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Moralisch erhebend

Zitty, Tip, Pflasterstrand, Szene Hamburg: Die goldene Ära der Stadtmagazine ist vorbei. In den alten Bundesländern fristen die meisten ehemaligen

Von CHRISTOPH TWICKEL

Zitty, Tip, Pflasterstrand, Szene Hamburg: Die goldene Ära der Stadtmagazine ist vorbei. In den alten Bundesländern fristen die meisten ehemaligen Szeneblätter ein trauriges Billigheimerdasein als Promo- und Party-Gazetten. Kulturjournalismus überlässt man in den westdeutschen Großstädten weitgehend den Feuilletons der Tageszeitungen. Wie also kommt es, dass mit "Kunststoff" ausgerechnet in der mitteldeutschen Diaspora ein regionales Kulturmagazin blüht, und das seit zweieinhalb Jahren?

Reich werden sie davon nicht, gesteht der Chefredakteur gleich im Editorial. Nein, in Sachsen, Anhalt und Thüringen ist Kultur offensichtlich soziales Surrogat. Den Politikern suggeriert sie Fortschritt auch ohne Wachstum: Den Kurator von "Theater der Welt" in Halle zitiert das Magazin mit den Worten, das Festival werde "die Menschen und die Region weiter aufbauen". Und den Arbeitssuchenden verschafft es kostengünstige, moralisch erhebende Beschäftigung.

Die Kunststoff-Redaktion freut sich schon, dass zusammen mit dem neuen Schauspiel-Intendanten Sebastian Hartmann auch Guillaume Paoli, Gründer der Bewegung "Glückliche Arbeitslose", nach Leipzig kommt: Mit Blick auf 13,6 Prozent Arbeitslosigkeit habe Paoli "sicherlich genug zu tun".

Und wer sollte sonst über das Kunstmuseum im ehemaligen Dieselkraftwerk in Cottbus oder das Künstlerhaus im thüringischen Renaissance-Schloss Kannawurf berichten? Über den Versuch, im Erzgebirge eine Buchhandelskette aufzubauen, in der man auch Bahnfahrkarten kaufen kann? Über "Deutschlands erstes Buchdorf" in Mühlbeck-Friedersdorf, der rührende Versuch, ein Nest inmitten der Chemieregion Bitterfeld zum Freiluft-Antiquariat zu machen? Oder darüber, dass die Leipziger Konzertreihe FreiZeitArbeit am 1. Juli in der Agentur für Arbeit einen "Projektchor aus Mitarbeitern und Erwerbslosen" Hanns Eisler intoniert? Reiht euch ein in die Kulturvermittler-Arbeitlosen-Einheitsfront!

"Kunststoff. Das Kulturmagazin für

Mitteldeutschland", 4 Euro,

erscheint alle zwei Monate:

www.kunststoff-kulturmagazin.de

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