivenwechsel auf den Begriff „aggiornamento“, was wörtlich übersetzt „Verheutigung“ bedeutet. Das Konzil selbst spricht von der Notwendigkeit, die „Zeichen der Zeit“ zu erkennen und zu deuten. Damit ist keine billige Anpassung an den flüchtigen Zeitgeist gemeint. Zeichen der Zeit sind vielmehr „entscheidende Größen für die Auseinandersetzung über Gegenwart und Zukunft der Menschheit“, sagt der Salzburger Theologieprofessor Hans-Joachim Sander. Die „Zeichen der Zeit“ sind „Geschehnisse, in denen Menschen um die Anerkennung ihrer Würde ringen müssen“. Sie weisen auf Anliegen der ganzen Menschheit. „Religionen als universale Gemeinschaften haben die Möglichkeit, das zum Thema zu machen, gleichsam einen Transzendenzbezug herzustellen“, sagt Sander. Transzendenz gebe es in diesem Sinn nicht ohne Bodenhaftung.

Mit dieser neuen, positiven Weltsicht verabschiedet sich die katholische Kirche auch von der Selbsttäuschung, dass ihr alles, was sie zu ihrer Existenz benötigt, aus sich selbst heraus zur Verfügung steht. „Sie benötigt die Konfrontation mit der Welt, um überhaupt darauf zu kommen, was das Evangelium tatsächlich bedeutet, das sie verkündet.“ Als aktuelles Beispiel nennt Sander die Flüchtlingskrise: „Die Fremden, die derzeit in Deutschland Schutz suchen, tun der Kirche gut. Sie zeigen ihr, was sie wirklich zu sagen und zu tun hat.“

Im „Geist des Konzils“ scheint das auch notwendig zu sein – angesichts mancher Selbstbespiegelung und rückwärts gewandter Debatten. 50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist ihr die Fähigkeit verloren gegangen, Avantgarde zu sein. Dass sie es in den 1960er Jahren war, zeigt die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit für die Beratungen des Weltepiskopats auf dem Konzil in Rom: Es gehörte, betont Sander, mit der Kubakrise und der Ermordung John F. Kennedys zu den ersten Ereignissen, die „so etwas wie eine globale Zivilisation spürbar werden ließen“. Gemessen daran, bleibt die Kirche weit unter dem Niveau und den Möglichkeiten, die sie damals erreicht hatte.

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