+
Schriftsteller Friedrich Christian Delius.

Akademie der Künste

Morgens ist das Gedicht Mist

  • schließen

Ein Gipfel mit 18 Lyrikern in der Berliner Akademie der Künste.

Nora Gomringer sagt, sie könne das eigentlich nicht, so lange stillsitzen. Sie ist die letzte in einer Reihe von achtzehn Dichtern, die am Freitag bis kurz vor Mitternacht in der Berliner Akademie der Künste auftreten. Die Teilnehmer der Lyriknacht sollten nur zwei Regeln gehorchen: die Gedichte ohne Erläuterungen vortragen, und das nicht länger als sieben Minuten lang.

In der Tat konnte, wer auf Gomringers Seite des Saals am Pariser Platz gesessen hatte, sehen, wie sie mal ihre Jacke mit dem geometrischen Schwarzweiß-Muster überzog und dann wieder abstreifte, wie sie sich eine graue Baumwollmütze über die Locken stülpte und wieder abzog, die bestiefelten Beine hin- und herbewegte. Den Platz verließ sie nicht.

Achtzehn Dichter, das ist schon ein ganz schön die Aufmerksamkeit strapazierender Auflauf. Die strengen Auftrittsregeln sorgten immerhin dafür, dass man fürchten musste, etwas zu verpassen. Der eine sprach seine Gedichte wie Geschichten, der andere performte Verse mit irrem Klang, aber ohne verständlichen Sinn. Einer sprach Silben auskostend laut, ein anderer leise, sanftem Rhythmus unterworfen. „Sie werden sich noch wundern“, warnte Elke Erb, die mit viel Applaus begrüßt wurde.

Das Publikum hörte still, klatschte danach umso lauter. Michael Lentz positionierte sein Tablet auf dem Podium, die Schutzhülle abknickend und schickte seine Stimme dröhnend in den Saal. Thomas Rosenlöcher deklamierte mit den Händen wedelnd, als würde er dirigieren. Von Goethe dichtete er, nicht über dessen Dichtung, sondern über eine Locke, die ihm abgeschnitten wurde. „Mehr nicht!“, sagte der Dichter auf dem Sterbebett. Ach so, also nicht „Mehr Licht!“.

Selbst, wer selten Gedichte liest, wird viele Bekannte auf dem Einladungszettel gefunden haben, zum Beispiel gleich vier, die mit der renommiertesten deutschen Auszeichnung für Literatur, dem Büchnerpreis, geehrt worden sind: Marcel Beyer, Volker Braun, Friedrich Christian Delius und Durs Grünbein. Es lasen auch drei Dichter, die für ihre Romane den Deutschen Buchpreis erhalten haben: Ursula Krechel, Kathrin Schmidt, Lutz Seiler. Nora Gomringer (übrigens Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin) hält zum Schluss, mit der Erläuterungsverbots-Regel brechend, eine herzliche Dankesrede an die Akademie und alle Aufgetretenen. „Dass ich überhaupt Kollegen sagen darf“, ruft die 37-Jährige strahlend in den Saal.

Homogen war diese Kollegenschaft nicht. Volker Braun beobachtete die sterbende Umwelt und die in Calais umherirrenden Flüchtlinge. Kathrin Schmidt holte einen alten Mäusemord aus ihrem Oeuvre und trug ihn so frisch vor, dass ihr Begeisterung entgegenschlug. Lutz Seiler dichtete für seine Fußballfreunde, die Namen der Mitspieler im Takt der Vokale aufzählend. Durs Grünbein, halb in Rom zu Hause, führte von den Pinien zu anderen P-Wörtern wie Pizza und Poesie. Ulf Stolterfoth war in England unterwegs, nichts schien zusammenzupassen, aber es klang wie ein Popsong.

„Jedes Lesen eines Gedichts ist natürlich ein neues Gedicht“, sagte Michael Krüger zuvor, der langjährige Verleger des Hanser-Verlags. Und auch: „Der Text als Text hat ja nicht die Stimme dabei.“ Krüger schreibt selbst, Erzählungen, Romane und – Gedichte. Der langen Nacht waren drei Gesprächsrunden vorausgegangen, zwei bereits am Donnerstag, eine dritte am Freitag, und da war Krüger in seiner Doppelrolle gefragt. Herauszufinden, wie ein Gedicht entsteht, was den Autor zum Schreiben gebracht hat, sei wesentlich für ihn gewesen, um seinen Beruf als Lektor ausüben zu können. Für Peter von Matt, der am Donnerstag einen Vortrag hielt, ist das Gedicht ein „stehender“ oder ein „gefrorener Blitz“. Krüger sah das weniger zackig. Für ihn fängt sich darin etwa der Augenblick, da man eine Lichtung betritt, auf der man einen Hasen erblickt. Der Hase verharre einen Moment, bevor er eilends verschwinde. „Viele Gedichte, die ich mag“, sagte Michael Krüger, „sind nicht perfekt. Die Sekunde des Zögerns ist einen Moment zu lang.“

Die Lesungen und Gespräche in der Akademie waren gebündelt als „Positionen, Paradoxien, Gedichte“ unter der Überschrift „etc is poetry“. Die entstammt Ernst Jandls „easy grammar poem“ und passte gut. Denn Jandl beschäftigt sich darin mit der lyrischen Verwendung der Sprache: egal ob sinnfrei oder sinnhaft, bestimmt durch die ihr eigene Struktur.

In der Diskussion am Freitag führte Tobias Lehmkuhl als sensibler Moderator vier Dichter beharrlich zu ihren Arbeitsprinzipien. Ursula Krechel lässt ihre Gedichte oft liegen, meist mehrere zugleich, holt sie wieder hervor und feilt daran, „bis das Gedicht sagt, es kommt allein zurecht“. Marcel Beyer sagte, dass sich bei ihm Euphorie und Erschöpfung schnell ablösen würden: „Morgens finde ich alles ziemlich Mist, was ich am Vortrag geschrieben habe.“ Und Ulf Stolterfoth, der oft Lyriker unterrichtet und einen eigenen Verlag gegründet hat, erklärte, er glaube nicht so sehr ans Handwerkliche. Seine Hauptfrage sei: „Erfüllt das Gedicht, die Ansprüche, die es an sich selbst stellt?“

Die beiden Poesie-Tage hatte die Akademie anberaumt, um eine Gattung aufs Podium zu heben, die sich gerade bei Festivals und Einzel-Auftritten wachsender Aufmerksamkeit erfreut. In der Diskussion einig waren sich alle Dichter, dass sie selbst von Lektüre leben. Für Marcel Beyer ist ein Gedicht etwas, „das aus Gedichten zu Gedichten führt“. Und Ursula Krechel sprach: „Wenn ich ,Familie‘ sage, denke ich an das Umgebensein von Texten.“ Auch so ließ sich die Lyriknacht verstehen. Einigen war es irgendwann zu viel an Familie, ab 22 Uhr lichteten sich die Reihen. Die meisten genossen wie Nora Gomringer die Kollegengegenwart.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion