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Die Mimikry enttarnen

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Von: Martín Steinhagen

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Rechte Parolen auf einer Kundgebung: Die Römerberg-Gespräche versuchen den "Erfolg des Autoritären" zu ergründen.
Rechte Parolen auf einer Kundgebung: Die Römerberg-Gespräche versuchen den "Erfolg des Autoritären" zu ergründen. © imago

Die Römerberggespräche suchen nach den Ursachen für den Aufstieg des Autoritäten - und nach aufklärerischen Gegenstrategien.

„Wir Heutigen, wir müssen die Aufklärung in die Pflicht nehmen“, sagt der polnisch-deutsche Schriftsteller Artur Becker am Samstagvormittag im Frankfurter Schauspielhaus. In die Pflicht nehmen für eine Kritik der Gegenwart, für eine Selbstkritik der Vernunft und für das tägliche Aufbäumen gegen die Fanatiker. Nur: Was macht eigentlich die autoritären Fanatiker aus und was ihre Erfolge möglich?

Im durchgängig vollbesetzten Chagallsaal widmen sich die Römerberggespräche am Samstag der „Ohnmacht der Aufklärung und dem Erfolg des Autoritären“. Das Unbehagen an einer zuletzt besonders groß erscheinenden „Folgenlosigkeit von Lügen“ in der Politik, an einer Sinnlosigkeit des politischen Streits, wenn Argumente offenbar nichts mehr zählten, wie es Moderator Alf Mentzer zu Beginn formuliert, zieht sich durch die Vorträge. Die Römerberggespräche sind dabei auch ein Versuch zu verstehen, was Populisten, Autoritäre und ihre Anhänger heute charakterisiert und antreibt.

Der Stuttgarter Philosoph Philipp Hübl sieht in den Rechtspopulisten nicht ökonomisch, aber kulturell Abgehängte. Er unterscheidet zwei idealtypische Denkstile: einen progressiven und einen konservativ. Beide seien von emotionalen Dispositionen geprägt, aber eben von verschiedenen. Sein Rat: „In normativen Debatten konsequent nach den Gründen fragen.“ Moralischer Fortschritt entstehe schließlich durch das „Überschreiben spontaner emotionaler Reaktionen“.

Thea Dorn deutet Populisten vor allem als erfolgreiche Selbsttäuscher – besonders den US-amerikanischen Präsidenten Trump, der alles unternehme, um ja nicht als Loser dazustehen. Selbsttäuschung und Lebenslüge sind für die Schriftstellerin zwar eine nachvollziehbare und von allen in unterschiedlichen Dosierungen konsumierte Palliativmedizin, aber doch stets Ausdruck von Ohnmacht. Sie seien ein implizites Eingeständnis, gegen die Verhältnisse nichts mehr ausrichten zu können. Das Geschrei von der Lügenpresse, das rabiate Vorgehen gegen die Medien, wenn Populisten an der Macht sind, erklärt sie sich aus der Angst der Selbsttäuscher vor der Konfrontation mit dieser Erkenntnis, vor dem Ruf: „Der Kaiser ist nackt!“

Auch Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller sieht die Populisten in einem „permanenten Kulturkampf“, um dem vermeintlich wahren Volk zu zeigen, wer nicht dazugehört. Ausgrenzung sei ein Strukturelement „populistischer Regierungskunst“, sagt Müller, die stets darauf abziele, Kritiker als undemokratisch zu diskreditieren und zugleich „den Staat als Ganzes in Besitz zu nehmen“ und dabei auf einen Minderheiten ausschließenden „Massenklientelismus“ setze. Populisten verfügten nicht über ein philosophisches Programm, so Müller weiter, aber über eine Geschichtsphilosophie, in der meist auf Phasen der angeblichen Dekadenz eine reinigende Wiedergeburt folge, nach der alles „great again“ werden soll.

Dafür, die mehr oder minder philosophischen Vorbilder der deutschen Neuen Rechten ernst zu nehmen, plädiert der Hamburger Historiker Volker Weiß. Wer der Mimikry dieser Bewegung nicht auf den Leim gehen wolle, müsse sich mit ihren historischen Stichwortgebern befassen. Diese seien aber nicht direkt im Nationalsozialismus zu suchen, sondern in den ultranationalistischen Kreisen der 1920er und 1930er Jahre. Eine Analyse der Schriften von Autoren wie Edgar Julius Jung, Oswald Spengler, Armin Mohler mache deutlich, dass das, was sich heute als Neue Rechte formiere, mit Konservatismus nichts zu tun habe. Schon die Vorbilder zeichnete eine Nähe zum italienischen Faschismus aus.

Der Hauptfeind der Neuen Rechten sei das westliche Denken, die liberale Gesellschaft selbst. Weiß plädiert dafür, sich auch mit den zeitgenössischen Kritikern der neurechten Vorbilder zu befassen, mit den „Studien zum autoritären Charakter“ des Instituts für Sozialforschung, mit Leo Löwenthals Untersuchungen „falscher Propheten“, die an den Universitäten aber sträflich vernachlässigt würden. Weiß argumentiert dabei gegen ein allzu einfaches Gegeneinandersetzen von Ratio und Wahn, von Fakten und Fake. Auch Kapitalismus und Liberalismus wiesen „hoch religiöse“ Züge auf, die fortschreitende Ökonomisierung der Gesellschaft stehe keineswegs im Widerspruch zu den sozialdarwinistischen Träumen vom Ständestaat der Rechten.

Für eine radikale Kritik, für ein Theater, das Antagonismen sichtbar macht, spricht sich am Samstag der Schweizer Regisseur Milo Rau in der Diskussion mit Martina Droste, Leiterin des Frankfurter Jungen Schauspiels, aus. Droste wirbt für das Theater als Ort des Empowerment und der Verständigung, für seine „dialogische Struktur“, vielleicht liege darin ein Grund für die vielfach zu beobachtende Angst der Autoritären vorm Theater. Als nicht-technisches Medium sei es weniger leicht zu kontrollieren, fügt Milo Rau hinzu. Und: Die Widersprüche müssten aber letztlich in der Wirklichkeit gelöst werden – „und nicht in der Matinee am Sonntag.“

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