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Eines der unbekannteren bekannten Angebote im Netz: Goodreads.
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Eines der unbekannteren bekannten Angebote im Netz: Goodreads.

Update

Mittelgutschlecht

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Rund 90 Millionen Menschen teilen dort ihren aktuellen Lesestoff: Goodreads ist eins der unbekannteren bekannten Angebote im Netz.

Goodreads ist eins der unbekannteren bekannten Angebote im Netz. Um die 90 Millionen Menschen teilen dort mit, welche Bücher sie gerade lesen oder gelesen haben und wie sie diese fanden. Eventuell sind drei Viertel davon Frauen, das geht zumindest aus einem 2017 erschienenen Paper von Mike Thelwall und Kayvan Kousha hervor. Wenn Ihnen der Name trotzdem gar nichts sagt, heißt das nicht, dass Sie auf dem Grund eines Sees leben. Erstens kann man sowieso immer nur ein Prozent der im Netz vorhandenen Dinge kennen und nutzen (großzügig aufgerundet). Zweitens bin ich mit vielen Menschen befreundet, die Bücher lesen, aber nur ganz wenige davon sind bei Goodreads. Daran hat sich in den elf Jahren seit meiner Anmeldung kaum etwas geändert, was ich schade finde. Es wäre so schön, nicht nur dann eine Buchempfehlung zu hören, wenn man sich zufällig trifft, das Gespräch zufällig auf Bücher kommt und die Freundin sich in diesem Moment zufällig erinnert, was sie seit der letzten Begegnung gelesen hat. Stattdessen könnte ich immer sehen, was die anderen gerade lesen und wie sie darüber denken.

Ich möchte die Plattform aber auch nicht dringend weiterempfehlen, denn eigentlich funktioniert fast nichts daran. Man kann Goodreads nur auf dieselbe Art gernhaben wie ein mäusezerfressenes altes Sofa. Die automatisch erzeugten Buchempfehlungen sind schlecht (wenn auch nicht ganz so schlecht wie bei Amazon), die Navigation ist unübersichtlich, man findet nichts, und dieser Zustand ist seit vielen Jahren unverändert. Goodreads wurde 2013 von Amazon aufgekauft und auf irgendeinem Dachboden des Konzerns abgestellt. Seit Jahren hat sich hier kein Renovierungsteam mehr hin verirrt.

Wahrscheinlich ist Vernachlässigung noch das Beste, worauf man hoffen kann, wenn ein Projekt von einem großen Konzern aufgekauft wird, aber diese Hintergründe dienen nur der Einordnung für alle, die noch nie von Goodreads gehört haben. Ich möchte nur einen kleinen Aspekt des Archipels Goodreads beschreiben, nämlich das 5-Sterne-Bewertungssystem für die gelesenen Bücher.

Offiziell bedeuten die Sterne Folgendes: ein Stern - „did not like it“, zwei Sterne - „it was okay“, drei Sterne - „liked it“, vier Sterne - „really liked it“, fünf Sterne - „it was amazing“. Vier der fünf möglichen Wertungen sind also positiv. Bei Amazon kann man Bücher (wie alle anderen Waren) ebenfalls mit einem 5-Sterne-System bewerten. Nur bedeuten die Sterne hier nicht dasselbe. Die Sterne-Erläuterungen bei Amazon lauten „I hate it“ – „I don’t like it“ – „it’s okay“ – „I like it“ – „I love it“. Nur drei der möglichen Bewertungen sind positiv. Obwohl die Skala auf den ersten Blick identisch wirkt, ist sie im Vergleich zu Goodreads um einen Stern verschoben.

Mein eigenes Bewertungssystem funktioniert noch einmal anders: ein Stern – kommt eigentlich nicht vor, denn wenn ich ein Buch so schlecht finde, lese ich es gar nicht zu Ende. Ich käme mir sonst vor wie jemand, der im Restaurant alles aufisst, um sich dann zu beschweren, dass es wie Schlamm geschmeckt hat. Zwei Sterne – rundum schlecht, aber aus irgendeinem Grund habe ich das Buch immerhin ganz gelesen. Drei Sterne – das Buch hatte gute Stellen oder Aspekte, ich werde aber wahrscheinlich schon bald alles wieder vergessen haben. Vier Sterne – vielleicht gibt es kleinere Kritikpunkte, aber insgesamt war ich sehr zufrieden. Fünf Sterne – keine Ahnung, wie die Autorin oder der Autor das gemacht hat, so würde ich auch gern schreiben können. (Dadurch bekommen meine eigenen Bücher von mir nie mehr als vier Sterne.) Das untere Ende meiner Skala ist also das von Amazon, das obere entspricht ungefähr dem von Good-reads. Viele andere Nutzerinnen und Nutzer verwenden und erläutern ebenfalls individuelle Bewertungsskalen, die wenigsten scheinen sich an die Vorgaben zu halten. Die Null-Sterne-Bewertung ist ein Joker, der alles bedeuten kann: von „noch schlechter als ein Stern“ über „ich habe vergessen, eine Sternebewertung abzugeben“ bis hin zu „Superbuch, aber ich schweige, weil ich mit der Autorin befreundet bin und keine Gefälligkeitsrezensionen mag“. Trotz des scheinbar rationalen Systems machen alle, was sie wollen. Womöglich ist das bei Schulnoten nicht anders.

In Diskussionen darüber, was am Bewertungssystem dringend geändert werden müsste, fordern viele statt des Fünf-Sterne-Systems eines, das auch halbe Sterne ermöglicht oder eben zehn ganze Sterne. Nur so ließen sich die subtilen Unterschiede zwischen einem Buch, das ein bisschen besser als durchschnittlich und einem, das ein bisschen schlechter als gut ist, korrekt erfassen! Manche wünschen sich sogar zehn Sterne in halben Schritten, also ein 20-Punkte-System. Der Vorteil so einer Skala wäre jedenfalls, dass es dann keine in Worten ausdrückbare Bedeutung einer bestimmten Sternemenge mehr gibt. Niemand stellt eine Tabelle auf, in der „Vierzehneinhalb Punkte: Ein dreiviertelgutes Buch mit mehr als drei, aber weniger als fünf kleinen Schwächen“ bedeutet.

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