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Pfosten, Pfosten, Latte, irgendwo am Ende der Welt.
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Pfosten, Pfosten, Latte, irgendwo am Ende der Welt.

Ur-Tor

Das Tor von Mórdomo

  • VonReinhard Wustlich
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Ein weiter Weg über Steppen, Waldlichtungen und Trümmergrundstücke, über Brachflächen, Müllkippen oder durch Hausbesetzersiedlungen.

Paradox, wie es da steht. Eine Analogie zum Ur-Meter, dem „mètre des archives“: das Ur-Tor. Es ist leer, alle Elemente auf das Wesentliche reduziert. Zwei lotrecht stehende Rundhölzer, von Rinde befreit, die Stützen. Dazu eine gedachte Linie zwischen den Stützen, am Boden, eine Linie ungeahnter Wichtigkeit. Darüber eine Stange aus Eukalyptusholz, die die Weite zwischen den Stützen in der Höhe, so gut es geht, zu überbrücken sucht. 

Unsichtbar bleibt, dass die Stützen tief genug in den Untergrund getrieben, dass sie dauerhaft eingespannt sein müssen, um die urtümliche Konstruktion nicht umstürzen zu lassen. Es ist diese eine Konstruktion, dieses eine Prinzip, um das sich, gerade im Falle ihrer Verformung oder erwiesenen Fragilität, ganze Legenden, ja Mythen rankten. Alles beginnt einfach. Eine Aktion wäre zu dieser Einfachheit hinzuzudenken: „Der Tormann sah zu, wie der Ball über die Linie rollte...“ (Peter Handke).

Pfosten, Pfosten, Latte. Vom Vorwissen zum Begriff. Das Ur-Tor ist so wirklich wie ein Hammer, „eine komplexe gegenständliche Bedeutungseinheit“ (Klaus Holzkamp). Das Ur-Tor vermittelt durch bloßes Da-Sein, welch lange Geschichte bei seiner Erfindung, Errichtung und Entwicklung zu bewältigen war – bis die strikt einzuhaltenden Merkmale schließlich in einer DIN-Norm festgehalten werden konnten. Dieser entsprechend sollen die Pfosten, gemessen zwischen den Innenkanten, einen lichten Abstand von exakt sieben Metern und zweiunddreißig Zentimetern einhalten, in all ihrer Ausdehnung. Während die Unterkante der Latte, in jedem ihrer Abschnitte, zwei Meter und vierundvierzig Zentimeter Abstand vom Boden wahren soll. Eine im Grunde absurde Bemessung. Dabei können gerade die äußersten Winkel dieses Gevierts, am Boden wie in der Höhe, zu ungeahnter Magie beitragen.

Das Ur-Tor, ein Blick offenbart es, vermochte die Forderung nach Exaktheit nicht immer zu erfüllen. Beim Ackerfußball („Es soll da rein“) bot die der Schwerkraft geschuldete Verformung der Latte in ihren Auswirkungen auf das Spiel oft genug Anlass zu Erregtheit, zu Verwünschung, versteckten Handgreiflichkeiten. Manch einer trat vor Wut gegen den Pfosten. Während doch das Gegenteil, Exaltiertheit, Euphorie, ja Ekstase, ersehnt war.

Die Umgebung des Ur-Tors in Mórdomo signalisiert große Verlassenheit. Sie widerspricht jeder zeitgenössischen Erwartung. Dennoch ist die Costa da Morte, der Fundort in Galicien, ein Ort der Verzauberung, der Romantik. Und ähnelt in seiner imaginären Wirkung vergleichbaren Anwendungsorten weltweit: auf Steppenpassagen, Waldlichtungen, Müllkippen, Trümmergrundstücken, Brachflächen zwischen Bidonvilles und Squattersiedlungen, selbst weit vor jeglicher menschlicher Behausung. Gerade, weil die Situation grundlegend verfremdet erscheint. Bedenkt man, dass es den Regeln nach erlaubt, gar geboten sein kann, ein Tor durch eine „Mauer“ (auch gegen Mexiko) zu schützen, weshalb dann nicht durch eine spezielle Art des Bewuchses? Ist doch der Zustand des ursprünglich naturnahen Spielfeldes um das Ur-Tor, bestanden mit ausgewachsener Segge, Lieschgras, Simse, Schwingel, Glatthafer und Wiesenfuchsschwanz, durchsetzt mit Kreuzkraut-Varianten, ein im Grunde tolerierbares Tableau. 

Selbst in den Bidonvilles vor Casablanca konnte die Vision ein Zuhause haben, dass eines Tages eine „Mülldeponie in ein richtiges Fußballfeld verwandelt worden“ wäre, „nicht unbedingt mit Rasen wie in den Stadien der großen Mannschaften, aber wenigsten in einen leeren Platz, ohne die ekelhaften Abfallberge“ (Mahi Binebine). Doch – natürliche Vielfalt, gerade Artenvielfalt beim Bewuchs des Feldes, ist aus den zeitgenössischen Vorstellungen des Spiels gnadenlos verdrängt worden. 

Das Ur-Tor ist kaum mehr als ein Rahmen um ein Nichts, das bis zum Äußersten mit Bedeutung aufgeladen ist. Etymologisch steht das „Tor“ neben dem „Tor“, erstaunlich genug, nennt die Herkünfte althochdeutsch und mittelhochdeutsch „tor“, altsächsisch „dor“, gotisch „daur“, altenglisch „dor“ (Kluge), während es mit der britischen Neu-Erfindung des Fußballs im 19. Jahrhundert in „goal“ umbenannt, somit dem altenglischen „obstacle“, „barrier“ oder „marker“ verbunden wird. Keine dieser Herkünfte hat etwas mit einem „Kasten“ gemein: „Ein Elfmeter wurde gegeben. Alle Zuschauer liefen hinter das Tor. (...) Der Tormann, der einen grellgelben Pullover anhatte, blieb völlig unbeweglich stehen, und der Elfmeterschütze schoss ihm den Ball in die Hände“ (Peter Handke).

Das Nichts des Ur-Tors wird erst durch die Umrahmung mit Pfosten und Latte, zu dem, was es bedeutet. Der Rahmen, neuerdings „Frame“, grenzt ein und aus, leitet die Wahrnehmung auf das, was gesehen werden soll. Schirmt das Verborgene ab. Das Ur-Tor, es ist paradox, strahlt Ruhe aus. Fasst ein. Ordnet. Ist unerschütterlich im größten Gewühl. Wirkt durchaus unbeteiligt. Und steht doch für das rauschhafte Gegenteil. 

Aus dem Nichts wird durch kollektive Zuschreibung ein Symbol, ein Rahmen unserer Träume („Traumtor“), unserer Begierden („das Runde ins Eckige“), unserer Übertragungen (Reicht es nicht, wenn mein Idol auf dem Platz außergewöhnlich ist?). Sei es im Stadion von Arsenal oder auf dem Müllberg von Sidi Moumen, sei es am Strand von Mórdomo oder im Bremer Weserstadion.

Das Ur-Tor, der Rahmen, das eigene Ich auf die verzehrende Dynamik des Spiels zu fokussieren, diesen Fokus als Welt zu erleben – und sonst nichts (nicht Trump, nicht Kim, nicht Erdogan, nicht einmal Putin), wird zum Rahmen unserer Hornby’schen Verfallenheit: „Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden.“

Das Ur-Tor, der Rahmen, in dem der Protagonist von Mahi Binebines Roman „Die Engel von Sidi Moumen“ sich in „Jaschin“ verwandeln kann (den berühmten Russen Lew Jaschin, der 1960 zum besten Torhüter den 20. Jahrhunderts gewählt wurde, siehe auch S. 20). Der marokkanische Slumbewohner, der zum „besten Torhüter“ des Bidonville wird, zu „Jaschin“ , sieht sein Leben verklärt, bevor er – dem Fußball systematisch entfremdet – als lebende Bombe endet. Sein Leben: der „Fußballkult, die ständigen Prügeleien, die Ladendiebstähle und die wilden Wettrennen, die Schwierigkeiten des Überlebenskampfs, das Haschisch, die Leimschnüffelei mit seinen Folgen, der Schwarzhandel und die Gelegenheitsjobs, die unaufhörlichen Schläge, das Ausreißen, Vergewaltigungen und Misshandlungen...“

Die berühmte Metapher, man könne nicht zweimal in denselben Fluss steigen, wäre gleichermaßen auf das Ur-Tor anzuwenden: Niemals fällt dasselbe Tor! Der Ursprung des phänomenologischen Vergleichs führt zu den eigenartigsten Argumentationsreihen, zu einer elementaren Wirkungsgeschichte im Fan-Universum, die die Verzweiflung dessen nachempfinden lässt, der einen einzigen Augenblick nur weggeschaut hatte, als das – für ihn – einzigartige Tor fallen sollte. Das Tor, an das er sein Leben lang die kostbarsten Erinnerungen hätte heften können. Alle Verlustängste drängen zu diesem Rahmen. Er ist leer, sinnentleert. Paradox, wie er da steht. 

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