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"Mit Quote und Gefühl"

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Hans-Jörg Stiehler
Hans-Jörg Stiehler © Uni Leipzig

Hans-Jörg Stiehler, Medienwissenschaftler an der Universität Leipzig, über das Erbe des DDR-Fernsehens und ästhetische Katastrophen im MDR-Programm.

Von Hans-H. Kotte

Hans-Jörg Stiehler, Medienwissenschaftler an der Universität Leipzig, über das Erbe des DDR-Fernsehens und ästhetische Katastrophen im MDR-Programm.

Herr Stiehler, Sie haben eine Erklärung dafür gefunden, dass die Ostdeutschen im Fernsehen erheblich mehr Unterhaltungssendungen schauen als die Zuschauer im Westen – und somit auch mehr Privatsender. Sie verweisen auf das deutlich höhere Unterhaltungsangebot der beiden DDR-Programme im Vergleich zu ARD und ZDF in den achtziger Jahren. Also ein Gewöhnungseffekt, der tradiert wird?

Ich denke schon, dass es bei den Sehgewohnheiten so etwas wie Vererbung im übertragenen Sinn gibt. Das Fernsehen war in der DDR – bis auf die kurze Wendezeit – kein Mittel der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Sondern ein Unterhaltungsapparat, der in den achtziger Jahren gezielt ausgebaut wurde.

Zu Ihrer Studie schrieb der Spiegel „Die SED heizte den Kessel Buntes an“, nur so habe man geglaubt, dem Westen Paroli bieten zu können. War das mit der Unterhaltung wirklich so ausgeprägt? Es hat doch auch Lebenshilfe, Propaganda und Hochkultur im DDR-Fernsehen gegeben.

Ja, schon. Doch Staatspolitisches und Dokumentarisches wurde gern in den späteren Abend geschoben. In den achtziger Jahren sollte immer eines der DDR-Programm in der abendlichen Hauptsendezeit Unterhaltung bieten. Das war ganz wie im Westen: Das Anspruchsvolle machen wir später.

Gibt es weitere Gründe für die Unterschiede im TV-Konsum?

Die Ostdeutschen waren nicht vorbelastet, was die Debatte über Privatsender und öffentlich-rechtliche Sender angeht. Da gab es nicht diese Gegensätzlichkeit. Im Westen war es zeitweilig bei den Leuten ein Distinktionsmerkmal, ein kultureller Gestus, zu sagen: Ich schaue kein Privatfernsehen. Das war eine Westdebatte in den frühen achtziger Jahren.

Hat der MDR, der einerseits von Skandalen geschüttelt wird und andererseits das quotenstärkste dritte Programm produziert, das DDR-Erbe angetreten?

Ja, sowohl von der Programmstruktur her, als auch was den gefühligen Grundton betrifft. Und der MDR hat als erstes der dritten Programme ein Vollprogramm gestartet, ein Programm für alle. Sie haben beim MDR auch gleich auf die Quote geschaut. Und sie sind in die Lücke hineingegangen, die ARD und ZDF in den frühen neunziger Jahren gelassen haben. ARD und ZDF haben, so hat es der Journalist Christoph Dieckmann mal geschrieben, über den Osten berichtet wie das Auslandsjournal. Da hielt der MDR mit einem östlichen Wir-Gefühl dagegen.

Der MDR gilt als Schnulzen- und Schunkelsender. Da schauen die Kritiker in Abgründe zwischen Volksmusik und Fernsehballett?...

Manchmal fragt man sich schon, ob im MDR noch mehr geschnulzt und geschunkelt wird als im DDR-Fernsehen. Doch wer einmal diesen Ruf weg hat, der hat ihn weg – und das MDR-Programm bietet dafür genügend Beispiele. Ich finde das aber teilweise ungerecht, denn es gibt auch einen relativ starken regionalen Informationskern – und auch gute zeitgeschichtliche Dokumentationen. Zuletzt hat die MDR-Dokumentation über die DDR-Hochseeflotte einen Grimme-Preis bekommen, nach meinem Eindruck zu Recht. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Sachen, die schwer erträglich sind, wie etwa die Glückwunschsendung „Alles Gute“ mit der Ex-Fernsehansagerin Petra Kusch-Lück – eine ästhetische Katastrophe.

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