Volker Kriegel im Jahr 1973. 

„Biton Grooves“

Vom milden Wahnsinn

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Utopische Gebrauchsmusik, meilenweit entfernt von den Faulheiten der Gegenwart: Aus dem Tonband-Archiv von Volker Kriegel.

Tonbänder reagieren empfindlich auf Feuchtigkeit und Temperaturschwankungen. Die Begegnung mit einem äußerlich unversehrten Tonbandarchiv ist also nicht nur eine mit der Vergangenheit, sondern immer auch ein spannender Moment: Wie viel von der magnetisch gespeicherten Information wird die Jahre überlebt haben?

Im Falle von Volker Kriegels Tonbandarchiv war der größte Teil der Bänder in einem exzellenten Zustand – großer Glücksfall in einer Zeit, in der eine Wiederentdeckung dieses Musikers im Gange ist. Die renommierte Schallplattenfirma MPS ist – unter neuer Eigentümerschaft – mit Wiederveröffentlichungen aus dem eigenen Archiv herausgekommen, Kriegels Cartoons sind (bis 27. Januar) im Frankfurter Caricatura Museum zu sehen.

Und jetzt also die Tonbänder. Darunter fanden sich unter anderem Masterbänder der Epoche machenden LP des Quartetts Spectrum, „Mild Maniac“ von 1974 und auch von der ein gutes Jahrzehnt später bei mood records erschienenen LP „Schöne Aussichten“.

In beiden Fällen sind die klangkundig bearbeiteten Aufnahmen ergänzt durch Bonus Tracks: alternative Versionen („Prinz Eisenherz“ und „Schnellhörspiel“), Live-Aufnahmen von den Idsteiner Schlosskonzerten 1977, eine ironiefreie Verbeugung vor dem damals populären Fingerpicking-Helden Leo Kottke oder auch drei Kompositionen Kriegels für einen Kurzfilm.

Volker Kriegels Musik entstand in einer Zeit, in der wohl die meisten Musiker und Hörer populärer Musik am liebsten E-Gitarristen gewesen wären, um schnell, laut und verzerrt daher zu brettern. Kriegel lebte diesen Traum auf eigene Weise, die die krachledernen Anteile des Gitarrero-Wesens hinter sich ließ. Er spielte schnell, aber nicht brachial oder schematisch, sondern fließend, perlend, mit langbogigen Licks und feinen Bendings. Er spielte elektrisch und mit reichlich Effekt-Elektronik, aber meist auf einer halbakustischen Gitarre und gebändigt und überaus kultiviert. Sein Jazzrock-Sound hatte immer etwas Ironisch-Universelles, seine handwerklichen Fähigkeiten und sein klangliches Einzugsgebiet waren grandios.

Das Prunkstück des Konvoluts aber ist das 2-CD-Album „Biton Grooves“. Es handelt sich um Musik, die im Frankfurter Biton Studio aufgenommen wurde. Die Besetzungen sind ein wenig lässig verzeichnet, denn die Absicht war, sagen wir: kommerziell. Das Studio stellte die Aufnahmen kostenlos Fernseh- und Radiostationen zur Verfügung zur Verwendung nach eigenem Ermessen. So kamen Stücke der Mild-Maniac-Besetzungen in Nachtprogramme, in Nach- und Vorspann-Sequenzen. Die Musiker bekamen von der Gema, Biton aus Verlagsrechten ein bisschen Geld. Offenbar war das eine Zeit lang ein tragfähiges Geschäftsmodell.

Und eine geradezu utopische Gebrauchsmusik, meilenweit entfernt von den elektronisch zusammengeschobenen Faulheiten der Gegenwart. Wenn diese Musik es in die Fahrstühle der Republik geschafft hätte, wie gern würde man heute Fahrstuhl fahren.

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