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3. Februar 1988, nach der Ausbürgerung: Nadjas Mutter Freya Klier und ihr Mann Stephan Krawczyk werden in Bielefeld empfangen.

Fotografin Nadja Klier

„Es gab Momente, da habe ich mir damals eine andere Familie gewünscht“

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Die Fotografin Nadja Klier über das Leben in der DDR, über die Ausbürgerung als 15-Jährige zusammen mit ihrer Mutter Freya und über das Buch, das sie erst Jahrzehnte später schreiben konnte.

Frau Klier, Sie wuchsen bei Ihrer Mutter, der Filmemacherin und Bürgerrechtlerin Freya Klier bis 1988 in der Oderberger Straße in Prenzlauer Berg auf, bis zur zwangsweisen Ausbürgerung 1988 nach West-Berlin. Wussten Sie, als Sie 15 waren, wie gefährlich die oppositionelle Arbeit ist, die Ihre Mutter macht?

Ich wusste nicht viel über konkrete Inhalte. Ich bin zu den Treffen nicht mitgegangen, und wenn ihre Mitstreiter zu uns nach Hause kamen, saß ich auch nicht unbedingt dabei. Als Teenager hat man schon seine eigenen Interessen. Ich wusste aber, dass sie nach dem Engagement am Theater in Schwedt Berufsverbot bekommen hat, das hat sie mir erzählt. Ich hab sie aber nicht gefragt: Wie verdienst du denn jetzt dein Geld? Sie und ihr Freund, der Liedermacher Stephan Krawczyk, sind trotzdem aufgetreten, illegal. Wie tief die Stasi in unser Leben eingedrungen war, das hab ich erst später erfahren. Ihren Brief an Kurt Hager, der im SED-Politbüro der oberste Kulturverantwortliche war, den hab ich genommen und im Herbst 1987 in der Schule verteilt.

Was war das für ein Brief?

Meine Mutter und Stephan haben einen Brief an Hager geschrieben, in dem sie darum gebeten haben, das Berufsverbot aufzuheben, weil sie es als ungerecht empfunden haben. Sie machten Vorschläge, wie man die Kulturpolitik verbessern kann. Man sollte keine Angst vor der Kunst haben, das war der Tenor. Darüber stand „Offener Brief“ und ich hab den vom Tisch genommen und in meiner Schule, der 12. POS „Kurt Fischer“ in der Schönhauser Allee, verteilt. Ich hab gar nicht über die Konsequenzen nachgedacht. Das gab Riesenstress in der Schule, meine Mutter wurde vorgeladen.

Erstaunlich, dass Sie nicht von der Schule geflogen sind.

Fand ich auch. Die Lehrer gingen vergleichsweise moderat damit um. Ich habe Glück gehabt.

Ihre Mutter war alleinerziehend. Sie hatten für ein junges Mädchen ein sehr freies Leben in Ost-Berlin, davon liest man in dem Buch, es geht viel um Jungs, Freundinnen, Discos. Mit 14 haben Sie sogar einen Ausweis gefälscht, um in eine Disco zu kommen.

Ja, ich war sehr impulsiv und habe oft nicht nachgedacht. Das war eine gefährliche Situation, wenn die Behörden den Ausweis gefunden hätten, hätte meine Mutter dafür in den Knast kommen können. Als sie ihn gefunden hat, wurde er sofort verbrannt. Aber sie war nicht sauer. Sie wusste ja, dass ich mir keinen Kopf gemacht hatte. Ich war schon auch ein bisschen verloren. Es gab Momente, da habe ich mir damals manchmal eine andere Familie gewünscht, wie ich das bei Freundinnen gesehen haben: Mutter, Vater, Kind, feste Strukturen.

Ihre Freundinnen haben Sie aber umgekehrt wahrscheinlich beneidet?

Genau. Ich fand das auch toll, als ich groß geworden bin. Es ist aber manchmal zu viel gewesen, ohne dass ich das mit vierzehn sagen konnte. Jugendliche sind oft überfordert, ohne das so ausdrücken zu können. Das erkennt man erst später. Ich war ein sehr unruhiges, aktives Kind, mehr Strukturen hätten mir vielleicht gut getan. Ich hätte mir zum Beispiel manchmal gewünscht, dass meine Mutter sich mit mir hingesetzt hätte und die Hausaufgaben durchgegangen wäre. Aber keine Ahnung, ob das andere Eltern gemacht haben. In der DDR war ja der Alltag stark durchgetaktet.

Welche Zukunft hatten Sie sich in der DDR ausgerechnet, wenn Sie geblieben wären?

Ich wollte Schauspielerin werden. Ich hätte eine Woche nach der Ausbürgerung, im Februar 1988, die Aufnahmeprüfung an der Ernst-Busch-Schule gehabt. Mit fünfzehn. Ein Jahr früher als erlaubt. Das ging, weil ich schon ein bisschen Erfahrung hatte, ich hatte als Kind in einem Film mitgespielt, „Gritta von Rattenzuhausbeiuns“. Aus der Schauspielkarriere wurde nichts.

Fielen Sie im Freundeskreis auf, weil Ihre Mutter in der Bürgerbewegung aktiv war?

Bei meinen Freunden nicht. Meine Lehrer waren permanent genervt, dass ich die Thesen meiner Mutter in die Schule getragen habe. Hab viel über Freiheit und Menschenrechte diskutiert. Irgendwann haben sie ihr auch gesagt, dass sie das mir bitte nicht so vermitteln soll.

War das Über-Nacht-fliehen-Müssen ein Szenario, das Sie zu Hause durchgespielt haben?

Nein, das kam überraschend. Meine Mutter hat höchstens geahnt, dass sie irgendwann vermutlich verhaftet wird. Auf der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration im Januar 1988 hatten die Behörden ja schon Stephan Krawczyk abgefangen und er war nicht zurückgekommen. Als sie dann nach Hohenschönhausen gebracht wurde, hat man sie sofort mit landesverräterischer Agententätigkeit konfrontiert, weil sie im Westen Texte veröffentlicht hat, und ihr zehn Jahre Knast angedroht. Ich klammerte mich an meine beste Freundin Anna und an die Betreuungsvollmacht, die meine Mutter ihrer Freundin Ulrike Poppe sicherheitshalber ausgestellt hatte, damit ich nicht ins Heim muss. Das waren bange Tage, mit schlaflosen Nächten und Solidaritätsgottesdiensten in vielen Kirchen.

Wann haben Sie erfahren, dass Sie das Land verlassen müssen?

Um acht Uhr abends habe ich es erfahren, und um sechs Uhr morgens musste ich gehen. Ich hatte zehn Stunden zum Kofferpacken. Freunde durfte ich nicht informieren. Ich bin zu Anna gegangen, um mich persönlich zu verabschieden. Sie hat bei uns übernachtet und hat mich zum Bus gebracht, mit dem wir dann erst einmal zur deutsch-deutschen Grenze gefahren wurden. Ich hab die ganze Zeit nur geheult, vier Stunden am Stück. Für mich war das ein Schock. Ich wusste ja nicht, ob ich jemals zurückkomme und meine Freunde wiedersehe. Ich wusste auch nicht, wohin wir kommen.

Ihr Buch beginnt 1986 und endet mit dem Mauerfall. Sie schreiben schonungslos und offen über die Entwurzelung, die die Ausbürgerung für Sie bedeutete. Man ist nah an der jungen Nadja dran. Wie haben Sie für das Buch recherchiert?

Das war eine Mischung aus Aktenstudium, Interviews und eigener Erinnerung.

In Berlin haben Sie dann ausgerechnet in der Oranienstraße 103 gewohnt, nur wenige Hundert Meter von der Mauer entfernt.

Verrückt, oder? Das war ganz wichtig für mich. Ich habe diese Nähe gebraucht. In Britz oder Lankwitz wäre ich durchgedreht. Ich war es im Prenzlauer Berg gewohnt, an der Mauer entlangzugehen. Manchmal hab ich auch Freunden drüben zugewinkt. Wenn sie nicht beobachtet wurden, gingen sie auf der anderen Seite die Treppen der Hochhäuser hoch und winkten mir zu. Und ich stand auf der anderen Seite und die Tränen flossen.

Zur Person

Nadja Klierwird 1973 in Dresden geboren. Ihr Vater ist Musiker, ihre Mutter Regisseurin und Autorin. Sie wächst in Ost-Berlin auf. Im Alter von elf Jahren spielt sie die Hauptrolle im Defa-Film „Gritta von Rattenzuhausbeiuns“.

Ausbürgerung:1988, zwei Tage nach ihrem 15. Geburtstag, musste Nadja mit ihrer Mutter, Freya Klier, die DDR verlassen. 1993 macht sie Abitur.

Fotografin:2001 macht sie einen Abschluss zur staatlich geprüften Fotodesignerin und arbeitet seitdem als Fotografin.

Schreiben:2012 schreibt sie einen Essay über ihre Erfahrungen als Tochter einer Bürgerrechtlerin in dem Band „Ein Spaziergang war es nicht“ von Anna und Susanne Schädlich. Sie entdeckt das Schreiben für sich, produziert aber auch Filme mit ihrer Mutter. Nadja Kliers erstes Buch ist im vergangenen Herbst erschienen: „1988 – Wilde Jugend“, Okapi-Verlag, Berlin 2019, 320 Seiten, 19,90 Euro. Foto: Imago

Welche Vorstellungen hatten Sie von West-Berlin?

Mein Vater hat dort gelebt. Er war schon 1978 ausgereist. Ich hatte nur das Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gelesen. Das hatte mich abgeschreckt. Aber eigentlich war West-Berlin eine Mischung aus Ost-Berliner Architektur und goldenem Westen. Und ich bin sehr dankbar, dass ich West-Berlin kennenlernen konnte, wie es damals war, wild und bunt. Man hatte so viele Klubs und Konzerthäuser, man konnte jeden Abend auf drei tolle Konzerte gehen. Es gab über ein Dutzend Kinos, man konnte Filme aus Südafrika sehen, aus Südfrankreich. Ich hab „Clockwork Orange“ angeguckt, Monty Python, das gab es im Osten alles nicht. Und dann die Lebensmittelabteilungen in den Kaufhäusern! Das war überwältigend, was es alles gab.

Da haben Sie auch gleich zugeschlagen. In Ihrem Buch beschreiben Sie regelrechte Fress-Attacken.

Ich habe mir eine Schutzschicht angefressen in sehr kurzer Zeit. Das war auch eine Reaktion auf den Verlust meines Alltags, meines Lebens, meiner Freunde. Man kann wirklich sagen: Ich habe die Leere zugeschüttet mit Essen. Ich musste auch eine Zeitlang warten, bis ich wieder in die Schule gehen konnte. Ich hatte keine Aufgabe und war diesen Müßiggang gar nicht gewohnt. Meine Mutter war damals mit sich selbst beschäftigt, sie ging ganz in ihrer Arbeit auf.

Wie sind Sie im Gymnasium in Steglitz aufgenommen worden?

Es gab nur zwei Schulen mit Russischunterricht, die infrage kamen, weil ich ja kein Französisch oder Latein konnte. Also musste ich in eine dieser beiden Schulen. Es gab in der Schule drei achte Klassen und in jeder Klasse waren zehn bis fünfzehn Ossis oder Russlanddeutsche. 1989 kamen so viele Kinder dazu, die mit ihren Eltern ausgereist waren, dass sie noch eine vierte Klasse aufmachten. Und dann sind alle Ossis zusammen in die Klasse und noch drei Wessis, die sich getraut haben. Wir waren eine Punker-Klasse, und ich war da auch eine derjenigen, die oft den Unterricht gestört hat. Wir haben viel über Neonazis diskutiert, das war schon ein großes Thema, über Nazis in beiden deutschen Staaten. Ich bin im Rückblick sehr froh, die Tochter meiner Mutter zu sein, dass ich nicht in einer Familie aufgewachsen bin, wo einem gesagt wurde, was man sagen darf und was nicht.

Wie war der Mauerfall für Sie? Haben Sie sich betrogen gefühlt?

Nein, ich hab mich nicht betrogen gefühlt – im Gegenteil, ich war froh, dass die anderen aus der DDR endlich reisen durften, dass der Druck aufgehoben war, diese vielen gesellschaftspolitischen Zwänge weg waren – natürlich kamen später andere Sorgen dazu wie das Überrannt-Werden von den kapitalistischen, marktwirtschaftlich orientierten Strukturen, das Sich-zurecht-Finden in einer neuen Lebenswelt, die auch selbstständiges Denken und Handeln erforderte – etwas, was in der DDR nicht erwünscht war.

In einem Interview haben Sie kürzlich gesagt, dass es erst vor zehn Jahren hochkam, wie traumatisch die Ausbürgerung war.

Ich habe mich viele Jahre nicht wohlgefühlt, es war immer, als sei etwas falsch mit mir. Als sei ich nicht vollständig. Daher auch die Fress-Attacken. Ich habe meine Ausbürgerung und alles Dazugehörige über Jahrzehnte verdrängt, tief nach unten in mein Inneres geschoben. Als ich einen Essay schreiben sollte, kam alles wieder hoch. Eine Trauma-Therapie und eine Yogalehrerausbildung haben mir geholfen, die verschütteten Gefühle wieder hochzuholen und zu verarbeiten. Ich bin bis heute so ein Worst-Case-Scenario-Typ: Ich stelle mir immer das Schlimmste vor, was passieren kann, weil ich mich nie wieder so ohnmächtig fühlen will.

Waren Sie auf Ihre Mutter Freya wütend, die Sie aus Ihrer Welt herausgerissen hat?

Nicht damals. Es gab einen Knall, als ich dann den erwähnten Essay vor zehn Jahren veröffentlicht hab. Für meine Mutter war es auch nicht so einfach zu akzeptieren, dass ich eine andere Sicht auf viele Dinge habe als sie. Ich war nicht wütend über die Ausbürgerung, sondern darüber, dass ich diese Verlusterfahrung machen musste, dass ich meine Freundin verloren hatte. Vielleicht war ich auch wütend drauf, dass meine Mutter meine Gefühle nicht stehen lassen konnte. Aber das hat sie nicht bewusst gemacht. Sie war damals in einem Sog, die politische Arbeit ging vor.

Die Freundschaft zu Anna zieht sich wie ein roter Faden durchs Buch. Ich habe mich beim Lesen gefragt, ob sie auf Sie angesetzt war als IM?

Meine Mutter und ihr Freund, Stephan Krawczyk, wurden jahrelang von der Stasi bespitzelt. Das wussten nicht nur sie, das bekam natürlich auch ich mit. Egal wie gut auch Freya versuchte, mich davor zu schützen, mich das nicht mitbekommen zu lassen. Ich dachte darüber jetzt nicht ständig nach, auch weil ich nicht ahnte, dass die auch mich, ein kleines Mädchen mit Flausen im Kopf, im Visier haben könnten. Natürlich schien mir das nicht völlig abwegig. Damals kam ich nicht auf die Idee, dass Kinder andere Kinder bespitzeln könnten. Als ich dann mit meiner Mutter in den Westen gehen musste, war für mich das Thema eigentlich erledigt. Selbst als ich einmal meine Omi im Osten besuchen durfte, dachte ich nicht daran, dass mir die Stasi auf den Fersen sein würde, also dass da irgendwelche Freundinnen auf mich angesetzt sein könnten. Als dann meine Mutter ihre Stasi-Akten 1992 zu lesen bekam, war sie schon überrascht, wie intensiv sie überwacht worden ist. Bei ihr war das ja auch kein Wunder! Sie war fast zeitlebens Staatsfeindin, saß sogar im Knast. Mich interessierten die Unterlagen später auch mal und nun wunderte mich, dass ich doch mehr vorkam, als ich gedacht hatte. Und als ich dieses Buch zu schreiben begann, recherchierte ich etwas intensiver und bekam heraus, dass die Stasi damals versuchte, meine allerbeste Freundin Anna an die Angel zu bekommen. Sie sollte mich, als ich schon im Westen war, ausspionieren. Nun lernte ich, dass das eine übliche Taktik der Stasi war, über die Kinder von Dissidenten an diese heranzukommen. Die Mutter von Anna war sehr einverstanden, dass ihre Tochter mit der Stasi zusammenarbeitet, sogar eine Verpflichtungserklärung unterschrieb. Anna jedoch wollte nur eines: Kontakt zu mir, ja zu mir in den Westen kommen. Ihre Informationen an die Stasi waren unerheblich, ihre Post wurde genauso kontrolliert wie meine. Gemeinsam mit einem befreundeten Historiker lasen wir die Akten, sodass wir auch verstanden haben, was man sonst so offenkundig nicht versteht. Ein Satz von ihm ist mir besonders haften geblieben: Ein System, das Kinder zu IM erpresst wie im Falle von Anna, ist ein verbrecherisches System. Anna ist nicht nur meine Freundin, sie ist auch ein Opfer dieses Systems, so wie ich selbst, als ich rausflog – wir beide hatten Glück, dass bald die Mauer fiel.

Braucht man manchmal Abstand, um bestimmte Dinge auszusprechen?

Ich hätte mein Buch niemals früher schreiben können. Aber jetzt musste es heraus, es ist fast aus mir herausgeflossen. Und ja, ich schreibe persönlich, aber ich finde, das funktioniert auch nicht anders. Ich sehe mich auch nicht als schwach. Es ist eine große Stärke, offen über Gefühle zu reden. Und ich finde, das alles muss raus.

Hat Ihre Mutter, Freya Klier, Ihr Buch gelesen?

Ja. Sie hat an einigen Stellen sehr schlucken müssen und wollte noch einige Verbesserungen durchsetzen. Aber das musste sie aushalten. Es ist ja mein Buch. Jetzt ist sie aber sehr stolz.

Sie haben einen zehn Jahre alten Sohn. Möchten Sie, dass er auch einmal Ihr Buch liest?

Er weiß schon jetzt einiges, er weiß, was die DDR war. Vielleicht wird er sich in zwei, drei Jahren mal mein Buch schnappen. Ich sage ihm, dass ich auch mal jung war und dass ich immer das gemacht habe, was mir in den Sinn kam.

Interview: Sabine Rennefanz

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