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Antikes Vorbild: Kopf des Harmodios

Werte

Mord und Bescheidenheit

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Mit dem Menschen kam der Hang zur (Selbst-)Zerstörung und der Wunsch nach einem tugendhaften Leben. Dabei haben uns Wertekataloge nie weit gebracht. 

Ein Frühmensch wirft einen Knochen, mit dem er gerade Artgenossen erschlagen hat, in die Luft. Im nächsten Augenblick wird daraus ein Raumschiff, das sich mithilfe des Supercomputers HAL auf dem Wege zum Jupiter befindet. Das ist meine, den Handlungsverlauf noch etwas verkürzende Erinnerung an eine der großartigsten Szenen der Filmgeschichte, an Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“. Das Projektil: ein Bild der Menschheitsentwicklung.

Am Anfang wirft der Mensch einen Knochen in die Luft. Ein paar Jahrtausende später war aus dem Knochen ein Raumschiff geworden, sein Lebensraum. Die Welt, die wir erschaffen, erschafft uns. Der Mensch ist ein Entwurf. Nicht der eines Gottes, sondern sein eigener. Also ist er nicht einer, sondern zig, Hunderte, Tausende, Millionen.

Diese Entwürfe tun sich zusammen, liegen im Streit. Expandieren die westlichen Werte, werden ihnen die asiatischen entgegengehalten. Kurz darauf brechen die westlichen Werte auseinander. Nicht durch den äußeren Druck, sondern von innen. Der Ruf nach Autorität, nach Identität mitten im Chaos der zersplitternden Demokratie, der Migrationen wird lauter. Schriller. Jedermann weiß, dass der Weg zurück in die Autokratie nicht ohne Mord und Totschlag auskommen und ganz sicher zu Massakern führen wird, im Vergleich zu denen unsere derzeitigen staatlich organisierten Verbrechen fast ein Nichts sein werden.

Mitten im Chaos des Untergangs wird nach Werten und Tugenden gerufen. Hielte man sich nur an sie, der große Frieden wäre da. Dabei weiß jeder: mit einem Wertekatalog ist nichts erreicht als der Streit um ihn. Ganz abgesehen davon, dass keiner auch bei drakonischsten Strafmaßnahmen durchzusetzen ist. Darum wird mit dem Ruf nach Werten der nach strengeren Strafen immer lauter.

Also alles lassen wie es ist? Das geht nicht. Damit es bleibt wie es ist, muss alles geändert werden.

Kubricks Film ist von 1968. Damals wurde alles in Frage gestellt. Vom Intimleben bis zum Gewaltmonopol des Staates. Die Welt wurde auf den Kopf gestellt, das Bewusstsein wurde erweitert, der Weltraum erobert. Neben den Menschen war der Computer getreten. Die Helden der Odyssee 2001 waren keine Krieger und Ehemänner mehr wie der Hektor Homers oder Betrüger wie Odysseus. Der Held ist der einzige Überlebende der Besatzung, David Bowman, dem es gelingt, Schritt für Schritt den übermächtigen Computer HAL abzuschalten. Der regrediert dabei, wie Menschen es tun. Am Ende ermordet der letzte Mensch den einzigen Gefährten, den er hat: ein Computerwesen.

Heute wird in philosophischen Seminaren diskutiert, wie weit Ethik sich noch darauf beschränken kann, nur eine für Menschen zu sein. Man blickt dort zurück auf sehr alte Versuche, Tiere und Pflanzen, ja Erde und Kosmos, mit einzubeziehen in den Wirkraum des Menschen. Man denkt auch an die Bedeutung, die Cyborgs erlangen, Menschen also, deren Körper dauerhaft durch künstliche Bauteile ergänzt werden. Es geht dabei nicht nur um künstliche Gliedmaßen, sondern zum Beispiel auch um Chips, die die Gehirntätigkeit beeinflussen.

Wir stehen, sagen manche Wissenschaftler, kurz vor der Möglichkeit, durch gezielte Eingriffe in den menschlichen Körper, Menschen nach unseren Wünschen zu schaffen. Gleichzeitig sind wir dabei, zum Beispiel die Atmosphäre, die uns das Leben ermöglicht, zu zerstören. Es könnte sein, dass wir, bevor uns das gelingt, große Teile Afrikas in Wüsten verwandelt haben. Wir zerstören mit einer nie da gewesenen Rasanz uns, unsere Lebensgrundlagen und Zehntausende anderer Arten.

Jeder würde angesichts dieser Situation sich gerne in einen Schutzraum verkriechen, Mauern errichten, den Kopf in den Sand stecken und hoffen, dass die Reiter der Apokalypse an ihm vorbeiziehen. Der einzige Vorteil wird sein: Man erkennt die Lage nicht mehr, in der man sich befindet. Das ist der sicherste Weg in die Katastrophe. Viele scheinen fest entschlossen, ihn zu gehen. Ich verstehe das. Ich gehe mit Post vom Finanzamt nicht anders um. Obwohl ich weiß, es ist selbstmörderische Dummheit.

Darum ist es gut, dass der Mensch nicht alleine ist. Die Ich-AG ist unser sicherer Untergang. Wir brauchen Millionen unterschiedlicher Augen, um unsere Lage zu erkennen.

Und noch etwas brauchen wir: Mut und Kraft. Die Lage zu erkennen ist eines, ihr entgegenzutreten etwas ganz anderes. Je drastischer wir die Situation darstellen, desto plastischer wir sie zu sehen glauben, desto unüberwindlicher scheint sie zu werden. Desto größer wird der Reflex, vor ihr davon zu laufen.

Diesem Reflex tritt die Menschheit, seit es sie gibt, mit einem einzigen Mittel entgegen: der Erzählung. Geschichten von Helden und Heldinnen. Drachen werden getötet, Tyrannen erschlagen, Brüder beerdigt. Ställe werden gereinigt, und das weiche Wasser in Bewegung besiegt den mächtigen Stein. Diese Erzählungen werden derzeit überall auf der Welt geschrieben. In ihnen wird das „Wir“, von dem ich hier unentwegt rede, immer wieder anders definiert.

Es geht, das wird immer deutlicher, um nichts anderes. Es wird kein „Wir“ geben, das alle einschließt. „Etablierte und Außenseiter“ wird es immer geben. Es wird aber alles davon abhängen, dass das Verhältnis beider immer im Fluss bleibt. Das ist beunruhigend, keine Trostbotschaft. Der ewige Frieden ist keine Option, sondern der Ruf nach dem Friedhof.

1968 gab es in Wien einen Philosophenkongress. Karl R. Popper und Ernst Bloch waren dort. Als bei einer Fernsehdiskussion am Rande der Tagung Popper gebeten wurde, doch bitte in einem Satz zu sagen, was seiner Meinung nach am meisten Not tue, antwortete er: „Etwas mehr intellektuelle Bescheidenheit“. Popper plädierte dafür, sich immer bewusst zu sein, dass man sich irren könne, niemals aufzuhören weiter zu fragen. Er hatte ganz sicher Recht. Und ganz sicher im Jahr 1968, im Jahr der großen Antworten.

In der Bundesrepublik gab es nach dem Zweiten Weltkrieg eine Strömung, deren Vertreter meinten, man habe zu lange mit zu großen Worten die Menschheit in die Irre geführt. Die einzige Tugend, die einem vernünftigen Menschen bleibe, sei die der intellektuellen Redlichkeit. Der Versuch also, sich an das zu halten, was man wisse, und nicht müde zu werden, auf die Grenzen dieses Wissens aufmerksam zu machen.

Als Schüler nahmen wir das begierig auf, aber zugleich waren wir begeistert von den Attentätern des 20. Juli, die dem Tyrannenmord wenige Jahre zuvor eine erschütternde und mobilisierende Aktualität gegeben hatten. Er war wieder in den Tugendkatalog gerutscht. Jedenfalls bei uns Nachgeborenen. Er war ganz und gar unverträglich mit dem ach so vernünftigen Vorbehalt, dass jede unserer Einsichten prinzipiell revidierbar sein müsste. Der Tyrannenmord war es definitiv nicht. Es war unsere erste Erfahrung, dass Tugenden im Konflikt liegen können miteinander.

In der Bundesrepublik war weit und breit kein Tyrann zu sehen. Inzwischen sieht die Welt anders aus. Nach einer kurzen Periode demokratischer Hochkonjunktur, breiten sich die Versuche tyrannischer Herrschaft epidemisch aus. Die 477/76 v. u. Z. auf der athenischen Agora aufgestellte Bronzegruppe der Tyrannenmörder Harmodios und Aristogeiton ist ein Denkmal der Demokratie. Eines der wenigen. Die beiden sollen, das gibt ihnen eine erschreckende Aktualität, ein schwules Paar gewesen sein.

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