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Fototermin bei trübem Wetter. Sturm gefährdete das Christo-Projekt bis zuletzt.

Lago d’ Iseo

Christo, der Verhüller: Mission und Passion mit Vladimir

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Zwischen Dramatik und Glücksgefühl: Andrey Paounovs Film „Christo – Walking on Water“.

Dauernd beschlägt die Kamera, Regentropfen hängen am Objektiv. Unruhig und bisweilen verschleiert wirken die Filmszenen. Ein Kunst-Drama beginnt, es trägt den Titel „Floating Piers“ und ist ein abermaliges Gigantenprojekt des Reichstagsverhüllers Christo, Berlin anno 1995. Das ist unvergesslich.

Die Natur tobt über dem malerischen Bergpanorama der italienischen Alpen. Sturm, peitschender Regen suchen im Tal den sonst so idyllischen Lago d’ Iseo und das lombardische Städtchen Sulzano, Provinz Brescia heim. Vier Tage und Nächte lang treibt die Wut des Wetters im Juni 2016 vor allem einen Mann, zu dieser Zeit 81 Jahre alt, fast zur Verzweiflung. Und auch die Nerven aller um den Künstler Christo herum liegen blank.

Dabei begann, so zeigt es Andrey Paounovs Film „Christo – Walking on Water“, eine Woche zuvor alles froh und zügig. Christo Javecheff hat sein Atelier in Soho verlassen, ist aus New York eingeflogen. Sein straff organisierter Arbeitsstab ebenso und alle haben ihre Betriebstemperatur erreicht. Das mit viel Logistik zusammengestellte und leidenschaftliche Team will loslegen.

Christo, der aus Bulgarien stammt, als junger Mann nach Paris emigrierte, seit langem in New York lebt und seine spektakulären Projekte aus Prinzip ohne Sponsoring selber finanziert, vielmehr durch Kredite, die er mit Kunstwerken und millionenfach verkauften Repros abzahlt, trägt die gleiche rote Bauarbeiter-Montur mit Helm wie seine Hunderte von Jüngern und packt unablässig mit an. Er ist Kopf des Ganzen und zugleich einer von allen.

600 Mitarbeiter sind für das Kunstereignis engagiert. Die 220 000 Plastik-Pontonwürfel für die schwimmenden Stege werden als Meisterpuzzle in wenigen Tagen zu kilometerlangen Wegen montiert und im See sicher verankert. Sie verbinden die Inseln Monte Isola und San Paolo mit dem Ufer. 100 000 Quadratmeter des goldorangefarbenen (recycelbaren!) Stoffs für die Stege sind pünktlich aus Deutschland angeliefert worden. Näherinnen warten auf das Kommando in einer extra gemieteten Halle nahe dem Seeufer. Bald schnurren die robusten elektrischen Nähmaschinen.

Auch die leidigen allerletzten bürokratischen Hürden in der Questura der Provinzverwaltung Brescia sind genommen. Das erzählt der Film des Bulgaren Andrey Paounov fast nebenbei, dafür mit viel Humor. Die Beamten haben sich auch Dank des Charmes der jungen Bürgermeisterin von Sulzano endlich im Kopf und mit dem Hintern bewegt.

Alles könnte also seinen Gang gehen, sobald das Unwetter vorüber ist und die Sonne über diesem schönen Stückchen Norditalien scheint. Aber die verlorene Zeit drängt. Der asketische Christo ist angespannt, nervös, wie immer bei seinen gigantischen Projekten, nimmt er kaum etwas zu sich tagsüber. Nur morgens eine Zehe Knoblauch, etwas Milch. Und Wasser. Ebenfalls zu sehen, wie aus dem Still-Missionarischen, Zähen, Beherrschten manchmal ein ausbrechender Vulkan wird. Da gibt es dann nur zwei ihm nahestehende Männer, die ihn, wie wir im Kinosessel staunend erleben, zu beruhigen vermögen: Christos Neffe Vladimir Javacheff, ein bulgarischer Kerl wie ein Baum, mit Nerven wie Drahtseilen, der seit dem Tod von Christos Frau Jeanne-Claude deren Part übernommen hat, und der sanfte langjährige Begleiter aller Projekte, der deutsche Fotograf Wolfgang Volz.

Dann endlich, nach Sonnenuntergang, gönnt Christo sich die alle Anspannung, allen Verschleiß vergessen lassende Pasta „bei Maria“, so heißt wohl die Köchin seiner Osteria. Aber er geht erst, nachdem die Pontons sturmsicher vertäut sind, er sich sicher sein kann, dass das nicht mit groben Eisenketten geschah, über die er sich gerade noch lautstark aufregte. Solange, bis Projektleiter Vladimir seinem weltberühmten Onkel ein ebenso lautes „Basta“ entgegensetzt. Und ihm dann liebevoll auf die Schulter klopft.

Dann, endlich: Das Wetter bessert sich. Die Filmkamera fährt nun bei Sonnenschein vom Boot und auch vom Hubschrauber aus über ein grandioses abstraktes Kunstwerk. Lediglich 16 Tage lang sollen Menschen aus nah und fern wie Jesu in der biblischen Geschichte „übers Wasser“ gehen. Bei freiem Eintritt. Die Stege ahmen die Bewegung der Wellen nach. Alle spüren das Wasser unter ihren Füßen, sehen, wie sich die Wellen unter der Oberfläche des Stoffes bewegen. Die meisten ziehen ihre Schuhe aus. Christo ist nun etwas entspannter: „Unsere Werke sind alle komplett nutzlos. Wir schaffen sie nur, weil wir sie gerne anschauen möchten“, mit dieser Mission steht der Meister in seiner Bau-Montur auf einem der Stege, und hebt die Arme, glücklich wie ein Kind, das fliegen will.

Alles scheint gut zu sein. Und die Massen strömen herbei. Zuviele, als dass die schwimmenden, schwankenden Stege das aushalten könnten. Mit zwanzigtausend Besuchern hatten Christo und sein Stab gerechnet und sich mit der Koordination des Andrangs auf die Provinzbehörden verlassen. Wie abgesprochen. Aber es kommen hundert-, zweihunderttausend an den ersten Tagen. Busladung auf Busladung, mit dem Zug, mit dem PKW, die Tourismusverbände haben sich nicht abgesprochen.

Die Sicherheits-Bedenken sind akut, wie die Filmszenen belegen. Zuviele Leute auf den Stegen; die krümmen sich schon gefährlich ins Wasser. Und im Städtchen Sulzano sind Parkplätze, Restaurants, Bistros, Hotels und die gesamte Infrastruktur inklusive Sanitäranlagen heillos überfordert. Die Exekutive und freiwilligen Ordner versagen. Social Media, Segen und Fluch, macht seine magische Netz-Arbeit gründlich und gedanken- wie bedenkenlos.

War der filmgewordene Kampf mit dem wütenden Wetter vor Tagen noch spannend wie ein Krimi, so sitzen wir Filmzuschauer angesichts des touristischen Ansturms in einem Drama auf grandioser Bühne. Das sind hochemotionale Szenen, wie der doch eben noch so glückselige und nun schier entsetzte Christo und sein zornbebender Projektleiter Vladimir abermals die träge-einfallslosen Provinzbehörde auffordern, wie vereinbart ihrer Arbeit nachzugehen. Die Menschenströme müssen gestoppt, gelenkt, zeitlich anders organisiert werden. Etwa mit der Bekanntgabe von Zeitfenstern über die Medien und digitalen Netze.

Als die zunächst sture Questura noch immer nichts unternimmt, drohen Künstler und Projektleiter mit dem Abbruch der für die Region so touristisch lukrativen Aktion. Und siehe da, in nur wenigen Stunden passiert das Wunder der Chaosbändigung.

750 Filmstunden hatte Andrey Paounov im Kasten, die mussten auf normale Länge fürs Kino geschnitten werden. Szene für Szene blicken wir hinter die Kulissen und verfolgen den turbulenten Prozess dieses gigantischen Kunstwerkes, seine technische Herausforderung und logistischen Albträume. Wir sitzen im Kino und erleben mal bangend, mal lachend ein zutiefst ehrliches, von Humor durchblitztes Porträt dieses Ausnahmekünstlers. Am letzten Tag von „Floating Piers“ sitzt er nach langem Sträuben neben dem Hubschrauberpiloten und betrachtet sein Werk. Und sieht, dass es gut ist.

Letzte Einstellung des Films: Christo ist in der Wüste von Abu Dhabi. Er kniet im Sand. Vor seinen Augen ersteht als Fata Morgana eine Mastaba, eine Pharaonengrabstätte. 2018 hat er sie auf dem Serpentine Lake im Londoner Hyde-Park schwimmen lassen. Und nun, zum Filmstart von „Walking on Water“, kam die Meldung, dass er im April 2020 für 13 Tage den Arc de Triomphe in Paris mit 25 000 Quadratmeter silber-bläulichen Stoffs verhüllen wird. Dann ist Christo 85.

Christo – Walking On Water.Dokumentation. USA/Italien 2018. Regie: Andrey Paounov. 105 Min.

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