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Minister rügt Sendung zu palästinensischem Dichter

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Von: Inge Günther

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Der israelische Verteidigungsminister Avigdor Lieberman.
Der israelische Verteidigungsminister Avigdor Lieberman. © REUTERS

Israels Verteidigungsminister Avigdor Lieberman wirft einem Armeesender mangelnden Patriotismus vor, weil er sich mit einem palästinensischen Autor befasst hat. Liebermans Angriff könnte allerdings nach hinten losgehen.

Israels Verteidigungsminister Avigdor Lieberman, bekannt für rechtspopulistische Ansichten, hat sich wieder mal auf Kriegspfad begeben – gegen den Armeesender Zachal, der ihm zu unpatriotisch erscheint. Zachal hatte sich in dieser Woche in seinem Bildungsprogramm mit dem palästinensischen Nationaldichter Mahmud Darwisch beschäftigt. Dessen „antizionistische Texte“ leisteten dem Terror Vorschub und verletzten die Gefühle der israelischen Öffentlichkeit, ließ Lieberman erklären. Da könne man gleich Hitlers „Mein Kampf“ als „Literaturperle“ bezeichnen.

Der Verteidigungsminister bestellte den Chef des Armeeradios ein, Kommandant Jaron Dekel. Prompt legte Generalstaatsanwalt Avichai Mandelblit, der als Rechtsberater der Regierung fungiert, Einspruch ein: Lieberman dürfe sich nicht als Zensor aufspielen. Auch Zachal genieße Meinungsfreiheit und das Recht, Programminhalte unabhängig zu bestimmen.

Die Vorwürfe gegen den 2008 verstorbenen Darwisch seien ohnehin „grotesk“, befand die linksliberale Zeitung „Haaretz“. Seine Gedichte, übersetzt in viele Sprachen, gehörten zum israelischen Narrativ und seien dazu von hoher künstlerischer Qualität. Abgesehen davon war Darwisch eine herausragende Stimme gegen Holocaust-Leugner. Der Holocaust müsse als Menschheitsverbrechen eingeordnet werden, betonte er in Interviews (unter anderem mit der FR).

Geboren in einem Dorf in Galiläa, das im israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 zerstört worden war, lebte Darwisch erst in Akko und Haifa, bevor er in den siebziger Jahren ins Exil ging und sich der PLO anschloss. Einiges aus seiner frühen Poesie mag propagandistisch klingen. Von den Palästinensern wird er bis heute als nationales Symbol, als Ausdruck ihres Freiheitswillens, verehrt – eine Rolle, die ihm später wenig behagte. Er trat für eine friedliche Koexistenz „mit den Anderen“ ein, den Israelis.

Der frühere Erziehungsminister Jossi Sarid von der linken Meretz-Partei setzt sich zwar mit dem Vorhaben, die Darwisch-Lektüre ins Pflichtcurriculum zu nehmen, nicht durch. Aber einige israelische Lehrer behandeln den Stoff im Wahlfach noch heute.

Vorerst gescheitert ist auch Lieberman mit dem Versuch, Zachal einen Maulkorb umzubinden. Abwickeln möchte er ihn am liebsten trotzdem. Einstweilen wird er ertragen müssen, dass israelische Medien wieder häufiger Darwisch zitieren. Und nicht nur sie. Arabisch-israelische Abgeordnete haben angekündigt, in der nächsten Knesset-Sitzung Darwisch-Gedichte vorzutragen.

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