Traumstadt: Wie ein Raumschiff sieht das Modell des Schanghaier Vororts Luchao aus, den der Hamburger Architekt Meinhard von Gerkan (unten) baut. Luchao wird eine Stadt aus einem Guss, gegründet auf Land, das dem Meer abgetrotzt wurde.
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Traumstadt: Wie ein Raumschiff sieht das Modell des Schanghaier Vororts Luchao aus, den der Hamburger Architekt Meinhard von Gerkan (unten) baut. Luchao wird eine Stadt aus einem Guss, gegründet auf Land, das dem Meer abgetrotzt wurde.

Und in der Mitte eine Wolkennadel

Der Hamburger Architekt Meinhard von Gerkan setzt am Rand von Schanghai eine neue Stadt ins Wasser

Von CHRISTIAN SYWOTTEK

Wenn der Hamburger Architekt Meinhard von Gerkan an das Land der unbegrenzten Möglichkeiten denkt, steht er in der Rotunde seines weißen Bürohauses an der Hamburger Elbchaussee, schwarze Hose, weißes Hemd, graue Haare, und er schaut über die Elbe hin zum Containerhafen. Seine Gedanken schweifen weit nach Osten, über Europa hinweg, weiter über den Mittleren Osten bis nach China. Dann ist er schon ganz nah dran. Weiter über Chinas Land träumt er sich, bis nach Schanghai, der Boomtown, dem Wirtschaftswunder, der Expo-Stadt 2010, der Hoffnung des modernen China. Dem Moloch, der vor lauter Menschen schier zu explodieren droht. Schanghai, die alte Hafenstadt. Dort liegt von Gerkans Eldorado.

Von Gerkan, 68, ist ein Macher, ein Architekt mit über 300 Mitarbeitern, verteilt über Büros in Hamburg und Berlin, und auch in Peking. Gerkan, Marg & Partner heißt seine Architektensozietät.

Von Gerkan liebt das Wasser. Die Elbe mit ihrem Strand. Die Fleete. Die Alster, diesen See mitten in seiner Stadt Hamburg. Dieses Gefühl von Weite. Die Kühle auf der Haut beim Schwimmen im 18 Grad kalten Mittelmeer, die Leichtigkeit des eigenen Körpers: "Wasser ist ein Spielzeug", sagt er, "es macht Spaß."

Deshalb holt von Gerkan das Wasser hinein nach "Luchao Harbour City", die neue Küstenstadt 60 Kilometer entfernt von Schanghai, die er entworfen hat für die Schanghaier Stadtregierung, die derzeit gebaut wird auf einer riesigen Baustelle von chinesischen Wanderarbeitern, die sogar noch in den Baugruben übernachten. In Luchao sollen im Jahr 2005 bereits 80 000 Menschen leben. Denn Schanghai quillt über. 13 Millionen Menschen leben dort. Im Jahr 2020 sollen es 16 Millionen sein. In von Gerkans Luchao Harbour City sollen dann 300 000 Menschen wohnen.

Utopia an der Küste

Der Architekt Meinhard von Gerkan baut eine Stadt. Komplett am Reißbrett entworfen. Es gab noch vergleichbare Vorhaben, das indische Chandighar oder die Hauptstädte Brasilia (Brasilien) und Canberra (Australien), ähnlich dimensionierte, spektakuläre Neugründungen der letzten hundert Jahre. Mehr nicht. Jetzt gibt es Luchao. In China, dem derzeit einzigen Land der Welt, in dem derartige Großprojekte eine Chance haben, in dem in einem Jahr geschieht, was in Deutschland 25 Jahre dauern würde. "China ist ein bisschen wie Utopia", sagt Meinhard von Gerkan, "was Neuland ist, wird dort betreten." Ohne Rücksicht auf Verluste.

Von Gerkan rückt das hölzerne Modell von Luchao Harbour City in die Mitte des Tisches. "Hier", sagt er, und seine kräftige rechte Hand streicht durch die Mitte der Stadt, "hier lief die Küste entlang." In nur zwei Jahren haben die Chinesen das bis zu drei Meter tiefe Meer zugeschüttet mit Erde und Sand und haben an der dem Meer zugewandten Seite einen acht Meter hohen Deich gebaut zum Schutz vor den Wellen der Taifune.

Später werden Häuser auf dem abgetrotzten Land stehen. Luchaos künftige Bewohner können das Meer nicht sehen. Doch dafür leben sie mitten im Meer, genauer gesagt sogar auf dem Meeresgrund.

Von Gerkan deutet auf das Zentrum der neuen Stadt. Ein kreisrundes Loch. In der Realität wird es einen Durchmesser von 2,5 Kilometern haben. "Das ist der Meeresboden", erklärt er, "den haben wir nicht zugeschüttet." Es ist der künftige "See Luchao".

Luchao Harbour City wird also keines der üblichen, eng bebauten Stadtzentren haben. Ein Meer ist sein Zentrum, ein riesiger Freiraum, schäumend, rauschend, voller Bewegung, mit einem breiten Sandband ringsum. "Wie an der Copacabana", freut sich von Gerkan, "da kann man mitten in der Stadt am Strand sitzen, baden und Cocktails schlürfen." Oder mit dem Segelboot drüberfahren. Oder das Theater auf der städtischen Insel besuchen.

"Wir bauen Hamburg am chinesischen Meer", schmunzelt Meinhard von Gerkan. Er liebt seine Stadt, in der er seit 1945 lebt. Als die chinesischen Auftraggeber an die Elbe kamen, ist er mit ihnen an die Alster gegangen. Sie haben den Joggern zugesehen und den alten Damen beim Möwenfüttern. Den Seglern und den knutschenden Liebespaaren. Den Dampfschiffen und Ruderbooten. "Wir wollen das alles noch größer", so sprachen die Chinesen.

Meinhard von Gerkan gab ihnen das Größte, was er jemals entworfen hat. Er hatte zuvor die Leipziger Messe geplant, den Stuttgarter Flughafen, zurzeit entsteht in Hanoi das neue vietnamesische Parlamentsgebäude nach seinen Entwürfen. Es ist von Wasser umgeben. Und wer in wenigen Jahren am Berliner Lehrter Bahnhof aus dem Zug steigt, steht in von Gerkans Bau. Von Gerkan liebt Stahl und Glas, lichte Räume. Das alles ist groß, sehr groß, riesig vielleicht. Aber nicht so groß wie Luchao Harbour City.

Der Tegel-Coup

Größe macht von Gerkan keine Angst. Er hat schon zu Anfang seiner Karriere bewiesen, dass er nicht nur Gartenhäuschen planen kann. Seine Studium liegt gerade erst ein paar Monate zurück, als er 1965 zusammen mit seinem Partner Volkwin Marg den europaweiten Wettbewerb um den Flughafen Berlin-Tegel gewinnt. Es geht um eine Bausumme von 500 Millionen Mark, nur gebaut haben die Jungarchitekten bis dahin noch nicht einmal eine Garage. Als die Bauherren anrücken, inszenieren sie sich und ihre Gäste in einer prächtigen Villa mit teurem Tee, dicken Zigarren und gutem Whiskey, während von Gerkans Ehefrau im Nebenzimmer geschäftig auf einer Schreibmaschine herumhämmert. Man mag das kaum glauben. Fakt ist jedoch: Von Gerkan und Marg bekamen den Zuschlag und damit auf Anhieb Eintritt in die erste architektonische Liga. Über 170 Projekte haben sie seitdem geplant und gebaut.

Groß ist natürlich nicht gleich gut. "Ein Maler kann malen, was er will", so urteilt von Gerkan, "ein Architekt kann das nicht." Architektur sei eben nicht nur "gezeichnetes Papier", sondern die Kunst nach Auftrag. Menschen müssten schließlich darin leben: "Ich will, dass sich die Leute wohl fühlen." Es darf nur nicht piefig sein, darf sich nicht anpassen und etwa alte Stile nur kopieren. Auch utopische Entwürfe von Unterwasser- oder gar Weltraumstädten waren nie seine Sache. Von Gerkan guckt skeptisch, wenn die Sprache darauf kommt: "Das ist ja alles ganz schön, aber was macht denn dann der Mensch dort oben in seiner Plastikbude?"

Die künftigen Bewohner Luchaos will von Gerkan viel U-Bahn fahren oder zu Fuß gehen lassen, durch eine weit gehend verkehrsberuhigte Stadt, die aufgeteilt ist in Quartiere für maximal 13 000 Einwohner, jeweils mit einem kleinen See: "Luchao ist keine Autostadt, sie ist eine Menschenstadt." Er ahnt die Gefahr, dass aus dem Reißbrettideal eine Wüstenei wird, ein Retortenort ohne eigenes Leben. "Ich muss Identität schaffen", sagt von Gerkan, und das erscheint nur im ersten Moment ein wenig übertrieben, angesichts der Tristesse auch in deutschen Vororten, Hochhausagglomerationen, Villenvierteln und kinderfreundlichen Einfamilienhaus-Siedlungen.

Kühlende Kanäle

Das Wasser soll die Einwohner Luchaos miteinander verbinden und auch mit ihrer Stadt. "Wenn ein Tropfen ins Wasser fällt, bilden sich konzentrische Kreise." So beschreibt von Gerkan das Konzept für seine Meeresstadt. In der Mitte des "Lake Luchao" will er eine 300 Meter hohe "Wolkennadel" aus filigranem Stahl bauen, die ganz oben Wasser versprüht und eine Wolke erzeugt. In der Nacht sollen starke Scheinwerfer diese Wolke zum Glitzern bringen. Rund um die chinesische Strandidylle werden sich ringförmig die Büro- und Wohnquartiere legen und auch die Parks. Gewundene Kanäle durchziehen die gesamte Stadt. Ihr Wasser wird die Luft reinigen und kühlen. Sein Gurgeln schluckt dann Geschrei und Krach. "Natürlich könnten auch Kinder in die Kanäle fallen", grübelt von Gerkan, "und die Mücken ? naja."

Das Wasser für Luchao kommt von Land. Wie feine Adern durchziehen derzeit noch Bäche und Flüsse das mückenverseuchte Marschland auf der dem Meer abgewandten Seite. Ihr Wasser wird künftig durch von Gerkans Musterstadt fließen, die Kanäle und auch den Luchao-See füllen, bevor es sich auf der anderen Seite durch ein Sperrwerk ins nun kleiner gewordene Meer wälzt.

So ist der Plan. Größenwahn? "Auf rationalem Wege wäre Luchao nie durchgekommen", sagt Meinhard von Gerkan, "so wie Venedig." Oder der Pariser Eiffelturm, den erst niemand wollte, der nach der Weltausstellung 1889 abgerissen werden sollte und der schließlich zum Symbol für Paris und zu einem gewaltigen Geschäft mit den Touristen mutierte. "Die Chinesen", sagt der Architekt, "die haben es mehr mit dem metaphorischen Denken. Sie denken in Symbolen und auch mal um die Ecke." Sie wüssten, was sie an ihrer Wolkennadel hätten und an dem Gleichnis mit dem fallenden Tropfen.

Doch von Gerkan weiß auch, dass in der Wirtschaftsmetropole Schanghai nur das Geld zählt. An chinesischen Investoren für Luchao herrscht kein Mangel. Doch viel wird davon abhängen, dass die örtlichen Bauherren auch umsetzen, was er vorgegeben hat. "Hoffentlich kommen nun nicht noch irgendwelche modischen Angeber zum Zuge, die nur ordentlich einen raushängen lassen wollen", bangt der Stadt-Bauer aus Hamburg. Schneller, höher, schlechter. Das ist sein Albtraum.

Meinhard von Gerkan schaut wieder über die Elbe hin zum Containerhafen. Es wird schon klappen: "Einen Fußball können sie treten und treten, er bleibt ein Fußball. So robust ist auch Luchao."

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