Vier Stelen, zur Decke des MAK gereckt, die Verwirrung des Besuchers in die Mitte nehmend.
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Vier Stelen, zur Decke des MAK gereckt, die Verwirrung des Besuchers in die Mitte nehmend.

Das Minus in der metaphysischen Box

Architektur als Philosophie: Wien zeigt eine erstaunliche Retrospektive des Architekten Peter Eisenman

Von ALEXANDER KLUY

Die Verwirrung scheint komplett. Denn wo ist hier, bitteschön, die Architektur? Ist hier überhaupt etwas?

Wo ist im Prachtsaal des an der Wiener Ringstraße gelegenen mächtigen Museums für angewandte Kunst (MAK) denn nun die Ausstellung des New Yorker Star-Architekten Peter Eisenman mit dem merkwürdig sich ins Gedächtnis brennenden Titel "Barfuß auf weißglühenden Mauern"? Wo sind hier Modelle, Fotos, Skizzen, Grundrisse, Materialien, Entwürfe, wo geheiligte Accessoires kreativen Schaffens wie schwungvoll bekritzelte Servietten, Notizzettel und Taxiquittungen, wo bunte 3D-Computeranimationen, die sich als Endlosfigur auf Computermonitoren um die eigene Achse drehen, und wo ausführliche Dokumentationen und Beschreibungen gebauter oder geplanter Wohnhäuser, Museen, Bahnhöfe, Hochhäuser, Sportstadien, Denkmäler und Stadtplanungen? Und: Wann hat man sich das letzte Mal in einer Architekturausstellung verlaufen, wann die Orientierung verloren und das Raumgefühl eingebüßt?

Im Ausstellungssaal des MAK betritt man fast undurchdringliches Dunkel, tastet sich langsam, ja zögernd vor, bass erstaunt vom eigenen Erstaunen, kann gerade noch den Einführungstext auf der Wand neben dem Eingang entziffern - und ist dann ganz auf sich zurück geworfen. Und assoziiert bei einem so gewitzten Kopf wie Peter Eisenman, seit Jahrzehnten Professor an renommierten nordamerikanischen Architekturfakultäten, sogleich Platons Höhlengleichnis als Beispiel für das Entstehen der Imagination durch Denken.

Im Grunde ist hier Architektur gänzlich absent. Und doch wäre Eisenman nicht der listige Dialektiker, der er ist, würde er mit dieser großen Werkschau nicht vor Augen führen, dass Architektur so präsent wie kaum jemals zuvor mittels einer solchen Präsentation sein kann. Schon im Foyer des Seiteneingangs wird man auf die Aufgabe eingestimmt. Denn ähnlich wie bei Ausstellungen von Eisenmans intellektuellem Architektur-Antipoden Rem Koolhaas kann man auch hier T-Shirts mit nach Hause tragen. In Wien steht auf ihnen: "I am not difficult architecture is". Nicht ich bin es, der schwierig ist, sondern Architektur.

Zwischendecke und Säulen

Vielleicht muss man anders beginnen, mathematisch-nüchtern. Die Ausstellung besteht aus: einer auf 2,55 Meter Höhe eingezogenen Zwischendecke, aus dreißig rechteckigen boxenähnlichen Säulen, die unterschiedliche Objekte enthalten, sich zu verschiedenen Seiten hin öffnen und die Zwischendecke durchstoßen. Diese Säulen werden von oben beleuchtet. So ergibt sich ein Überbau-First, entlang dem sich das Licht zu entflammen scheint - die "weißglühenden Mauern". Auf dem Boden befindet sich ein Raster weißer Markierungen, die keine Wegführung anbieten, denen man nicht folgen kann. Ansonsten Nacktheit, eben "barfuß".

Gezeigt werden in den Boxen Eisenman-Projekte aus dreißig Jahren, vom House IV von 1971 über das Wohnhaus an der Berliner Friedrichstraße (1981-1985) bis zu den Entwürfen für ein Museum in Paris (1999) und einen neuen Stadtbahnhof in Neapel aus dem Jahr 2003. Die großen Universitäts- und Museumsbauten in Columbus und Cincinnati sind ebenso zu sehen wie die Planungen für Berlins Mahnmal für die ermordeten Juden Europas und für Santiago de Compostela im Nordwesten Spaniens, diagrammatische Studien von Villen Andrea Palladios wie eine Hommage an Giovanni Battista Piranesi und topologische Studien für Venedig, Hochhausmodelle für New York und Fernsehinterviews mit Eisenman. Aber von jedem existiert in Wien nur ein bisschen, hier ein Fragment, dort eine Chiffre, hier ein nicht allzu fein gearbeitetes Modell, dort ein an die Wand gespraytes Wortspiel.

Diese Retrospektive, Eisenmans umfassendste seit zehn Jahren, führt an die praktischen Grenzen der Didaktik. Sein Vorgehen transzendiert das Genre Ausstellung und macht zugleich das Umgehen mit Raum paradoxerweise zum raffiniert durchdachten Herzstück der Schau. So viel Architektur war nie, jedenfalls nicht im Museum. Der eloquente Theoretiker Peter Eisenman demonstriert architektonisches Denken als intellektuell-philosophisches Begreifen. Die Schau ist auf das Wesentliche reduziert, auf Materie, sinnliches Empfinden und Begreifen, und vibriert andererseits, wenn man sich darauf einlässt, von Anspielungen; sie ist konkrete Architektur, abweisend und einladend - nicht zuletzt metaphysisch.

Verwirrung und Ehrfurcht

Ist "Barfuß auf weißglühenden Mauern", wie der Kritiker Emmanuel Petit im Begleitkatalog meint, nur ein Spiel, wenn auch ein intrikates, wobei der Betrachter "in heillose Verwirrung gestürzt (wird) und doch voll Ehrfurcht" bleibt? Es ist mehr - eine Einführung ins reine architektonische Denken, ein anthropologisches Experiment über Raum, Zeit, Licht. Der indirekt beleuchtete Korpus, verwandelt und in das Gebäude eingeschoben, verbirgt Geheimnisse eines erstaunlich romantizierenden Arbeitens, eines Werkbegriffs, der Zeugnis ablegen kann von einem Fortschreiten und Entwickeln nur noch in Fragmenten, Andeutungen und theoretischen Ausführungen.

Vielleicht erklärt sich diese Ausstellung aus einem Buch von Eisenman. 2003 erschien nach vierzigjähriger Beschäftigung sein großes Buch über Giuseppe Terragni, den (überzeugten Faschisten und) Hauptvertreter des italienischen Rationalismus der Zwischenkriegszeit. Der Untertitel der Monographie lautet "Transformations Decompositions Critiques". Diese Werküberschau Peter Eisenmans bietet eben dies, Transformationen - Veränderungen durch manipulative Eingriffe -, Dekompositionen, also Auflösungen, und Kritiken, des Entwerfens wie des ernsthaften Durchdenkens der eigenen Profession und Professionalität jenseits des allein Spektakulären.

Mit 9/11 habe das größte Medienspektakel seine Inszenierung gefunden, erklärte Peter Eisenman selbst: "Im Zeitalter des Terrors muss die Architektur, die ideologisch und politisch ist, Flagge zeigen, sie kann nicht länger spektakulär und bedeutungsvoll sein. Diese Ausstellung ist meine Antwort darauf, sie hätte nicht vor 9/11 entstehen können. Ich habe für mich beschlossen, eine andere, nach innen gewandte Richtung einzuschlagen, und die ist das Nichts, vielleicht sogar das Minus."

Diese Schau, so Eisenman, wäre auch an keinem anderen Ort als in Wien, der Stadt Wittgensteins, Loos' und Freuds, möglich gewesen. "Hätte ich sie in New York gemacht", sagte er, "niemand hätte sie verstanden." Ein Glück, dass es Wien gibt. Ein Glück, dass es diese Ausstellung in Wien gibt.

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