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Bei den Ermittlungen bekommen Wieditz (Jörg Schüttauf) und Albers (Ronald Zehrfeld) Unterstützung von Paulitz (Silke Bodenbender)

„Walpurgisnacht – Die Mädchen und der Tod“, ZDF

Mord im Zonenrandgebiet

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In einem zweiteiligen ZDF-Krimi erzählt Regisseur Hans Steinbichler von einer grenzüberschreitenden Mordermittlung.

Es gab mal eine Zeit, in der konservative US-amerikanische Präsidenten dazu aufriefen, Grenzmauern einzureißen, statt ihrerseits neue zu errichten. Wir schreiben das Jahr 1988. Die BRD und die DDR werden noch durch Wälle, Stacheldraht, Schuss-Schneisen getrennt. Die Sperranlagen sind ein wenig durchlässiger geworden, ost- und westdeutsche Funktionsträger reden miteinander. Aber man bleibt argwöhnisch. 

In diesen Tagen kommt eine aus dem hessischen Idstein stammende junge Frau im ostdeutschen Grenzgebiet nahe des Harz-Örtchens Schierke zu Tode. Die Touristin wird zu Füßen einer malerischen Felsklippe gefunden. Das Prozedere ist festgelegt: Auf dem Totenschein „Unfall“ ankreuzen, den Leichnam in den Westen spedieren, den Vorgang ablegen. Dann aber passiert etwas, was allseits Verblüffung und gleichsam eine Art Staatsaktion auslöst: Der zuständige Volkspolizist Karl Albers (Ronald Zehrfeld) stuft die Leichensache als „nicht natürlichen Tod“ ein. Damit erhält das LKA Wiesbaden die Befugnis, sich an den Ermittlungen zu beteiligen. Kriminalrat Brehm (Stefan Merki) gerät in helle Aufregung und schickt Oberkommissarin Nadja Paulitz (Silke Bodenbender) gen Osten. Mit der in puncto Geschlechtergrammatik zeittypischen Begründung: „Du bist mein bester Mann.“

Gorbatschow hin oder her

Paulitz wird von einer Ost-Berliner Beamtin nach Schierke chauffiert und bezieht dort die schlichte Pension, in der auch die tote Juliane untergekommen war. An der Seite von Karl Albers lernt sie die örtlichen Gegebenheiten kennen, Karls Vorgesetzten Lothar Wieditz (Jörg Schüttauf), der den Fall schnellstmöglich abgewickelt sehen möchte, und den SED-Kreisleiter Egon Pölz (Godehard Giese), dessen Sohn Ronny (Theo Trebs) als Schwimmsportler mit Juliane in Kontakt gekommen und mit ihr liiert war. 

Damit ist er der erste Verdächtige, aber sein Vater unterläuft die Ermittlungen und macht den Volkspolizisten klar: „Noch habe ich hier das Sagen. Gorbatschow hin oder her.“ Nach dem Termin beim Rechtsmediziner steht außer Frage, dass Juliane Opfer eines Mörders wurde. Und bald schon findet sich eine weitere Leiche. Wieder eine junge Frau, verwandte Tatmerkmale. Im stillen Schierke geht ein Serientäter um. Bei seinen Opfern hinterlässt er kleine Hexenfiguren. Daher der Bezug zur Walpurgisnacht im Titel. 

Der Zweiteiler zehrt von der besonderen Atmosphäre des Handlungsortes. Im Jahr 1988 lag Schierke im Sperrgebiet am Rande der Grenze zum Westen und war deshalb nur bedingt zugänglich. Häuser, Straßen, Infrastruktur sind geprägt von Vernachlässigung und Verfall. Die morbide Stimmung betonend, tunkt Regisseur Steinbichler die Bilder in ein trübes Grau-Grün. Die Jugend des Ortes sucht der Tristesse zu entfliehen. Alexander (David Schütter) als Fotograf freizügiger Bilder, die er nach Berlin verkaufen möchte, seine jungen Modelle, die von einer Karriere in der Hauptstadt träumen. Große Hoffnungen setzen sie alle auf einen Schönheitswettbewerb. Karl Albers sitzt in der Jury, was seine Frau (Jördis Triebel) nicht gern sieht.

Die Staatssicherheit macht Pause

Schierke liegt fast schon im Niemandsland, einerseits abgeschlossen durch die Zonengrenze, aber auch abgekoppelt vom Rest der Republik. Die Autoren Christoph Silber und Thorsten Wettcke nebst Regisseur Hans Steinbichler wissen diesen besonderen Zustand trefflich ins Bild zu setzen. Seltsam unterentwickelt aber bleiben die politischen Implikationen, die doch zu Beginn geradezu euphorisch präsentiert werden. Wider Erwarten finden die West-Kriminalistin Paulitz einerseits und die Ost-Volkspolizisten Albers und Wieditz umgehend zu einer pragmatischen Arbeitshaltung. Egon Pölz ist SED-Funktionär, aber im Rahmen der Handlung ein typischer Provinzfürst, der in einem anderen Krimi als selbstherrlicher Bürgermeister oder lokaler Unternehmer aufgetreten wäre. Die Figuren funktionieren weitgehend im Rahmen der Genrekonventionen. 

Die besonderen Konfliktformen innerhalb der DDR und im Verhältnis der beiden deutschen Staaten, die den Film aus dem gewohnten Muster hätten herausheben können, finden überraschend wenig Berücksichtigung. Wenn ein vermeintlicher Republikflüchtling an der Grenze den Tod findet, wirkt die Szene eher wie eine Pflichtübung. Die allgegenwärtige Staatssicherheit, die die BRD-Besucherin im Realfalle sicherlich nicht aus den Augen gelassen hätte, tritt gar nicht in Erscheinung. Und es scheint – der Ortspfarrer hat eine entscheidende Rolle inne – in dieser fiktiven DDR auch keine Probleme zwischen Staat und Kirche zu geben. Wenig plausibel in der beschriebenen Phase, in der die Bürgerrechtsbewegungen mit Unterstützung der Kirchen hervortraten, vernehmlich Veränderungen forderten und damit das Ende der DDR einzuleiten begannen.

Mehr Morde als nötig

Gedreht wurde größtenteils im tschechischen Janov nad Nisou im Isergebirge. Dort fanden sich Schauplätze mit dem nötigen patinierten Ambiente. Die stimmige Ausstattung wird verantwortet von Szenenbildnerin Adéla Háková, die bereits an internationalen Kinoproduktionen wie „Last Knights“ und Serien wie „Borgia“ beteiligt war. Bei der Inszenierung gab es dann allerdings einige Nachlässigkeiten. Die Praxis der analogen Fotografie ist den Beteiligten offensichtlich nicht mehr geläufig. Da werden binnen dreißig Minuten zwei Schwarzweiß-Filme entwickelt und auch gleich großformatige Abzüge angefertigt. Das war selbst mit Profiausrüstung nicht möglich, mit dem gezeigten Amateurequipment schon gar nicht. 

Und die an Autofokus-Kameras gewohnten Schauspieler vergessen regelmäßig, dass bei älteren Kameras bei jeder Aufnahme eigens die Schärfe eingestellt werden muss. Da ein Hobbyfotograf den Ermittlern zuarbeitet und später in den Kreis der Verdächtigen rückt, fallen diese Versehen merklich auf. Das gilt ebenso für die Anachronismen in den Dialogen – Beispiele typischen Synchrondeutschs. Anglizismen wie „Fick dich“ („fuck you“) oder „willkommen zurück“ („welcome back“) gingen erst später in die Umgangssprache ein. Statt „Verlierer“ („loser“) hätte man damals „Versager“ gesagt. Als Fernsehkrimi bewegt sich „Walpurgisnacht – Die Mädchen und der Tod“ über dem Durchschnitt. Bei der Einarbeitung des selbstgestellten Themas aber bleibt die Produktion hinter ihren Möglichkeiten zurück. Es hätte des Serienkillermusters und damit so vieler Morde gar nicht bedurft. Auch über eine intensivere Schilderung der sozialen und politischen Verhältnisse hätte sich Spannung erzielen lassen.

„Walpurgisnacht – Die Mädchen und der Tod“, Montag, 18.2., und Mittwoch, 20.2., jeweils

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