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Aleida und Jan Assmann haben sich in den 90er Jahren durch Unterschriftenaktionen für das Berliner Holocaust-Mahnmal engagiert. Im Hintergrund der Reichstag.

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Das Miteinander gemeinsam leben

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Welch? weise Wahl: Das Gelehrtenpaar Aleida und Jan Assmann erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Sich der Geschichte zusammen zuwenden. Denn wer sind wir? Sich dem Gedächtnis gemeinsam verschreiben. Denn wo kommen wir her? Fragen, die für Aleida und Jan Assmann seit Jahrzehnten auf der Tagesordnung stehen. Und keine Frage ohne ein Weiterfragen, angefangen mit der Frage nach einem friedlichen Miteinander.

Dafür, für die Vergegenwärtigung von Geschichte sind beide häufig Seite an Seite aufgetreten, als Paar. Und gelegentlich haben dann die beiden Gelehrtenstimmen mit einer Stimme gesprochen, so auch in einem FR-Gespräch im vergangenen Dezember über die Erinnerung und wie sich das Individuum diese zurechtlegt und wie die Gesellschaft sich dazu verhält.

Gestern wurde bekannt, dass Aleida und Jan Assmann mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet werden. Ja, die „Assmanns“, ein in der Tat sagenumwobenes Paar, sobald das Gespräch auf sie kommt. Wer auch immer also beim diesjährigen Friedenspreis an dieses Wissenschaftlerpaar gedacht hat – der Zeitgenosse, die Person, das Jurymitglied im Börsenverein des Deutschen Buchhandels war zweifellos so klug wie weitsichtig. Denn welches Paar sonst hat unseren Horizont dermaßen erweitert, seitdem es 1968, er war 30, sie 21, gemeinsam in Oberägypten ans Ausgraben ging, sieben Jahre lang. Ausgeweitet haben die Assmanns auch später unseren beengten Abendlandhorizont – über die griechisch-römische Antike hinweg, hinaus über ein Alt-Europa, in eine erweitere Dimension. Und zu dieser Ferne, die ja auch eine Fremde ist, gehört ein Vermächtnis, dass die beiden Befragten gemeinsam im FR-Gespräch ausführten: „Die Vergangenheit wurde dort (im Alten Ägypten, d. Red.) niemals als eine Belastung empfunden. Dieses Gefühl findet sich in keinem altägyptischen Text. Die jahrtausendealte Vergangenheit war die Basis der Welt, in der sie lebten.“ 

In „keinem altägyptischen Text“ – wer, wenn nicht die Großmacht der Ägyptologie, Jan Assmann, sollte das beurteilen können. In zahlreichen Büchern hat er das alte Ägypten lebendig gemacht, anstelle einer Sklavenhaltergesellschaft eine von Ordnungs- und Gerechtigkeitsregeln geleitete Zivilisation in den Fokus gerückt. In Erinnerung an Prinzipien der Zivilisierung von Gewalt hat er seine Leser ebenso wie seine Heidelberger Studenten mit „geistigen Nähstoffen versorgt“, wie man mit Aleida Assmann sagen könnte – jedenfalls sagte sie es so, als sie 2009 über die Bedeutung des Friedenspreises nachdachte, zum 60. Jahrestag dieser Institution. Eine vielfache Herausforderung nannte sie die jährliche Feierstunde, ein fünffaches „Wagnis des Zuhörens, Erinnerns, Wahrnehmens, Mitdenkens und Weiterdenkens“. 

Wahrnehmen, weiterdenken, das hat das Gelehrtenpaar vor allem durch seine Theorie des kulturellen Gedächtnisses geleistet. Auch hier, wie schon im Zuge der Beschäftigung mit dem Alten Ägypten, geht es um eine Horizonterweiterung. In Anlehnung an den französischen Gedächtnisforscher Maurice Halbwachs (1877-1945 in Buchenwald) entwickelten die Assmanns, er zunächst als Ägyptologe, sie anfangs als Anglistin, beide als kritische Zeitgenossen, eine Neubegründung der Erinnerungskultur. Warum erinnern, wie erinnern? 

Jan Assmanns „Das kulturelle Gedächtnis“ war 1992 die Diagnose einer Epochenschwelle. Sie stand unter dem Eindruck, dass die neuen elektronischen Medien eine kulturelle Revolution auslösen werden, da sie die Möglichkeiten einer externen Speicherung eröffnen, eines künstlichen Gedächtnisses. Neben einer veränderten Haltung gegenüber der Tradition und dem alten Europa kommt – drittens – „gegenwärtig etwas zu Ende, was uns viel persönlicher und existentieller betrifft. Eine Generation von Zeitzeugen der schwersten Verbrechen und Katastrophen in den Annalen der Menschheitsgeschichte beginnt nun auszusterben.“ 

Den Zusammenhang von Zivilisation und Gewalt, somit erst recht den Zivilisationsbruch schlechthin, den Mord an den europäischen Juden, haben Aleida und Jan Assmann entschlossen in Erinnerung gerufen. Als Intellektuelle haben sie sich für das Berliner Holocaust-Mahnmal eingesetzt, beträchtliches ließe sich über das zivilgesellschaftliche Engagement der Assmanns ausführen – und wohl kaum weniger über deren wissenschaftliche Leidenschaft für das „kulturelle Gedächtnis“ als einer Form des „kollektiven Gedächtnisses“. Doch gerade das kollektive Gedächtnis ist ein sehr unzuverlässiger Vermittler von Erinnerungen, der Pakt der Generationen ist ein prekäres Fundament, das immer wieder wegbröckelt. Es ist ein Gedächtnis, das von den Großeltern über die Eltern im besten Fall die Kinder erreicht. 

Fünf Kinder haben Aleida und Jan Assmann großgezogen. Dass die Familie ein Mikrokosmos der Rechte und Pflichten ist, hat Aleida Assmann zuletzt in ihrem Buch über einen neuen Gesellschaftsvertrag angedeutet, denn bereits unter Geschwistern gelte die „einfache Faustregel nach der gehandelt wird, wenn es etwas zu verteilen gibt. Sie lautet: Der eine teilt, der andere sucht aus.“ 

Die Assmanns haben Regeln des guten Miteinander in den altägyptischen Weisheitstexten ausfindig gemacht. Gemeinsam haben sie deren Spur in den Weisheitstexten der Bibel freigelegt und in den weisen Verfassungstexten moderner Staatlichkeit. Beide, Aleida und Jan Assmann, haben die deutsche Geschichte nicht auf die „kurze Spanne der Zeitgeschichte“ (Aleida Assmann) verkürzt, aber diesen Zeitraum, angefangen mit der historischen Zäsur 1933, hat Aleida Assmann allzeit ins Zentrum ihrer Gedächtnisforschungsarbeit gerückt, vor allem in ihrem Buch von 2006 „Der lange Schatten der Vergangenheit“. 

Ermüdung wird nicht hingenommen, Desinteresse nicht akzeptiert. „Angesichts einer wachsenden politischen Instrumentalisierung der jüngeren deutschen Geschichte“, so der Stiftungsrat des Börsenvereins zur Begründung seiner Entscheidung, ist die Wahl der Assmanns erst recht ein Plädoyer für die „Aufklärung einer Nation“. Gegen eine verstockte Vergangenheitsverdrängung gerade in jüngster Zeit, lautstark, infam, verlogen, lässt sich mit den Forschungen und Schlussfolgerungen der beiden Friedenspreisträger argumentieren. Von Aleida Assmann stammt die an einer Kantate von Bach geschulte Erkenntnis, dass „der normale Betriebsmodus des Menschen das Angezogensein vom Bösen“ ist. Umso bedeutsamer, dass zum Betriebsmodus des kulturellen Gedächtnisses die Naherinnerung ebenso wie die Fernerinnerung gehört, „heiße“ und „kalte“ Erinnerungen gehören, nicht zuletzt die Einsicht, dass man sich die gemachte Geschichte nicht aussuchen kann, weder die Erfolgsgeschichte noch die entsetzliche Geschichte. 

Wissen, woher wir kommen. Im kulturellen Gedächtnis ist nicht die verklärte Erinnerung aufgehoben, sondern auch ein anderer Sinn, neben der Vergegenwärtigung des Vergangenen durchaus auch der Einspruch gegen die Geschichte. Was wäre wenn? Im kulturellen Gedächtnis drückt sich neben dem Bewusstsein für die großen Sinnstiftungen, für Humanismus und Toleranz, für Aufklärung, Pluralismus und Kritikfähigkeit, ein Krisenbewusstsein aus. 
Mit einer der größten Krisenepisoden der Menschheitsgeschichte hat sich Jan Assmann beschäftigt, als er vor drei Jahren seine Analyse des Monotheismus unter dem Titel „Exodus“ fortsetzte. Ein epochales Buch, vielleicht ein Jahrhundertbuch. Aus seiner historischen und nicht religiösen Lesart der Sinai-Offenbarung, so erzählt im 2. Buch Mose, entwickelte Assmann seine Analyse des Bundesschlusses zwischen Gott und Mose. Aus dem Bündnis am Sinai sei eine „Wende menschheitsgeschichtlichen Umfangs“ hervorgegangen, ein ganz neuer Typus von Religion, ein Versprechen auf die Zukunft, ein nicht zuletzt heilsgeschichtliches Versprechen, nämlich die Idee der Erlösung. 

Jan Assmann hat sich seit Jahrzehnten mit dem Monotheismus beschäftigt. Wo ursprünglich eine Konkurrenz existiert habe, ein offenes Miteinander konkurrierender Gottheiten und Stammesreligionen, habe der eifernde Gott der Israeliten den Anspruch auf die einzig wahre Gottheit erhoben. Mit dem Exklusivitätsanspruch auf die einzig wahre Göttlichkeit sei der Zwist in die Welt gekommen. Wahr oder falsch? Der Preis des Monotheismus sei „die mosaische Unterscheidung“ gewesen, mit der die religiöse Rechthaberei in die Welt gekommen sei. Zwangsläufig der Hass auf Andersgläubige, die Verachtung für Andersdenkende. 

Kaum eine geisteswissenschaftliche These, die, als Assmann sie 2003 vorstellte, dermaßen kontrovers diskutiert worden wäre. Eine erbitterte Auseinandersetzung. Wahr oder falsch? Assmann hat sich den Kontroversen gestellt, selbstkritisch gestellt – und so hat Assmann seine These vom „Monotheismus der Wahrheit“ revidiert. Wenn er heute vom „Monotheismus der Treue“ spricht, dann ignoriert er keineswegs, dass dieses Treueverhältnis schreckliche Exzesse ausgelöst hat, Mord und Totschlag. Zugleich aber beharrt er auf dem zivilisierenden Element der Zehn Gebote, denn in dem Pakt sieht er die Urszene zu einem Gesellschaftsvertrag, wie er sich im Laufe der Menschheitsgeschichte in den guten Verfassungen niedergeschlagen habe, woran das kulturelle Gedächtnis seinen Anteil hat, als ein Bewusstseinsspeicher des Humanen. 

Die Exodus-Erzählung als Blaupause neuzeitlicher Gesellschaftsverträge. Der Auszug aus Ägypten als ein Echo, das seine Bedeutung bis heute nicht verloren hat, wenn man daran denkt, dass es sich auch um eine Flüchtlingserzählung hat. Schon deshalb gilt es, sich dem Gedächtnis zuzuwenden, die Geschichte als einen Echoraum zu begreifen, in dem das kulturelle Gedächtnis nachhallt: Aufschlussreich, krass, schmerzhaft, angenehm, trübe, anschaulich, entsetzlich, sinnfällig. Als Archäologen der Erinnerung haben die Assmanns immer wieder die Archive der Aufklärung neu erschlossen. 

Geschichte und Gedächtnis – Gedächtnis und Vermächtnis. Aleida Assmann sprach, als sie vor neun Jahren die Bedeutung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hervorhob, von dem Unabgegoltenen, das seine besten Preisträger in Erinnerung gebracht hätten. Denn Erinnerung bedeutet auch Eingedenken. Dass bei der diesjährigen Feierstunde, im kommenden Oktober, das kulturelle Gedächtnis wachgerufen wird, davon darf man ausgehen. Auf dass, so Aleida Assmann vor neun Jahren, „Dringliches aus der Versenkung“ hervorkomme, „Vergessenes auf die Tagesordnung gesetzt“ werde. 

Die Tagesordnung als Schnittstelle für das Nah- und das Ferngedächtnis. Auch dies zwei Stimmen, die sich synchronisieren lassen zu einer, angefangen mit dem Plädoyer für einen neuen Gesellschaftsvertrag, für den die Menschenrechte maßgeblich sind, also ein Gemeinsames aus Fairness, Respekt und Solidarität. 

Sich dem Miteinander zuwenden. Als eine Hinterlassenschaft der Exodus-Erzählung verstehen die Assmanns eine humanitäre Botschaft, das Miteinander in einer emphatischen Gesellschaft.

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